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Richard I. Löwenherz und Österreich#

Von Ernst Lanz

Dürnstein an der Donau, Wachau. Ehemaliges Stift und auf dem anliegenden Berg die Burgruine. Im Winter. So könnte es auch ausgesehen haben zur Zeit der Gefangennahme Richard Löwensherz - Foto: Karl Bauer, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Dürnstein an der Donau, Wachau. Ehemaliges Stift und auf dem anliegenden Berg die Burgruine. Im Winter. So könnte es auch ausgesehen haben zur Zeit der Gefangennahme Richard Löwensherz - Foto: Karl Bauer, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Wenn ich manchmal einen Abstecher in die Wachau mache, entdecke ich Dürnstein immer wieder neu. Ein Blick vom himmelblau-weißen Kirchturm auf die Ruine Tyernstein oder Dirnstain ... (hoffentlich habe ich den Namen richtig wiedergegeben) - so der Name in alten Schriften - bringt mir die Geschichte des kleinen Städtchen an der Donau nahe. Da war mal bis im Finale des Dreißigjährigen-Krieges das Dürnstein Schloss. Die Schweden zerstörten es. Zwar war das Bauwerk danach noch bewohnbar, aber es verfiel trotzdem. 1679 wurde es "Dyrrenstain" bezeichnet. Manchmal sind Ruinen ebenfalls romantische Zeugnisse einer im Dunkel vorbeifließender Jahrhunderte vergangenen Epoche. Ein Name in der alten niederösterreichischen Geschichte wirft noch immer einen langen Schatten, auch über die Donau in der Wachau: Kuenringer!
Die Kuenringer waren ein österreichisches Ministerialiengeschlecht, das erstmals 1132 erwähnt wurde und bis 1594 bestand. Sie unterstanden dem Landesherrn bzw. dem Markgrafen oder jeweiligen Herzog. Die Anfänge dieser Waldviertler Adelsfamilie lagen im Rheinland und sie etablierten sich im nördlichen Niederösterreich. Hadmar I. von Kuenring gründete 1137 das Stift Zwettl.
Im 13. Jahrhundert wurden Hadmar III. und sein Bruder Heinrich III. als "Hunde von Kuenring" tituliert. Eigentlich war das eine Auszeichnung für damalige Ritter. Das bedeutete sie waren dem Landesherrn treu ergeben. Doch irgendwann wurden sie als Raubritter bezeichnet. Doch das waren sie nicht. Sie hatten sich mit den Babenbergern überworfen, damit war Herzog Friedrich II. gemeint. Näherten sich den Böhmenkönig Ottokar Přemysl an und später standen auch noch zu dem Habsburger Albrecht II. in Opposition.
Die allgemeinen Ursachen lagen territorial begründet. Die Kuenringer duldeten einen überstarken Machtzuwachs des eigentlichen Landesherrn nicht. Eigentlich bildete sich aus ihrer sozialen Stellung der zukünftige Stand (Stände) im Land Unter der Enns heraus.
Die Kuenringer fühlten sich nur dem König verpflichtet und sahen im Markgrafen (oder Herzog) höchstens einen gleichrangigen Partner.[1]

(I) Das Areal um Dürnstein wurde im Zusammenhang des Ortes "Loiben" schon 860 in einer Schenkungsurkunde König Ludwigs des Deutschen an das Erzstift St. Peter (Salzburg) erwähnt.
Aber wenden wir uns der Zeit des Königs Richard I. Löwenherz zu. Mit seinem Namen ist auch die erste Nennung "Dürnstein" verbunden. In der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die Kuenringer-Burg Dürnstein errichtet. In der Zeit vom 21. Dezember 1192 bis zum 4. Februar 1193 war der englische König Gast in Dürnstein. Allerdings nicht freiwillig. Auch nicht feststellbar, wo genau er untergebracht war. Entweder in der Burg auf dem Berg oder in einen der Nebenburg befindlichen Gefängnis. Die alte Stadtmauer von Dürnstein beweist noch die alte mutmaßliche Größe der Wehranlage. Jedenfalls hatten die Kuenringer einen wertvollen Gefangenen zu beaufsichtigen. Und das im Auftrag des Herzogs Leopold V. von Österreich.

