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Nero - Kluger Politiker, Schöngeist und er soll Rom zerstört haben? Wahrhafter Repräsentant des Cäsarenwahns?#

Von Ernst Zentner

Vorbemerkung

Als ich mich an dieses Thema wagte, dachte ich daran den Ruf Neros, geschädigt vom Cäsarenwahnsinn, etwas zu reinigen. Doch bei strenger Analyse - antike Texte und Überlieferungen - musste ich die bittere Feststellung machen, dass er von allen Kaisern Roms tatsächlich der Schlimmste gewesen sein könnte. Sie waren gegen ihn noch astrein und Heilige. Aber es gibt Ungereimtheiten. Zweifellos. Nero mochte die Freigelassenen eher als die Senatoren und Ritter, und diese waren leider alle vom Ungeist der Korruption zerfressen. Er war ein Künstler, ein Schöngeist von eigenen Gnaden. Und das macht ihm zum Rätsel in der Geschichte des Altertums. Jeder Kenner dieser Materie sieht Nero anders. Kein Problem. Seine Biografie zeigt ihn als wohlwollenden Kaiser der dann den mörderischen Weg der Macht zur Tyrannei beschritt. Die Konsequenz war wie bei allen Diktatoren genereller Machtverlust und der obligatorische Untergang. Rom war ein Staat, der in der Mittelmeerwelt bis Nordeuropa bestand, so mit ihm auch die Vor- und Nachteile im Machtzentrum.
Wenn ein Politiker oder Herrscher nicht mehr fähig ist Macht und Kontrolle auszuüben, dann werden seine Entscheidungen von Leichen gesäumt. Keine Sorge, es ist keine Horrorstory aber es war für die Menschen damals (übrigens im 20. Jhdt. auch!) Horror.

Büste des jugendlichen Kaisers Nero, um 54. Antikensammlung im Königlichen Schloss, Stockholm
Büste des jugendlichen Kaisers Nero, um 54. Antikensammlung im Königlichen Schloss, Stockholm - Foto: Wolfgang Sauber, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Aureus von 54, der junge Nero mit seiner Mutter Agrippina - Seltene Goldmünze der Antike
Aureus von 54, der junge Nero mit seiner Mutter Agrippina - Seltene Goldmünze der Antike, 54 - Foto: http://www.wildwinds.com/coins/ric/nero/t.html, Wikimedia Commons - Eingeschränkt Gemeinfrei
Nero. Kopf von einer über zwei Meter und 40 Zentimeter hohen Statue, nach 64
Nero. Kopf von einer über zwei Meter und 40 Zentimeter hohen Statue, nach 64; Münchner Glyptothek - Foto: Bibi Saint-Pol, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
A. D. 54. Nachdem Claudius ermordet wurde - anderen Quellen zufolge soll er auf natürliche Weise gestorben sein - entschieden die Prätorianer dessen Adoptivsohn Nero Claudius zum neuen Imperator zu erheben. Unter Jubelrufen wurde er zum Princeps erhöht. Der Senat war mit dieser Entscheidung einverstanden. Er war der letzte Kaiser der julianisch-claudischen Dynastie. Nero ließ sich von seinem Lehrer Seneca eine Lobeshymne schreiben. Später wird Seneca ungenannt eine Verspottung über Nero dichten. Der junge Imperator bedachte die Pretorianer mit einer großzügigen Spende und jeder Bürger Roms soll angeblich 40 Sesterzen geschenkt bekommen haben. Zum Vergleich: Ein Sklave kostete 2.500 Sesterzen und was würde so einer heute kosten? Noch ein Vergleich ein erfolgreicher Gladiator zur Zeit Caligulas kostete fast 700.000 Sesterzen.
Vor dem Senat entschuldigte sich Nero wegen seiner politischen Unerfahrenheit. Nero ging mit einer Zuversicht und Unbefangenheit in sein verantwortungsvolles Amt. Aber die Mechanismen der Macht hatten ihre eigenen ungeschriebenen Gesetze. Einer seiner "Ahnen" war ein Konsul gleichen Namens, dieser besiegte um 207 v. Chr. Hasdrubal bei Sena. Kriege der Römer waren immer komplizierte Angelegenheiten und oftmals spielten Intrigen unter den Oberkommandierenden eine gewisse Rolle. Seine Mutter war Iulia Agrippina - eine Schwester Kaiser Caligulas - und der Vater hieß Gnaeus Domitius Ahenobarbus und war römischer Politiker der früheren Kaiserzeit. Nach dessen Tod (40) heiratete sie Kaiser Claudius. Agrippina wollte, dass ihr leiblicher Sohn Kaiser werde und achtete auf eine hervorragende Ausbildung. Claudius hatte zwar einen eigenen Sohn - Britannicus - aber er akzeptierte Agrippinas Sohn im Erlebensfall als Nachfolger. Der junge Britannicus galt als Epileptiker und war für ein so schweres Verwaltungsamt über Rom doch nicht so geeignet. Claudius war ein realistisch denkender Mensch. Möglicherweise könnte Agrippina ihren Ehemann Kaiser Claudius vergiftet haben, aber gilt als nicht so sicher. Wenn es ein Motiv gab, handelte es sich um die sichere Nachfolge ihres Sohnes im Kaiseramt. Aber da hat sie überreagiert vor Sorge und wenn!
Nero. Geboren wurde er am 15. Dezember 37 in Antium (Anzio, Latium, Rom) und hatte rotblonde Haare und blaue Augen wie alle männlichen Mitglieder in der Familie Ahenobarbus. Der Name Nero bedeutet lateinisch oder italienisch Schwarz. Aber im sabinischen Sprachgebrauch lag die Deutung eher bei willensstarker und willensdurchsetzender Mann, eigentlich "tapfer".
Nero zählte erst 17 Jahre. Drei Jahre zuvor wurde er als volljährig angesehen. Klar, dass er mit dem Politikeramt vielleicht vorerst nicht zurechtkam. So wie jeder Nachkomme einer hochgebildeten Patrizierfamilie wurde er einer entsprechenden Ausbildung unterwiesen. Sein Lehrer der Philosoph Lucius Annaeus Seneca wurde in den ersten Jahren sein wichtigster Berater und Helfer in sachpolitischen Fragen. Dazu nahm er die gutgemeinten Ratschläge Sextus Afranius Burrus, des Generals der Leibgarde an. Schließlich galt es ein Weltreich zu regieren und das ging nur über die Machtfülle des Senats.
Einiges über Seneca: Er war Philosoph, ein Dramatiker, Naturforscher und ein Stoiker. Seit 49 war er an der Seite als Erzieher Neros. Seneca trat dafür ein, dass ein Herrscher Milde walten sollte. Er war zu dieser Zeit einer der meistgelesenen Autoren. 55 war er kurzzeitig Konsul (eigentlich: consul suffectus) und als Politiker hielt er sich nicht an seine eigenen Lehren! Natürlich wurde er dafür kritisiert. Neros Mutter Agrippina verlangte von Seneca, er solle keinesfalls Nero die Philosophie vermitteln, ihr Sohn solle gefälligst herrschen und unbefangen Entscheidungen treffen. Zumindest könnte Seneca den jungen Kaiser seine Schriften zugespielt haben.
Die erste Zeit war die Ära friedlicher Entscheidungen. Für das Weltreich Rom war das zumindest ein guter Anfang. Nero agierte als verantwortlicher Verwaltungsjurist, beließ den Senatoren das Recht der Eigenständigkeit. Schaffte die unter seinen Vorgänger Claudius die harten maiestas-Prozesse (Majestätsbeleidigung) ab. Beim Volk war er beliebt wegen Senkung der Getreidepreise und der veranstalteten Spiele. Verbrecher verurteilte er zur Zwangsarbeit, Adelige schickte er ins Exil oder legte ihnen nahe Selbstvernichtung zu begehen. Als er erstmals ein Todesurteil unterzeichnen musste, klagte er: "Wenn ich doch bloß nicht schreiben könnte!". Jedenfalls übten auf ihn guten Einfluss Seneca, Burrus und Agrippina. Und das bis 59. Weil Iulia Agrippina inmitten einer Herrscherfamilie stand und einen Kaiser zu seinem und ihrem Gunsten beeinflusste wurde sie vielleicht auf seine Anordnung hin in Kampanien (Westküste Italiens) ermordet. Geklärt wurde das nie. Sein jüngerer Stiefbruder Britannicus wurde noch vor Erreichen der Volljährigkeit im Alter von 14 Jahren von Nero bei einem Festmahl im Februar 55 vergiftet, der das ganze als gewöhnlichen Anfall von Epilepsie - wie einst Julius Cäsar daran litt - dargestellt hatte. Nero argwöhnte, dass sein junger Stiefbruder Britannicus vielleicht seine Rechte geltend machen und den Kaiserkranz einmal einfordern könnte. Dennoch zweifelhaft. Sein Stiefbruder galt als kränklich. Ein Zwischengedanke: Wenn in diesen Kreisen ein Mensch aus nicht geklärten Umständen gestorben war und das überraschend, dann war der nächste Gedanke immer: Mord durch Vergiftung.
Wenn ein Mensch in so einem Klima der Angst und des Willens zum Überleben lebt oder dahinvegetiert, bleibt diesen Menschen nur der Weg des Soziopathen über. Das ist jedenfalls immer so. Ein Akt des Überlebens, der eigenen Person oder der eigenen Idee. Das ist Teil der Mechanismen der Macht.
Vielleicht war der Tod Agrippinas das auslösende Moment des Staatsterrors, den Nero formvollendet verantwortet hatte. Nur an er Macht zu bleiben, bedeutete merkwürdige Entscheidungen zu tätigen. Als Kaiser kannte er die Geschichte Roms zu gut: Selten war ein Imperator im Bett gestorben!
Nero gilt als erster Princeps in der Geschichte Roms, der nie an einem Feldzug teilgenommen hat. Er ließ die Provinzen durch Statthalter verwalten. Friedlich ging es im Reich Rom auch nicht immer zu: In den Jahren von 58 bis 63 erreichte der kluge Feldherr Gnaeus Domitius Corbulo die Rückgewinnung Armeniens und es kam zu einem Verständigungsfrieden mit den Parthern: Corbulo hatte den König Tridates I. - Trdat - von Armenien angegriffen und diesen durch den in Rom aufgewachsenen romhörigen Tigranes VI. ersetzt. Doch Tigranes entschied eine eigene Außenpolitik. Er griff Adiabene (Vorderasien), eine Region des Parthischen Reiches an (61). Prompt drohte ein gewaltsamer Konflikt zwischen Rom und den Parthern auszubrechen. Der Partherkönig Vologaeses I. sah eine friedliche Lösung: Armenien soll entmilitarisiert und Tridates wieder als König eingesetzt werden. Für den römischen Senat unannehmbar. Der römische Politiker Lucius Iunius Caesennius Paetus, Statthalter von Kappadokien (Zentralanatolien, Türkei), soll Armenien wieder unter die Obhut Roms bringen. Doch das ganze wurde für Paeta zu einem Fiasko. 62 erlitt er bei Rhandea eine schwere Niederlage durch die Parther. Er wurde zur Kapitulation und zur Räumung Armeniens gezwungen. Corbulo wurde neuerlich zu einem Kommando erhöht. Mit einer starken Militärtruppe überquerte er den Euphrat (63). König Trdat (Tridates) verweigerte die Schlacht, schloss Frieden. Kein Sieger. Lösung: Die Parther sollen weiterhin bestimmen wer König von Armenien wird; Rom soll diesen einsetzen. Rom war einer Blamage entkommen. Trdat legte vor einer Statue Kaiser Neros seinen Königskranz nieder und gab das Versprechen, erst sie wieder aus der Hand Neros zu übernehmen. Das geschah auch 66. Das war Weltpolitik vom feinsten.
Im Jahr 67 brachen in Judäa Unruhen aus. Nero sah sich mit der Tatsache konfrontiert, dass der römische Politiker, Senator und Feldherr Corbulo viel beliebter war als er. So setzte er einen bedeutungslosen Mann namens Vespasian als Befehlshaber über das römische Heer ein. Corbulo wurde nach Griechenland beordert. Im Hafen Kenchreae von Korinth übergab ihm ein Bote den Befehl zur Selbstvernichtung. Angesichts seiner Familie und seines Vermögen kam er den Befehl nach … Inwiefern Corbulo an einer Verschwörung gegen Nero beteiligt war ist auch nie geklärt worden. Das Ganze war ein bitterer Machtkampf zwischen Kaiser Nero und dem ausgeprägten Militärapparat. (Nur als Vergleich: Wenn in einem Staat es zu einem Putsch kommt, führt der höchste Militär das Kommando und wenn er Courage hat bleibt er an der Spitze.)
Anfangs lehnte Nero Blutvergießen ab. Sueton gestand Nero folgende Qualitäten zu: Frechheit, Lust, Hang zum Luxus, Geiz und Grausamkeit. Sueton verachtete alle diese Eigenschaften, er skizzierte ein sehr ungünstiges Bild über Nero. Dieser soll heimlich bei Nacht sich unter das Volk begeben und Schenken besucht haben. Schließlich wurden noch die wenigen positiven Leistungen dieses Kaisers angeführt: Die Anfangszeit seiner Regierung, besonders der Bereich der Verwaltung und sein Regierungsprogramm. Für das Volk erweiterte er die Spiele. Nero führte zu seinen eigenen Ehren die "Neronia" oder "Nerorum" in Neapel, die alle fünf Jahre stattfinden sollten, ein (60). Hier trat der Imperator öffentlich vor großem Publikum auf. Sie beinhielten musikalische Wettkämpfe und Wettrennen und so fort. Der Kaiser fuhr selber einen von Pferden gezogenen Wagen. Das Volk jubelte. Er war begeistert von den Kämpfen überhaupt; auch der Einsatz wilder Tiere war für ihn faszinierend genug. Er zwang sogar einen Sklaven nur in bloßer Toga zum Kampf. Nero wusste als Showman wie das Publikum gewonnen werden konnte. Allerdings waren diese blutigen Spiele eine immense Einnahmsquelle (Wetten!). Nero wusste auch wie die Senatoren und Ritter an ihm gebunden werden konnten.
Zum Ärger des Senats führte Neros Mutter auch in seinem Namen die Amtsgeschäfte. Aber Neros Welt prallte an die Welt der Aristokraten im Senat. Er hatte eine Vorliebe für Freigelassene. Seine Geliebte Claudia Acte stammte aus diesem Kreis. Eine Heirat kam nicht in Frage. Agrippina hatte sich gegen diesen Wunsch Neros gestellt. Mitglieder der Kaiserfamilie war es untersagt mit Freigelassenen sich einzulassen. Vielleicht war damit Agrippinas Schicksal besiegelt. Andererseits erlaubte Agrippina ihren Sohn nicht, dass er als Herrscher seine künstlerischen Fähigkeiten ausübe; Seneca und Burrus hatten keine Einwände, solange Nero das privat betrieb. Agrippina verlor die Kontrolle über ihren Sohn und drohte ihn zu entmachten oder gar zu töten. Nero wollte nicht als Muttermörder in die Geschichte Roms eingehen - also war ein Unfall der beste Kompromiss. Ein Mordanschlag gegen sie durch Ertrinken mittels eines präparierten Schiffes schlug fehl. Sie schwamm ans Ufer. Schließlich führte eine aus Mitgliedern des Flottenkommandos bestehende Truppe den brutalen Mord an Agrippina durch (23. März 59). Sie wurde mit Beilen erschlagen. Vor allem wurde sie mit Hieben in den Unterleib getötet, aus dem die furchtbare Saat kroch, so wurde das überliefert. Nero hatte das Drama beobachtet. Er hatte offenbar ein schlechtes Gewissen. Er stand vor ihrer Leiche und weinte. Der antike Autor Sueton beschrieb das so, als ob der Kaiser den toten Körper der Agrippina, der von klaffenden Wunden übersät, noch geschändet hätte. Dann soll Nero vom Geist seiner Mutter verfolgt worden sein. Wie glaubwürdig ist das? Suetonius hatte seine eigenen Fantasien und Wunschvorstellungen der Nachwelt überliefert.
