Stromlinie: Der Starliner#
(Von den 1920ern ins Jetzt)#
von Martin KruscheEs hat mich über Jahre immer wieder beschäftigt, wie die Kunst uns in der Art die Welt zu sehen prägt; und wie Design auf unseren Alltag einwirkt. Während meiner Kindertage war in meinem Milieu der Begriff „modernde Kunst“ mit einem abwertenden Beigeschmack versehen.
Das war eine Zeit, in der meine Leute die Booklets von „Readers Digest“ für einen angemessen Inhalt von Bücherregalen hielten, in der sie Comic-Hefte und generell die Popkultur unter „Schmutz und Schund“ reihten. Malerei, deren Inhalte sich rational nicht leicht identifizieren ließen, sorgte für Unruhe.
Modern?#
Wer heute „modernde Kunst“ sagt, um sich auf Gegenwartskunst zu beziehen, fand offenbar das 20. Jahrhundert nicht interessant genug, um geschmacklich im 21. anzukommen. Das schafft Raum, damit etwa Menschen, die ihr Leben durch Hobbykunst aufwerten, sich unter die gleiche Flagge wie die Kräfte der Gegenwartskunst reklamieren, denn die Diffusion von Kategorien taucht alles in Unschärfe.Das schafft an manchen Stellen auch eine Irritation, die sich gut vermeiden ließe, wenn man beide Bereiche als ein jeweils eigenständiges Genre begreifen würde, komplementär zum anderen angeordnet; die Gegenwartskunst und die Hobbykunst (Voluntary Art). Da gilt einmal mehr: Wenn wir keine Begriffe haben, wissen wir nicht, worüber wir reden. Dafür bleibt dann Small Talk übrig, was gelegentlich ein kulturpolitisches Fiasko ergibt. Wo sind wir also, wenn wir dank der aktuellen Mediensituation überall sind?
Nächste Station: Digitalmoderne#
Die Dampfmaschinen-Moderne ist Geschichte, die Vierte Industrielle Revolution ein Faktum. Der Weg heraus aus den 1920er und 1930ern zeigt sich rückblickend als eine ästhetische Abenteuerreise, deren Nachwirkungen bis heute auffindbar sind.Raymond Loewy war eine Persönlichkeit, wegen der ich mich einst für Industriedesign besonders zu interessieren begann. Es ist der 1953er Studebaker Commander Starliner von Loewy und Robert Bourke, den ich bisher bloß einmal live gesehen hab, der mich fesselte.
Das war jene Art von Automobildesign, über die seinerzeit gespöttelt wurde, man wisse nicht, ob der Wagen ankomme oder wegfahre, wenn man ihn erblickt. Oder meine „Baby Brownie“. Eine Kompaktkamera, die Walter Dorwin Teague gestaltet hat. Aus Bakelit gefertigt, einem Kunststoff, der in meinen Kindertagen noch sehr gegenwärtig war. Die Form dieser Kamera ist Art Deco.
Ein wichtiges Stichwort. In den USA erwies sich Art Deco mit seinen strengen Linien als eine deutliche Reaktion auf den üppigen Jugendstil. Danach, beim Weg in die große Depression der amerikanischen Wirtschaft, dämmerte dann eine stilistische Wucht herauf: American Streamline. Rund ein Jahrzehnt zuvor hatte Walter Gropius auf dem alten Kontinent sein Bauaus-Manifest veröffentlicht.
Bucky#
Mit der Neugier auf jene Prozesse blieb ich gleichzeitig in Fragen verstrickt, die ich aus den Werken der Russischen Avantgarde bezogen hab. Außerdem scheint mir bis heute, wir sind mit dem Dadaismus noch nicht fertig. Zugleich war ich dann schon bei Fluxus und der ganzen Beuys-Sache, aus der vor allem Hobby-Leute gerne manch verfälschtes Zitat herleiten, um sich damit zu kostümieren. (Ich nenne das „Beuyseln“.)Wie man sehen kann, beschäftigt mich auch Warhol nach wie vor. Ein irritierender Charakter, der zwischen Konsumwelt und Kunstwelt Verbindungen offengelegt hat, aber auch das Spiel mit der Aufmerksamkeitsökonomie beherrschte. Und Richard Buckminster-Fuller, von dem mir Künstlerin Victoria Vesna ein bemerkenswerte Zitat zugetragen hatte.
Im Grazer „Kunsthaus" bezog sie sich nach der Installation ihres „Quantum Tunnel“ ausdrücklich auf “Bucky“. Da kam ein Bonmot vor, das etwa besagt: „Je entwickelter die Kunst ist, desto mehr ist sie Wissenschaft. Je entwickelter die Wissenschaft ist, desto mehr ist sie Kunst". Vesna war längst wieder unterwegs, als ich nachgefragt habe, ob ich es richtig kapiert hatte.
Sie schrieb mir 2008: „Below is the quote that you understood right. Best from Gdansk, V“ und: „The great aesthetic which will inaugurate the twenty-first century will be the utterly invisible quality of intellectual integrity; the integrity of the individual dealing with his scientific discoveries; the integrity of the individual in dealing with conceptual realization of comprehensive interrelatedness of all events; the integrity of the individual dealing with the only experimentally arrived at information regarding invisible phenomena; and finally integrity of all those who formulate invisibly within their respective minds and invisibly with the only mathematically dimensionable, advanced technologies, on the behalf of their fellow men“. (Fuller, 1973)
- Die Startseite: Stromlinie (Mythos Puch Nr. 12)
Kontext#
- Die Genres und die Begriffe (Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst)
- Popismus (Malewitsch, Warhol und Konsorten)
- Dreisprung im Design (Streamliner, Ponton und Keil)
- Victoria Vesna
Postskriptum#
Im Magazin „Autoweek“ (Michigan, USA) hieß es, der 1953er Studebaker Commander V8 Starliner zeige ein „low, lithe, Continental styling as a breath of fresh air. It's not too far off-base: Loewy's styling was radical, at least by American standards. Subtle cues, like the carved-out, front quarter panels and doors, gave the car a lean, sleek appearance (the look lives on in the Dodge Charger's sheet metal).“Dabei ist auch dieser Aspekt bemerkenswert: „And in an era when Detroit was working to make cars look and feel massive, the South Bend automaker was playing up their models' slim, low, ‚European look.‘ That didn't mean its cars were tiny, though. Studebaker coupes and hardtops of the era had 120.5-inch wheelbases; compare that to the Citroën 2CV's petite 94.5-inch length.“




