Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Rufmord!#

Vor 1950 Jahren beging Kaiser Nero Suizid - sein Beispiel lehrt den Umgang mit Fakten und Fake News.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 8. Juni 2018

Von

Edwin Baumgartner


Nero verbrennt die Christen: Bild von Henryk Siemiradzki
Nero verbrennt die Christen: Das Bild von Henryk Siemiradzki ist charakteristisch für das überlieferte Zerrbild.
Foto: © Getty

Zuerst hat in der römischen Tageszeitung "Hodie" Gaius Suetonius Tranquillus, an sich bekannt für seine unseriösen Geschichten, etwas von Grausamkeit und Christenverfolgung geschrieben. Dann legt im Revolver-, Pardon: Pilum-Blatt "Imperium Romanum" Publius Cornelius Tacitus nach, der von sich behauptet, ohne Zorn und Eigeninteresse zu schreiben, aber nie etwas anderes als genau das gemacht hat. Schließlich zieht über den Kaiser sogar der Römische Reichsrundfunk her, und als den später die Christen unter dem Motto "du sollst nicht lügen" usurpieren, geht es erst richtig los. Fake News und alternative Wahrheit? - Nicht einmal das ist eine Erfindung unserer Zeit! Die Römer und die frühen Christen haben das weit besser gekonnt.

Vor ziemlich genau 1950 Jahren, entweder am 9. oder am 11. Juni, hat Lucius Domitius Ahenobarbus, durch Adoption Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, kurz Nero genannt, Suizid begangen. Bis heute gilt er vielfach als Satan auf dem Thron, nicht zuletzt durch Peter Ustinovs grandiose, wenngleich völlig unhistorische Verkörperung im Film "Quo Vadis". Was die scheinbar objektive Geschichtsschreibung angerichtet hat, kann für unsere Gegenwart als Mahnung dienen, mit Informationen kritisch umzugehen - auch und gerade dann, wenn sie sich mit dem Mainstream decken und eigene Vorurteile bestätigen.

Eine antike Filterblase#

Der Fall Nero auf das Digitalzeitalter übertragen ist der Prototyp einer Filterblase: Durchgekommen sind lange Zeit nur Meinungen, die den Ruf Neros als Jahrtausend-Scheusal bestätigen. Die verzeichnende Übermalung ist dermaßen extrem, dass Fakten und Fake-News nicht mehr zu trennen sind.

Nero sitzt zwischen der Scylla der senatsnahen Geschichtsschreibung der Antike und der Charybdis der christlichen Geschichtsschreibung, die, um dem neuen Glauben Gewicht und Ansehen zu verleihen, auf Märtyrer setzte.

Nero, vom stoischen Philosophen Seneca ausgebildet, begeistert sich weder sonderlich für Eroberungskriege noch für blutige Kämpfe in der Arena. Er liebte Wagenrennen, vor allem aber das Theater. Er trat selbst als Schauspieler auf - auch in Frauenrollen, wobei im römischen Theater zwar ausschließlich Männer auftraten. Der Adel und die Senatoren freilich betrachteten schauspielerische Ambitionen eines Kaisers aber als deplatziert, und ein Kaiser in einer Frauenrolle schien ihnen mindestens so degoutant wie die ästhetische Ausrichtung an dem als degeneriert empfundenen Griechentum.

Eine antike Büste des Kaisers Nero
Eine antike Büste des Kaisers Nero.
Foto: © Getty

Die christliche Geschichtsschreibung wiederum wirft Nero seine brutale Christenverfolgung vor - von Suetonius und Tacitus übrigens mehr oder minder gutgeheißen und von anderen römischen Historikern nicht erwähnt. Nero soll Anhänger Christi auf Pfähle gebunden und als lebende Fackeln angezündet haben. Jedoch: Hat die Christenverfolgung überhaupt stattgefunden im Sinn eines religiösen Terrors? Gerade für den römischen Polytheismus, der keine Probleme damit hatte, fremde Götter anzuerkennen, wäre das eine seltsame Ausnahme gewesen. Dementsprechend streiten die Althistoriker bis heute, ob die neronische Christenverfolgung überhaupt stattgefunden hat.

Vor allem muss man sie in Zusammenhang mit dem Brand Roms sehen - auch ihn hat man Nero angelastet. Doch sein überlegtes Handeln während des Brandes und nachher spricht gegen die Beteiligung des Kaisers.

Es ist wohl so gewesen: In Rom, wo viel mit Holz gebaut wurde, brannte es immer wieder. Diesmal trafen ein ungünstiger Wind und eine Hitzeperiode zusammen, und das Feuer konnte sich unkontrolliert ausbreiten.

Während Nero mit Sicherheit nichts mit dem Brand zu tun hatte, gab es freilich tatsächlich eine Endzeit-Sekte, die Rom in Flammen sehen wollte - und das waren die Christen. Könnte es sein, dass einige christliche Fanatiker sich zu der Brandstiftung bekannt haben, so, wie heute Terrororganisationen sich zu Unfällen und Verbrechen bekennen, die sie nicht begangen haben? Oder hat ein der Brandstiftung verdächtigter Christ unter der Folter etwas gestanden, was er nie getan hat, und damit sich und seine Mitgläubigen der Justiz ausgeliefert?

Humanist in diffusem Licht#

Dass die (vermeintlichen) Übeltäter dermaßen grausam bestraft wurden, entspricht ganz der antiken Vorstellung, dass die Sühne die Tat spiegeln solle: Für Brandstifter also steht der Feuertod - der wäre bei gleichem Delikt und gleichem Schuldspruch freilich auch über Nicht-Christen verhängt worden.

Andererseits ist in Sachen Nero auch dann Vorsicht geboten, wenn man dieser Gestalt objektiv näherkommen will - und das darf gleichfalls durchaus als Lehre für unsere Gegenwart verstanden werden. Nämlich, dass stets die Gefahr besteht, Fake-News, die eine unliebsame Meinung stützen, durch Fake-News in der entgegengesetzten Richtung übermalen zu wollen. Nero, der unschuldig in die Mühlen der Historiker geratene Humanist: So geht es auch wieder nicht. Zumindest hat er den Mord an seiner Mutter Agrippina gleich zweimal geplant, beim zweiten Mal davon erfolgreich. Dass Agrippina tatsächlich versucht hatte, Nero mittels Intrigen zu gängeln, hätte er mit einer Verbannung abwehren können. Dass er den Muttermord selbst nicht als gerechtfertigt einstufte, sondern als verabscheuungswürdige Tat, merkt man daran, dass er ihn beim ersten Mal als Unfall auf See zu tarnen versuchte. Zusätzlich lassen sein Narzissmus, seine Verschwendungssucht und seine offenbar kaum vorhandene Selbstreflexion die Idealisierung, die zahlreiche Historiker der Gegenwart herbeizuschreiben versuchen, in einem zumindest diffusen Licht erscheinen.

Was den Fall Nero gerade für unsere Gegenwart so interessant macht, ist, dass er uns lehrt, bei allen Informationen stets zu fragen, welche Intentionen mit ihnen verbunden sein könnten. Gazetten wie "Hodie" und "Imperium Romanum" hat es zwar ebenso wenig gegeben wie einen Römischen Reichsrundfunk, die Mechanismen aber, mit denen die Seele des Volks bearbeitet wird, sind seit der Antike unverändert geblieben.

Information#

  • Holger Sonnabend: Nero - Inszenierung der Macht, 240 Seiten, Verlag Philipp von Zabern, 29,95 Euro

Wiener Zeitung, 8. Juni 2018

Weiterführendes