Kniender Herzog Leopold V. erhält sein rotweißrotes Banner durch Kaiser Heinrich VI. nach der Schlacht um Akkon. Detail aus dem Babenberger-Stammbaum, Hans Part, zwischen 1489 und 1492; Stift Klosterneuburg - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Kniender Herzog Leopold V. erhält sein rotweißrotes Banner durch Kaiser Heinrich VI. nach der Schlacht um Akkon. Detail aus dem Babenberger-Stammbaum, Hans Part, zwischen 1489 und 1492; Stift Klosterneuburg - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
(II) Natürlich gibt es die Entstehungsgeschichte des rotweißroten Wappen im Zusammenhang mit den Kampfhandlungen im besagten Kreuzzug. Das weiße Gewand des Herzog Leopold V. soll völlig rotgefärbt von Blut gewesen sein, nur wo der Schwertgürtel lag, blieb es weiß. Nicht sehr glaubwürdig, weil ausgetrocknetes Blut einen Braunton annimmt.
Vermutungen zufolge dürfte es eine rotweißrote Lehensfahne der Eppensteiner (Kärnten) oder Traungauer (Steiermark) das Vorbild für unser heutiges Staatsbanner gewesen sein.
Ein Vorfall bei Akkon führte angeblich zur Entführungs- und Lösegeld-Affäre um Löwenherz. Der englische König ließ die Flagge des Herzogs von Österreich in die Latrine der Burg werfen.
Die Wahrheit war doch wohl anders. Den Vorfall bei Akkon gab es vermutlich nicht so wie geschildert. Und zwischen Frankreich und England herrschte Rivalität. Das hatte der österreichische Herzog, er war außerdem der Onkel des Kaisers, bedacht und Nutzen daraus gezogen. Denn der Kreuzzug an dem der Babenberger (eher Österreicher) mit einem kleinen Kontingent teilgenommen hatte, erbrachte ihm keinen Profit sondern nur Verluste.
Richard Löwenherz auf seinem Thron. Buchmalerei, Abbreviatio Chronicorum des Matthew Paris. Handschrift London, British Library, Cotton MS Claudius D VI, fol. 9v (1250–1259) - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Richard Löwenherz auf seinem Thron. Buchmalerei, Abbreviatio Chronicorum des Matthew Paris. Handschrift London, British Library, Cotton MS Claudius D VI, fol. 9v (1250–1259) - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Wenn wir den Namen König Richard I. Löwenherz hören, denken wir an die fantasievolle Geschichte um Robin Hood, den Rächer der Armen. Allerdings nur eine Sage. Denn der berühmte Gesetzesbrecher wurde erst in der Mitte des 13. Jahrhunderts literarisch erwähnt. Und im 16. Jahrhundert erfolgte die romantische Ausschmückung. Natürlich historisch umstritten auch noch: Hood kämpfte gegen König Johann Ohneland (John Lackland) und achtete dessen Bruder Richard, der allerdings ein brutaler Machtmensch zu seiner Zeit war. Ehest wurde er als Ideal eines englischen Königs und christlichen Kreuzfahrers gesehen. Moderne Historiker sehen in ihm einen abenteuerfreudigen Egozentriker und einen Herrscher, dessen Regierung gescheitert war.
Bei Belagerung einer Burg kam er als König ums Leben.
Der dritte Kreuzzug vereinte Richard I. von England und König Philipp August von Frankreich. Akkon fiel ihnen in die Hände. Die Mühen einer gerechten Aufteilung der Kriegsbeute und zustehenden Anteile führten zu einem folgenreichen Zerwürfnis zwischen England und Frankreich. Der österreichische Herzog nahm das als Gelegenheit seine eigenen Ansichten zu verdeutlichen.
Richard Löwenherz entschied inkognito vom Heiligen Land auf dem Landweg in seine Heimat zu reisen. Mit kleinem Gefolge als Pilger verkleidet. In Friesach (Kärnten) wurde er erkannt. Herzog Leopold V. befahl seine Verhaftung. Der Engländer entkam. Am 6. Dezember 1192 fiel er wegen seines herrischen Gehabens in Bruck an der Mur auf, nahm die beschwerliche Strecke über den Semmering-Pass. Zwei Wochen später am 21. wurde er in Erdberg bei Wien von den Schergen des Herzoges gefangen genommen. Einige Tage zuvor hatten in Mailand Kaiser Heinrich VI. - Onkel des Babenbergers - und König Philipp August von Frankreich über eine Gefangennahme des Engländers verhandelt und gewisse Geldsummen vereinbart.
Herzog Leopold V. ließ seinen prominenten Gefangenen nach Dürnstein bringen, wo ihn der Ministeriale Hadmar II. von Kuenring sicher verwahrte.
Irgendwann kam der nordfranzösische Troubadour Blondel de Nesle (um 1155-um 1240, ihn gab es wirklich), reiste von Burg zu Burg, sang endlich bei Dürnstein und Richard hörte ihn und trällerte das gleiche Lied. Nette Geschichte, ob wahr?
Hadmar II. war persönlich für seinen Gefangenen verantwortlich.
Löwenherz konnte ungeachtet bis zu einem erlaubten Spielraum Entscheidungen tätigen.
(III) Mittelalterliche Ehrbegriffe waren eine ganz besondere Sache. Die seinerzeitigen Chronisten achteten darauf wie ein König sich gebärdete und spotteten gründlich bei einem geringsten Makel. Oft waren Historiographen befangen. Die Wahrheit lag wie immer in der Mitte. Herzog Leopold V. reagierte aus einem Ehrgefühl heraus, achtete aber auf das Ansehen des Engländers. Löwenherz verließ zu Ostern 1193 Dürnstein und war nun Gefangener des Kaisers Heinrich - Neffe des Herzogs von Österreichs. Mit seinem Anteil des Lösegeldes (insgesamt 23 Tonnen Silber, 100.000 Mark) befestigte Leopold V. Wien, Enns, Wiener Neustadt und Friedberg und gründete die Münze Wien.
Erst im Februar 1194 verließ Richard Löwenherz die Burg Trifels als vom Kaiser geachteter König des Angevinischen Reiches; das Haus Plantagenet besaß ganz England und die westliche Hälfte Frankreichs...
(IV) Löwenherz war gezwungen die von seinem Widersacher, dem französischen König Philipp II. August (Kapetinger) besetzten Gebiete zurückzuerobern.
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Cháteau Gaillard, um 1920; Riksantikvarieämbetet, Stockholm - Fotograf unbekannt, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
In der Nähe von Les Andeleys (85 km nordwestlich von Paris entfernt, Region Normandie), an einer Seine-Biegung gelegen, befinden sich gut erhaltene Reste einer Burganlage. Sie wurde von Richard Löwenherz errichtet und 1195 fertiggestellt: Cháteau Gaillard. Er nannte sie meine einjährige Tochter, weil die Bauzeit zwölf Monate umfasste. Sie diente zur Sicherung des Flusses und der damaligen normannischen Grenzen. Erstaunlicherweise zwischen Gaillard und Dürnstein - inzwischen längst romantische Ruinen - zum Teil architektonischer Hinsicht Parallelen! Beide Burgbauten befinden sich auf einem Berg entlang eines Flußlaufes: Cháteau Gaillard/Seine und Burg Dürnstein/Donau.[2] Allerdings Gaillard hat ihr Vorbild in den Kreuzfahrerburgen des Nahen Osten und teilweise der Burg Dürnstein in der Wachau.
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Cháteau Gaillard, die Gesamtanlage, im Hintergrund die Seine - Ausschnitt eines Fotos: Gi.bareau, Wikimedia Commons - Gemeinfrei


Anmerkung
[1] Vergleiche Brunner 1980, Seite 9
[2] Siehe Ausstellungskatalog Richard I. Löwenherz von England (Dürnstein 1966)
Quellen (Auswahl)

Dürnstein

Ernst Lanz 2020