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Adolf Hitler im Goldenen Buch der Stadt Graz#

Der „Führer“ wollte den „Anschluss“ Österreichs nachträglich demokratisch legitimieren und setzte dafür eine Volksabstimmung an. Seine Propagandareise begann er in Graz, der „Stadt der Volkserhebung“.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Titelseite der Kleinen Zeitung vom 13. März 1938, einen Tag nach dem 'Anschluss'
Titelseite der Kleinen Zeitung vom 13. März 1938, einen Tag nach dem "Anschluss" (KK)

Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not in der Steiermark wurden Ende der 1930er-Jahre immer größer, ebenso das Gefühl der Demütigung durch den „Schandfrieden“ von Saint-Germain. Dann kam der Februar 1938: „Immer herausfordernder treten die illegalen Nationalsozialisten in der Öffentlichkeit auf. Massendemonstrationen füllen die Straßen und Plätze. Immer unverhohlener wird der Anschluss an Hitlers Deutschland gefordert“, berichten Günther Jontes und Günter Schilhan in ihrem Buch „Vom Anschluss bis zum Staatsvertrag. Die Steiermark 1938-1955“.

Am 12. Februar trafen sich Adolf Hitler und der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg auf dem „Berghof“ am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Hitler setzte Schuschnigg unter Druck und drohte mit dem militärischen Einmarsch in Österreich, wenn seine Wünsche nicht erfüllt würden. Schuschnigg beugte sich und musste eine Generalamnestie für inhaftierte Nationalsozialisten sowie die Legalisierung der NSDAP in Österreich zusichern. Auch musste die NSDAP an der Regierung beteiligt werden.

Zwischen 19. und 24. Februar wurde ständig demonstriert. Das bisher verbotene Hakenkreuz wurde von vielen offen getragen, Hakenkreuzfahnen und ebensolche Armbinden bestimmten das Straßenbild - Graz als „Stadt der Volkserhebung“. Einem jungen Mann gelang es sogar, eine Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus zu hissen. In Bruck versammelten sich 15.000 fanatisierte Parteigänger, in Leoben 8000, in Hartberg 2500.

Ab 3. März 1938 überschlugen sich die politischen Ereignisse: Landeshauptmann Karl Maria Stepan, ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus, wurde abgesetzt. Massenaufmärsche der Nazis lähmten in Graz und anderen Städten den Verkehr und das öffentliche Leben. Als letzten Versuch, die Unabhängigkeit Österreichs zu wahren, setzte Schuschnigg für den 13. März eine Volksbefragung gegen den Anschlussgedanken an. Das behagte Hitler überhaupt nicht, er erzwang die Absage der Abstimmung. Am Abend des 11. März verabschiedete sich Bundeskanzler Schuschnigg in einer Radioansprache mit den Schlussworten „Gott schütze Österreich“ - während etwa 60.000 Menschen auf dem Grazer Hauptplatz bis in die frühen Morgenstunden des 12. März den Rücktritt der Regierung feierten. Also bis zum Zeitpunkt, da deutsche Truppen bereits die österreichische Grenze überschritten hatten. Der „Anschluss“ war vollbracht. Massenverhaftungen von politischen Gegnern setzten sofort ein, auch Misshandlungen und Übergriffe gegen Juden. Jetzt wollte Hitler Österreichs Anschluss nachträglich demokratisch legitimieren und setzte für den 10. April eine Volksabstimmung an. Als Auftakt zu Hitlers Propagandareise für diese Abstimmung kam der „Führer“ am 3. und 4. April als erstes Ziel nach Graz. „Seit den frühen Morgenstunden ist Sonderzug auf Sonderzug zur steirischen Landeshauptstadt gekommen. Außerdem sind Tausende und aber Tausende von Personenkraftwagen, Omnibussen und Lastkraftwagen unterwegs. Gegen Mittag mögen in Graz an die 400.000 Menschen auf den Beinen sein... Da die Waggonhalle nur gut 20.000 Menschen faßt, hat man durch die Aufstellung von Lautsprechern an dem Ring der Triumphstraße dafür gesorgt, daß auch die Hunderttausenden draußen - nicht nur in dem zu kurzen Augenblick bei der Vorbeifahrt - ihren so stürmisch erwarteten Führer sehen, sondern auch seine erste Rede bei der neuen Anwesenheit in Österreich mit anhören können...“, berichtete die Kleine Zeitung überschwänglich am 4. April. Mit einem Sonderzug war Hitler von Bischofshofen und Selzthal über St. Michael, Leoben und Bruck nach Graz gekommen, wobei ihm tausende Steirer entlang der Bahnstrecke zugejubelt hatten. Dann begab sich Hitler in einer Autokolonne in die still gelegte Haupthalle der Weitzer Waggonfabrik nahe dem Hauptbahnhof zu seiner umjubelten Wahlrede. Anschließend fuhr sein Autokonvoi durch die Keplerstraße in die Innenstadt, über den Ring und die Herrengasse zum Rathaus, wo der „Führer“ im Goldene Buch der Stadt Graz verewigt wurde.

Hitler und sein Stab nächtigten im Parkhotel in der Leonhardstraße, dafür musste aber das gesamte Hotel von Gästen geräumt werden. Ein damals 13-jähriger Grazer erinnert sich daran, dass er dort am nächsten Tag eine lange Schlange von jungen Frauen gesehen hat, die vom Hoteleingang bis zum Stadtpark reichte. Die weiblichen Fans stellten sich stundenlang an, um das Leintuch des „Führers“ zu küssen oder sogar ein Stück davon zu erstehen, wurde ihm vom Hotelpersonal mitgeteilt ...

P.S.: Wie nicht anders zu erwarten, war das Ergebnis der Abstimmung überwältigend: 99,87 Prozent der Steirer stimmten für den Anschluss. An die 40.000 von ihnen waren aber sicherheitshalber von der Wahl gleich ausgeschlossen worden.

3. April 1938: Der 'Führer' schreitet in der Haupthalle der Weitzer Waggonfabrik zu seiner Rede
3. April 1938: Der "Führer" schreitet in der Haupthalle der Weitzer Waggonfabrik zu seiner Rede (KK)
Hitler fährt im Konvoi durch die Herrengasse auf den Grazer Hauptplatz. Links die Weikhard-Uhr
Hitler fährt im Konvoi durch die Herrengasse auf den Grazer Hauptplatz. Links die Weikhard-Uhr (KK)


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele