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Europäische Visionen, diesseits von Google #

Wenn wir im Internet suchen, entscheiden Algorithmen, was anzeigt wird. Doch hinter jedem Algorithmus stehen spezielle Interessen. Eine Konferenz an der Akademie der Wissenschaften beleuchtete die Werte, die hinter vermeintlich neutraler Technik stehen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 14. Juni 2018

Von

Martin Tauss


Laptop

„Google ist eine exterritoriale Organisation, die künftige Entwicklungen ohne jede demokratische Legitimität und ohne jede Verantwortlichkeit gegenüber den Bürgern gestaltet. Google ist ein Motor nicht nur für technologische und ökonomische, sondern auch für soziale Entwicklungen, die neue Formen des menschlichen Verhaltens hervorbringen werden. Aber all das geschieht ohne gesellschaftlichen Konsens: Das ist es, was mir zu denken gibt.“ Diese Aussage eines EU-Parlamentariers ist bezeichnend für die zunehmende Skepsis gegenüber den US-amerikanischen Internet-Giganten wie Google oder Facebook sowie für die europäischen Ambitionen, diese Konzerne unter Kontrolle zu bringen. So zeigt die Reform des EU-Datenschutzgesetzes die tief liegenden Spannungen zwischen den globalen Suchmaschinen und den europäischen Wertesystemen.

Die kalifornische Ideologie #

Tatsächlich ist Google im Internet ein obligatorischer Kreuzungspunkt geworden. Kaum jemand entzieht sich seinen Dienstleistungen. In Europa hält der US-Konzern einen Marktanteil von über 90 Prozent und dominiert dadurch den Suchmaschinen-Markt. „Google ist es gelungen, die Bedürfnisse von Website-Anbietern und Nutzern zu befriedigen und in Einklang mit seinen eigenen Interessen zu bringen“, erläuterte Astrid Mager bei der Jahrestagung des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) in Wien. „Anbieter und Nutzer wiederum tragen zur Stabilisierung des Geschäftsmodells bei, indem sie Webseiten an die Funktionsweise des Algorithmus anpassen und Suchworte, persönliche Daten und Auswahlmuster an die Suchmaschine übermitteln.“ Große Anbieter wie Google als „Eindringlinge“ in unsere Privatsphäre zu brandmarken und gleichzeitig durch die eigene Nutzung deren Machtposition und Geschäftsmodell zu stärken, sei ein häufig zu beobachtender Widerspruch, so Mager. Wer eine Suche über Google durchführt, unterstütze in gewisser Weise die Ideologie des digitalen Kapitalismus – genauer gesagt die ökonomische Kultur des Silicon Valley, die oft als eigentümliche Mischung aus Hippie- und Yuppie- Mentalität beschrieben wird. Diese „kalifornische Ideologie“ ist in der Google-Suchmaschine verborgen, wirkt aber durch die Logik des Algorithmus, erläuterte die Technikforscherin vom ITA. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt „Algorithmische Imaginationen“ versucht sie herauszufinden, welche Visionen und Werte dafür verantwortlich sind, was uns ein populärer Suchmaschinenbetreiber wie Google täglich serviert.

Dass Technik nicht neutral ist und somit auch Suchmaschinen niemals unvoreingenommen sind, wurde am 11. Juni auf der ITA-Jahreskonferenz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften breit diskutiert. Hinter jedem Algorithmus und jedem Programm-Code stehen Menschen mit Interessen: Diese orientieren sich an gesellschaftlichen Werten und Normen und beeinflussen somit maßgeblich die Ergebnisse der technologischen Prozeduren. „In den Suchmaschinen etwa zeigen sich Präferenzen, die eigenmächtig im Verborgenen wirken“, bemerkt ITA-Forscher Helge Torgersen, Organisator der Veranstaltung. Werte sind in die Computertechnik eingebaut, aber nicht unmittelbar zu erkennen. Die irrige Annahme, dass uns moderne Technologien völlig wertfrei genau „die richtigen“ Ergebnisse liefern, ist daher weiter stark verbreitet.

Alternative Suchmaschinen #

Große Suchmaschinen generieren ihre Profite mittels personalisierter Werbung. Ihr lukratives Geschäftsmodell basiert auf „Datenhandel“. Der Algorithmus von Google stand zunächst für Innovation und Objektivität, doch das anfangs positive Bild wurde zunehmend durch Vorwürfe bezüglich User-Überwachung und der Kommerzialisierung von Netzinformation getrübt. Nicht zuletzt seit der NSA-Affäre sind profitorientierte Suchmaschinenbetreiber in die Kritik geraten. Was aber sind die Alternativen?

Astrid Mager beschäftigt sich in ihrem aktuellen Forschungsprojekt mit drei Suchmaschinen, welche die Vielfalt der europäischen Suchmaschinenlandschaft repräsentieren sollen. Und sie fragt nach den Visionen und Werten, die hier jeweils leitend sind: Start- Page ist eine Privatsphäre-freundliche Suchmaschine, die zwar den Google-Index verwendet, seinen Nutzern aber Anonymität zusichert. Sie versteht den Schutz der Privatsphäre als unverzichtbares Strukturmerkmal liberaler Demokratien. Das Projekt des Open-Web- Index versucht eine europäische Alternative zu US-basierten Suchmaschinen anzubieten, indem es einen öffentlichen, unabhängigen Web-Index erstellen möchte. Es zielt darauf ab, die quasi monopolartige Suchmaschinenlandschaft zu bereichern und auf EU-Basis einen freien Zugang zum Wissen im Internet zu schaffen. Das Projekt YaCy schließlich hat das Ziel, eine dezentrale und nicht-kommerzielle Suchmaschine zu entwickeln, die der Allgemeinheit gehört. Es hat sich der Hacker-Ethik des Chaos Computer Clubs verschrieben. Offene Ressourcen, freie Software und die Ermächtigung der Nutzer zählen zu den Idealen dieses „Peer-to-Peer“-Modells.

Das Internet als Ökosystem #

In der Praxis freilich stellen sich jede Menge Herausforderungen: StartPage ist das erfolgreichste Projekt, aber völlig abhängig von Google, wie Astrid Mager bemerkte: „Wenn die Kooperation scheitert, scheitert auch diese Suchmaschine.“ Für den Open-Web-Index ist die EU-Finanzierung bislang schwierig zu lukrieren. Es entstand daher die Idee, von unten aus die Rechenzentren zu vernetzen, um einen zentralen Index zu bauen. Der Erfolg von YaCy wiederum ist abhängig von der Anzahl und dem Zeitbudget der beteiligten „Peers“. „Die Betreiber der alternativen Suchmaschinen müssen Kompromisse eingehen, um handlungsfähig zu bleiben“, resümierte Astrid Mager. „Das bedeutet Arrangements mit den bestehenden Machtverhältnissen und vorherrschenden Akteuren.“

In seinem Buch „The Googlization of Everything“ (2. Aufl., 2012) beschrieb der Medienforscher Siva Vaidhyanathan den fantastischen Aufstieg von Google ebenso wie den wachsenden Widerstand gegen seine globale Expansion. Mit dem Höhenflug des US-Konzerns sei auch dessen dunkle Seite zutage getreten. Der Autor plädiert dafür, das Internet wie ein Ökosystem zu gestalten, in dem vielfältige Akteure ihre Leistungen erbringen können. Kritisches Bewusstsein bezüglich der technischen Entwicklungen bleibt in jedem Fall essenziell: „Es wird auch künftig keine wertneutrale Technologie geben“, so Mager.

DIE FURCHE, 14. Juni 2018