Randbemerkung: Das antike Rom gilt bis heute als Ideal der Ausschweifungen. Die lateinischen Texte werden wegen ihres literarischen Wertes inzwischen an Gymnasien von Minderjährigen gelesen … Natürlich gibt es schlimmere Autoren.
Die Chaldäer wurden zu dem Fall Agrippina befragt, sie meinten bloß mehr oder weniger geistreich: "Soll er töten, wenn er nur herrscht." (Tacitus[1]). Merkwürdig war bloß, dass der Senat den Tod der Agrippina nicht sonderlich beweinte - und das sagt schon alles. An die 400 Senatoren sahen in diesem Ereignis höchstens eine vernachlässigbare Lappalie.
Eine verwegene Theorie: Die seltenste Goldmünze der Antike, das obige zweite Bild zeigt Nero und Agrippina gegenüber tief in die Augen sehend. Ein Liebespaar? - Natürlich herrschten Kaiser Nero und seine Mutter einige Jahre miteinander. Eine inzestuöse Verbindung? Im alten Rom war alles möglich. Für heutige Begriffe unvorstellbar? Der Senat entschied Agrippina zu beseitigen. Oder Nero war der Drahtzieher in diesem mörderischen Plan. Er stand wegen des Senats unter Druck. Aber danach startete er einen Amoklauf, der vielen Senatoren das Leben kostete. Wenn ein Senator getötet wurde (auf welche Weise auch immer), war seine gesamte Familie mitsamt den Sklaven betroffen. Das Vermögen - meist in mehrfacher Millionenhöhe - wurde beschlagnahmt und in die kaiserliche Kasse gebracht. Der feinsinnige Schöngeist, der eine neue Weltstadt aus dem Boden stampfen wollte, wurde aus diesen äußeren Umständen zum brutalen Machtmenschen.
Nero zog Hochverratsprozesse durch und zog das Vermögen der Hingerichteten ein. Endlich konnte Nero sein Künstlerleben öffentlich darbieten.
Im Alter von 16 Jahren heiratete er die 13-jährige Octavia. Später gegen Ende 58 verliebte er sich in Poppaea Sabina. Die Ehe mit Octavia blieb kinderlos und 62 hängte er ihr ein Verhältnis mit einem Sklaven an. Dazu verbannte er sie. Es kam zu Unruhen im Volk, weil Octavia sehr beliebt war. Nero verbreitete das Gerücht, dass sie und ihr Geliebter den Kaiser absetzen wollte, und deshalb auf eine Insel gebracht wurde. Dort wurde sie getötet. Nero und Poppaea hatten 63 eine gemeinsame Tochter, die nur vier Monate alt wurde. Zwei Jahre später starb Neros Ehefrau während der zweiten Schwangerschaft. Dass er sie während eines Streites unvorstellbar brutal getötet haben soll, scheint auch nur eine Fabel zu sein. Inzwischen hatte er längst eine neue Geliebte, Statilia Messalina. Sie war die Witwe eines Mitgliedes der Pisonischen Verschwörung, Marcus Iulius Vestinus Atticus, den Nero während eines Gastmahls zur Selbsttötung gezwungen hatte. Auffallend die vielen Freitode. Generell hätte es die gesamte Familie und Vermögen das Ende bedeuten können. Im Jahr 62 führte er zum Schrecken der Führungsschicht wieder die Majestätsprozesse ein. Damit wollte er seinen Respekt gegenüber seiner Person und dem Amt gesichert wissen. Nachdem der Kaiser entschieden hatte mögliche Feinde Roms zu vernichten, stieß er sämtlichen Senatoren und Rittern vor den Kopf, das bedeutete sie fielen von ihm ab und hofften, dass Nero bald verschwände. Nun im April 68 fand die Pisonische Verschwörung gegen Nero statt. Aristokratische Senatoren fanden zusammen, um Nero zu töten. Der römische Politiker, Redner und Freund der Literatur Gaius Calpurnius Piso, früher mit Nero befreundet, soll angeblich der Mittelpunkt der Verschwörung gewesen sein. Tacitus berichtete, dass er auch nicht genau wusste, wer der tatsächliche Anstifter gewesen sein sollte. Wenn es um Herrscher- oder Politmord ging funktionierte entweder das Vorhaben oder wenn die Götter anders entschieden, wankte alles in ein Fiasko. Letzteres war der Fall. Während der Cerialia (ein religiöses Fest zu Ehren der Göttin des Wachstums und des Ackerbaus, Ceres am 19. April 68) sollte der verhasste Imperator in der Arena vernichtet werden. Und zwar während seines Auftrittes als Künstler. Nun die Verschwörung wurde verraten. Piso dachte nicht an Flucht. Bevor er verhaftet wurde, beging er Freitod. Nach Tacitus Meinung, war Neros Lehrer Seneca der Drahtzieher des gesamten Unternehmens. Wahrscheinlich wollte er Imperator werden? Seneca beteuerte, er wolle dem Kaiser kein Leid antun, hatte sich in der Nähe Roms zu entleiben.
Nero war ein einfallsreicher Künstler, und so ersann er grausame Methoden Gegner, ob jung oder alt, Kind oder Greis, aus der Welt zu schaffen. Der Prätorianerpräfekt Burrus wurde durch List vergiftet (62). Andererseits könnte er an den Folgen einer schweren Krankheit gestorben sein. Noch damals zog sich Seneca ins Privatleben zurück. Neros Anhänger, meist reiche Freigelassene, die ihm zum Kaiserkranz verholfen hatte, wurden mittels entsprechender Getränke ins Jenseits befördert. Deren Vermögen hatte der Tyrann sich angeeignet, Nachfolger Burrus wurde der aus Griechenland stammende Offizier Ofonius Tigellinus, der Neros Ausschweifungen unterstützte und dessen Günstling wurde. Leider war es auch so, dass Zeitgenossen, um ihre eigene Haut zu retten andere denunziert hatten. Aber Nero war das nicht so wichtig. Staatsgegner wurden eliminiert, wo er nur konnte.
Möglicherweise war Nero ein hemmungsloser Mensch. Er liebte die Frauen und hatte auch Lustknaben als Bettgespielen. Einen, dieser hieß Sporus, ließ ihn kastrieren - er überlebte das, nannte ihn Sabina und heiratete ihn. Sueton überlieferte einen zeitgenössischen Witz: "Es wäre ein Glück für die Menschheit gewesen, wenn Domitius der Vater (Neros) eine solche Gemahlin gehabt hätte!" Was die Frauen betraf, es war ihm gleich ob verheiratet oder Liebesdienerin, kannte er keine Zurückhaltung. Einmal hatte ihn ein ranghoher eifersüchtiger Offizier deswegen verdroschen und seither war in Neros Nähe immer ein Bewachungstrupp zur Stelle.
Weil Nero einen kultivierten Geschmack für gute Kunst hatte, besaß er in seiner Epoche auch einen Kreis hochgebildeter Menschen um sich. Etwa: Titus Petronius, schrieb "Satyricon", tötete sich selbst - und angeblich mit Humor - und in seinen Testament hatte er scharfe Kritik am "Regierungsstil" - damit waren auch die künstlerischen Ambitionen gemeint – des Kaisers geübt. Auch sein Kollege, der römische Dichter Marcus Annäus Lucanus hatte aus der Welt zu verschwinden. Lucanus wurde der Teilnehmerschaft an der Verschwörung des Piso beschuldigt.
Die Zerstörung Roms. Der weitere Aufstieg zum Tyrannen. Das Jahr 64 war ein schwieriges Jahr für Rom. Weil die meisten Häuser der Weltmetropole aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckte Dächer hatten, war in dem heißen Sommer die Brandgefahr gegeben. Übervölkerung dominierte und im Tag soll es bis zu Hundert kleinere Brände gegeben haben. Die Behörden achteten mittels Offiziere mit Polizeibefugnisse auf gefährliche Situationen. Das größte Gebäude war der völlig aus Holz gebaute Circus Maximus mit einer Länge von 600 Meter. Von dort griffen die Flammen auf die Häuser der überbevölkerten Stadt am Tiber. Rom wurde seit dem 18. und 19. Juli 64 innerhalb einer knappen Woche zerstört. Ob er dieses katastrophale Ereignis tatsächlich angeregt und besungen habe soll, bleibt ein Rätsel. Sein Günstling Tigellinus, der Präfekt der Prätorianer soll angeblich das Feuer an verschiedenen Stellen der Stadt gelegt haben. Das bleibt dahingestellt. Nero hielt sich zu diesem Zeitpunkt in seiner Villa in Antium an der Küste auf. Er kam erst als sein eigener römischer Palast betroffen war. Für einen Teil der vor dem Feuer geflüchteten Bevölkerung öffnete er das Marsfeld und errichtete Behelfsbauwerke. Er senkte die Getreidepreise auf drei Sesterzen und trotzdem warfen ihm die Römer vor, er hätte auf seiner Hausbühne den Untergangs Trojas besungen.
Rom hatte, weil es strategisch eher am Tiber lag keine eigene hohe Stadtmauer und die Villen der Senatoren lagen nahe bei dem Kaiserpalast. Das Ganze muss von der Landkarte aus betrachtet werden. Nach dem gewaltigen Brand Roms dürften die Grundstückpreise angehoben worden sein.
Für Nero die Gelegenheit seine Vorstellungen einer architektonisch bedeutsamen Metropole umzusetzen. Sein Bestreben ging dahin, Rom architektonisch zu erneuern. Er hatte sogar einen Namen dafür: "Neropolis". Eine gewisse Gewagtheit an hochtrabender Impertinenz hatte er aufgeboten.
Aber vorerst mussten die vorgeblichen Urheber aufgespürt und verhaftet werden. Der Verdacht musste von Nero wegfallen. In Rom ansässige Juden wurden verhaftet - sie waren wegen der aufsässigen Provinz Judäa sowieso nie beliebt gewesen. Die Gemeinschaft der "Chrestianer" (griech. Christen) wurden auf das schärfste beschuldigt, ihre Mitglieder verhaftet und in der Arena brutal ermordet. Verbrannt, gekreuzigt, hungrigen Löwen zum Fraß vorgeworfen und wer weiß, was noch alles. In dieser Zeit sollen Paulus (gest. 64) und Petrus (gest. um 65-67) möglicherweise in Rom den Märtyrertod erlitten haben. Moderne Kirchenhistoriker negieren das. Allerdings waren die Christen damals sowieso unbeliebt gewesen. Nun entfaltete Nero eine rege Bautätigkeit. Er führte Brandschutzmaßnahmen ein. Er beschränkte die Höhe der Häuser und abverlangte Sicherheitsabstände. Die plebs urbana (das nichtadelige einfache Volk, Handwerker und Bauern) sah die Kosten als Belastung an und ihn dennoch als Brandleger. Er ließ ein hölzernes Amphitheater hochziehen. Am Südhang des Hügel Esquilin erbaute er seinen neuen Herrscherpalast, den sogenannten Domus Auram ("Goldene Haus"). Natürlich überschätzte er dadurch das Finanzielle und enorme Schulden waren die Folge.
Tacitus bewunderte die bauliche Ausgestaltung Rom. Für viele Römer waren die Bauwerke riesige Baustellen und das bedeutete Arbeitsplätze sowie Geld. Nero beeinflusste die Gestaltung der Stadt zu einer Welthauptstadt. Nero führte verstärkt Ziegel und Beton (!) für seine Bauwerke ein. Er stellte die Baukunst auf ein hohes Niveau. Das Goldene Haus war eine weitläufige Palastanlage, umgeben von Parkanlagen und einem See. Inmitten der Mauern des Eingangs stand eine zwölf Meter hohe vergoldete Statue eines Gottes. Diese Kolossalstatue war weithin sichtbar. Sie beunruhigte die Senatoren schwer.
Das hatte seinen Grund. Die monumentale Statue verkörperte Apollon, dem Gott des Lichtes, der Künste und der sittlichen Reinheit. Aber was ist wenn Nero den Senatsmitgliedern Unredlichkeit unterstellte, und das drückte diese Statue auch aus. Zugleich spielte der Kaiser eines von ihm verordneten - staatlichen - Monotheismus an. Die Römer hatten eine Vielgötterwelt und oft wurden verstorbene Kaiser zu Götter erhoben. Ihnen wurden prächtige Marmorstatuen und Tempel errichtet. Vielleicht wollte er damit aufräumen und eckte völlig an.
Allerdings übte die Aristokratie schwere Kritik an den Domus Aurum.
Bisher hatte jeder Imperator in der Hauptstadt des Römischen Reiches nur Privateigentum gesehen. Auch Nero war da keine Ausnahme.
Nero soll ein Gesetz erlassen haben, wonach nur er als Kaiser ein lilafarbenes Gewand tragen dürfe. Jeder andere würde mit dem Tode bestraft.
Im Jahr 65 gab es wegen des Brandes von Rom keine Spiele. Erst 66 fanden die Neronia wieder statt. Aber diesmal in Rom. Der Kaiser wollte öffentlich in der Arena auftreten. Doch der Senat wollte das mit einer Spitzfindigkeit verhindern und bot ihm vorher den Sieges- und Kaiserkranz an. Nero lehnte jegliche Begünstigung ab und trat auf. Das Volk war begeistert, der Senat und einige Staatsgäste schockiert. Der nachmalige Kaiser Vespasianus war dabei eingeschlafen und wäre deswegen von Nero fast hingerichtet worden. Die Senatoren fühlten sich durch Neros hör- und sichtbares Auftreten in der Arena brüskiert. Die Aristokraten fühlten sich auf dem zweiten Platz nach Nero verdrängt und der Hass gegen ihn nahm Gestalt an. Auf gesellschaftliche Unterschiede wurde unter Nero in den Zuschauerrängen des Stadions verzichtet. Aber deswegen war der Kaiser noch lange kein Humanist, wie gerne Autoren der Neuzeit sich wünschten.
Noch im September 66 reiste der Kaiser nach Griechenland, nahm an der Olympiade teil - gewann natürlich Bewerbe, gab Theateraufführungen, worin er in Frauenrollen brillierte. Im antiken Theater wurden Frauenrollen sowieso nur von Männern verkörpert. Seine Selbstinszenierung ging soweit, dass er den größten Teil Griechenland, bekannt als römische Provinz Achaea die Freiheit schenkte. Nur dass er sich als Wohltäter feiern ließ. Vespasian wird das wieder rückgängig machen. Er hielt sich über ein Jahr in Griechenland auf. In dieser Zeit ließ er entsprechende Münzen prägen. Sein Freigelassener und Statthalter in Rom, Helius drängte ihn zur Rückkehr nach Rom, wo die Stimmung gesunken war. Im Januar 68 kehrte er zurück, setzte seine Vergnügungen fort, besuchte Theater und Konzerte, ließ Wettspiele veranstalten und trat als Künstler auf. Dabei machte er noch mehr Schulden. Während seiner Epoche förderte er die Naturwissenschaften, die Geographie und den Handel, besonders Kunst und Kultur und stellte sich als Freund allen Griechischen heraus. Eine von ihm organisierte Expedition zur Nilquelle scheiterte und unterstützte Ausgrabungen in Karthago. Er selbst sah sich als talentierter Sänger, Dichter und Lyraspieler. Bei seinem ersten Auftritt in Neapel erhielt er den ersten Preis in einem musischen Wettstreit. Die mitgereisten Prätorianer sorgten schon dafür, dass er gewinnen konnte oder musste. Sie wussten was wahre Qualität bedeutete. Natürlich in Form vieler Sesterzen.
Im Jahre 67 wurde der römische Senator Gaius Iulius Vindex Statthalter der römischen Provinz Gallia Lugdunensis (Lyon). Sie wurde noch mit zwei anderen unter Augustus aufgeteilt. Im Frühjahr 68 erhob sich Vindex gegen Kaiser Nero. Weitere Kontingente folgten Vindex. Die Streitmacht wuchs auf 100.000 Mann. Er wütete rhetorisch über die Ausschweifungen des Kaisers und wollte keineswegs sein Nachfolger werden. Dafür versuchte er den über 70 Jahre alten Statthalter der Provinz Hispania Terraconensis, Servius Sulpicius Galba als Bündnispartner zu gewinnen. Am 3. April 68 erklärte Galba in Carthago Nova (Cartagena, Spanien) offiziell, dass er gegen Rom sei. Wer möchte schon ermordet werden.
Nero hatte inzwischen auf Vindex ein Kopfgeld in Höhe von 2.500.000 Sesterzen ausgesetzt. Vindex und Galba erhielten Unterstützung vom Statthalter in Lusitania, Marcus Salvius Otho, welcher seinerzeit seine Frau Poppaea an Nero abtreten musste. Aber auch da hatten sie nicht genug Legionen um einen effizienten Aufstand durchziehen zu können. Truppen in Germanien (inferior und superior) waren mehr oder weniger nicht einsatzfähig. Der Legat von Obergermanien, der Feldherr Lucius Verginius Rufus schritt gegen die von Vindex angeführte Rebellion: Prompt erlitt Vindex in der Schlacht bei Vesontio (Besançon, Ost-Frankreich) im Mai 68 eine Niederlage und schied freiwillig aus dem Leben. 65 wurde Gaius Nymphidius Sabinus Präfekt der Prätorianergarde. Während der Abwesenheit Neros in Griechenland leitete er gemeinsam mit Tigellinus die Regierung in Rom. Als die Nachricht hereinkam, dass um Galba immer mehr Truppen sich anschlossen begann Nero beunruhigt Fluchtgedanken zu entwickeln. Nach Ägypten wollte er. Niemand wollte ihn beherbergen, höchstens ein von ihm Freigelassener. Die Prätorianer wechselten nach großzügiger finanzieller Zuwendung zu Galba über. Sie waren stets materiell eingestellt. Wer ordentlich zahlte, dem folgten sie. Seine Leibgarde verließ ihn und er blieb am Leben … Ziemlich erstaunlich. Die kalte Toga der Machtlosigkeit befiel den ehemaligen Imperator. Zeitgenossen berichteten, dass er während seiner Flucht ständig lamentierte: "Welch Künstler geht mit mir zugrunde!" Ein an ihn direkt gerichtetes Schreiben erklärte ihn zum Feind des Volkes - für das er immer da war, für diesen alles tat und ausgerechnet das ihn liebte - und die Androhung der "damnatio memoriae". Das war schlimmer als jede Verachtung: Die Nachwelt soll ihn tilgen und verdammen. Und das tat sie auch.
A. D. 68. Am 9. oder 11. Juni überschlugen sich die Ereignisse. Nero beendete sein Leben durch eigene Hand. Ein Soldat der ihn hätte lebend fangen sollen hörte ihn noch sagen: "Zu spät. Das ist Treue". Das war ein neronisches Missverständnis. Seine Geliebte (seit 55), Claudia Acte, eine Freigelassene, übernahm das Werk der Beisetzung. Die Kosten betrugen 200.000 Sesterzen! Das würde grob geschätzt 30.000 Euro entsprechen. Eine Bestattung in Wien kostet höchstens, wenn es stimmt 6.000 Euro.
Im Familiengrab der Domitii auf dem Mons Pincio, nördlich in Rom, wurde die Asche Neros bestattet. War das nicht doch ein heimliches Staatsbegräbnis? Heute erinnert nichts mehr daran. In Rom wurden die Standbilder des Kaisers zerschlagen. Die Porträts auf den Münzen zerkratzt. Inschriften auf Marmortafeln mit Hammer und Meißel weggeschlagen. Mit Neros Tod endete die julianisch-claudische Kaiserdynastie. Der neronische Palast wurde zerstört und in den Ruinen wurde 1506 die berühmte Laokoon-Skulptur (1. Jhdt. v. Chr.) gefunden (Laokoon gehört zum Troja-Mythos!)… Wie passt das alles zusammen? Danach wurde unter dem Flavier-Kaisern Vespasian und Titus auf dem dazugehörenden Areal des Sees ein eindrucksvolles Amphitheater errichtet. Vor diesem wurde die Kolossalstatue gestellt und deswegen heißt das Stadion auch Kolosseum. Genau dieses Bauwerk, so meint die Wissenschaft, widerspiegelt die geordnete Hierarchie Roms. In den Zuschauerrängen saßen unten sämtliche Mitglieder der Führungsschicht und die einfachen Menschen oben und weit hinten.
Noch etwas: Von wichtigen Senatoren, die sich auch in einem Akt der Selbstüberschätzung in Marmor der Nachwelt überliefert wissen wollten, haben sich aus der Zeit Neros so gut wie keine Reste von Porträts und ähnlichen erhalten.
Den Brand von Rom hatte Nero nicht verursacht, aber der Vorwand die Christen zu verfolgen war gegeben. Für die Christen war Nero der Inbegriff des Antichristen und so wurde er durch Andeutungen in den Schriften des Neuen Testaments bis heute geboten. Neuerdings wird die "Neronische Christenverfolgung" von der Geschichtswissenschaft in Frage gestellt; aber eine Theorie ist wirklich bemerkenswert und gewagt (angesichts des modernen 9/11): Aus einer Endzeitstimmung heraus sollen radikale Christen wie eine altertümliche Terrororganisation die Zerstörung Roms durch Feuer arrangiert haben. Aufgrund der menschlichen Betrachtungen Jesu von Nazareth als Religionsführer eher unglaubwürdig. Ein von den Pretorianern gefangen genommener Anhänger der Lehren Christi "gestand" unter der Folter … Auch nur Vorwand und Theorie.
Die antiken Autoren Sueton, Tacitus u. a. waren aus der Aristokratenschicht und automatisch war Nero ihnen unsympathisch gewesen. Wenn ich diese Biographien lese wirken sie auf mich wie übertrieben ausgeschmückte Erzählungen, die den Leser automatisch suggerieren, dass Nero eine dunkle Gestalt am Kaiserthron gewesen sein soll.
Der Senat befand Neros Vorlieben im Theater aufzutreten oder in der Arena Gesangskünste mit der Kithara zu bieten als bedenklich. Aber das scheint eher nach Ausreden auszusehen. Denn viele Mitglieder des Senats haben sich Reichtümer angehäuft, sich für die Nöte der einfachen Menschen nie eingesetzt und sahen eher nach ihrem eigenen Profit, materiell oder politisch. Nero war genauso. Er war einem Balanceakt ausgesetzt und hielt das 14 Jahre durch.
Meiner Meinung nach fehlen noch viele Figuren in diesem neronischen System und diese wurden von den antiken Autoren gewiss unterschlagen. Aus den Jahren wurden Jahrhunderte und Nero wurde höchstens als bluttriefender Imperator wahrgenommen. Wenn wichtige Handlungsträger, wer sie auch waren, nicht genannt werden, so sind Historiographen an der Wahrheit nie interessiert gewesen. Sie haben alle mitgeholfen die Spuren in andere Richtungen zu legen und von den Tatsachen abzulenken. Nero war eigentlich in eine Situation gekommen, die ihn in den Zwiespalt mit dem Militärapparat und dem Senat sowie gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten gebracht hatte. Nero wurde offenbar zum Sündenbock für politische Probleme geworden und er musste mit Gewalt reagieren.
Aber eine Antwort kann ich anbieten: Nero war im Volk beliebt so oder so, auch ehemalige Sklaven akzeptierten ihn. Der Imperator ging einfach unter die Menschen tat das was der einzelne einfache Mensch auch tut. Die Senatoren saßen in ihren Prachtbauten und interessierten sich nur für ihre eigenen Schwachheiten. Sicher nicht alle. Folglich war ihnen dieser volksnahe Herrscher ein Dorn in ihren Augen. Ein Detail am Rande: Nero soll sogar verarmten - intelligenten - Senatoren ein Jahresgehalt bezahlt haben …
Sieht man die Geschehnisse in seiner Amtszeit, und seine oftmals skurrilen Handlungen, dann kann ihm eine gewisse Form des Cäsarenwahnsinns nicht abgesprochen werden. Die 2000 Jahre alte Wahrheit über Nero ist im Dunkel der Weltgeschichte versunken. Roms Verwaltungsapparat hatte die krisenhaften Zeit mit Nero ausgehalten. Der unbedeutende Politiker Vespasian wurde 69 Kaiser.
Das Leben und die Herrschaft Neros wurde zum Sujet vieler Musikwerke, unzähliger Romane - darunter "Quo Vadis?" (von Henryk Sienkiewicz, 1895). Ebenso Verfilmungen - vor allem erwähnenswert jene mit Peter Ustinov. Aber unkorrekt! Das britische TV produzierte in den 1970er nach dem Roman von Robert Graves (1934) die Miniserie "Ich, Claudius - Kaiser und Gott." Eigentlich waren diese noch verharmlosende Darstellungen seiner "Schreckensherrschaft". Und im Zweiten Weltkrieg gab es die Hitler-Order "Nerobefehl", der sich gegen die eigene deutsche Infrastruktur richtete … Gruselig. Unsere ganze Weltgeschichte begründet sich offenbar auf einem einzigen riesigen Haufen an Irrtümern. Aber irgendetwas wird schon stimmen. Nicht einmal der Kennedy-Mord wurde ordentlich aufgeklärt. Die Wahrheit über geschichtliche Ereignisse und Personen liegt in der Mitte.
Nur dass der Haufen an Irrtümern vielen Menschen für nichts und absolut nichts das Leben gekostet hat - vor allem in der Vergangenheit und in der Zukunft?

Abschließend ein Resümee, das das gesamte Bild über Nero erst recht wieder umwirft: Es heißt, das Volk hat immer recht. Wenn die Weltgeschichte betrachtet wird, hat das Volk die meisten Irrtümer geboten und so gesehen, glaube ich waren die Senatoren doch im Recht. Allein die Errichtung einer Kolossalstatue mit Vergoldung - und billig war das bestimmt nicht - weist auf die Richtung Größenwahn …

Noch ein Satz: Die Römer waren wenigstens originell und das will was heißen.

Copyright Ernst Zentner 2018-2019

[1] Tacitus verfasste ein Werk über die Germanen, die er äußerst negativ beschrieb. Er dürfte zeitgenössische Quellen und Ansichten verschiedener Zeitzeugen entstellt wiedergegeben haben. Der germanische Mythos trug zwei Jahrtausende später Früchte in Form des Hitlerismus.

Quellen (Auswahl)

  • Sueton, De vita Caesarvm (Kaiserbiographien)
  • Tacitus, Annales
  • Helene Groot, Zur Bedeutung der öffentlichen Spiele bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio (2006). Antike Kultur und Geschichte. Herausgegeben von Kai Brodersen (Universität Erfurt). Band 12. Berlin (2008).
  • Will Durant, Cäsar und Christus. Lausanne o. J.
  • Nero/Wikipedia
  • Britannica

Siehe auch


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