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Im Kampf gegen die Klimamüdigkeit#

Bis zum Jahr 2030 soll der Anteil der erneuerbaren Energien in den EU-Staaten auf 27 Prozent steigen.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Mittwoch, 20. Dezember 2017


Ökostromproduktion in Österreich, Grafik
Ökostromproduktion in Österreich
Grafik: Wiener Zeitung

Brüssel. (rs) Dass der Weg zur Energiewende in Europa trotz aller Bekenntnisse steinig ist, illustrieren nicht zuletzt die Zahlen der EU-Umweltagentur EEA. Denn obwohl 2016 schon 86 Prozent aller neuen Kraftwerke in den EU-Staaten Ökostromanlagen waren, wuchs der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieverbrauch im vergangenen Jahr nur noch um bescheidende 0,2 Prozent. 2015 hatte es immerhin noch einen Anstieg um 0,8 Prozent von 16,1 auf 16,7 Prozent gegeben.

An ihrer selbstzugeschriebenen Rolle als globaler Klimaschutzvorreiter wollen die Europäer aber trotz der mitunter spürbaren Ermattung weiterhin festhalten. So haben die EU-Energieminister in der Nacht auf Dienstag nach stundenlangen Verhandlungen einen Fahrplan beschlossen, der sicherstellen soll, dass die EU bis 2030 um 40 Prozent weniger klimaschädliche Treibhausgase ausstößt als noch im Referenzjahr 1990.

Ausbau grüner Energie für Reduktion der Treibhausgase#

Kernstück des nun beschlossenen Planes ist dabei der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien, mit dem man an das bis 2020 geltende 20-Prozent-Ziel anschließen will. So sollen bis 2030 mindestens 27 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus Quellen wie Wind, Sonne, Erdwärme oder Biomasse kommen, wobei dieser Anteil wohl noch nicht in Stein gemeißelt ist. Denn die Basis für den nunmehrigen Beschluss ist ein Kompromissvorschlag der EU-Kommission. Dem Parlament ist dies allerdings zu wenig, sodass in Verhandlungen mit Staaten und Kommission noch Veränderungen erwartet werden.

Ebenfalls Bestandteil des nun auf den Weg gebrachten Gesetzespakets sind neue Regeln für den europäischen Strommarkt. Unter anderem soll es in allen EU-Ländern künftig "dynamische" Tarifmodelle geben. Damit könnten Verbraucher ihre Kosten drücken, wenn sie Strom zu Zeiten eines besonders großen Angebots abnehmen, also zum Beispiel dann ihre Wäsche waschen oder den Geschirrspüler laufen lassen. Voraussetzung sind dafür sogenannte Smart Meters, die den Verbrauch in Echtzeit erfassen und steuern können. Diese müssen in den nächsten Jahren flächendeckend in der EU installiert werden.

Energie Marke Eigenbau und Biosprit der zweiten Generation#

Außerdem sollen Bürger künftig leichter selbst erneuerbare Energien produzieren und vermarkten, zum Beispiel wenn sie einen Teil ihres Stroms vom eigenen Solardach ins Netz einspeisen wollen. Auch neue Vorgaben für die Nutzung von Biosprit im Verkehr wurden vereinbart. Bis 2030 sollen 14 Prozent der Treibstoffe aus erneuerbaren Quellen kommen, davon drei Prozent aus sogenannten Biotreibstoffen der zweiten Generation. Diese werden nicht aus Getreide oder anderen Früchten gewonnen, sondern aus Stroh oder Abfällen. Damit stehen sie, anders als herkömmliche Biotreibstoffe, nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Auch Ökostrom zum Betrieb von Elektroautos soll auf die Erneuerbaren-Quote im Verkehr angerechnet werden.

Erneuerbare Energien in der EU, Grafik
Erneuerbare Energien in der EU
Grafik: Wiener Zeitung

"Mehr erneuerbare Energie zu nutzen, wird dabei helfen, unsere Städte, Industrien und Häuser sauberer, gesünder und nachhaltiger zu machen", sagte die estnische Wirtschaftsministerin Kadri Simson, die das Ministertreffen leitete. Umweltschützer und Grünpolitiker kritisierten die Beschlüsse dennoch. Es müsse viel mehr Tempo gemacht werden, um die Klimaziele zu erreichen, erklärte etwa Julia Verlinden, Energie-Expertin bei den deutschen Grünen. Für den Verkehrssektor bedeuteten die Beschlüsse, dass auch 2030 noch mehr als 85 Prozent der Energie aus Öl und fossilem Erdgas kämen.

Auch im am Samstag vorgestellten Regierungsprogramm der neuen schwarz-blauen Koalition in Österreich spielt der umfassende Ausbau von erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle im Energie-Kapitel. So will die Regierung, die sich den Ausstieg aus Fossilenergien zum langfristigen Ziel gemacht hat, dafür sorgen, dass bis 2030 der gesamte heimische Strom unterm Strich aus erneuerbaren Quellen stammt. Das Energieressort wandert schließlich auch vom Wirtschafts- in das Umweltministerium.

Erneuerbare Energieträger aus eigener Produktion sollen dabei gestärkt werden, um Impulse für Investitionen und zusätzliches Wirtschaftswachstum zu schaffen und Österreich unabhängig von Energieimporten zu machen. Geplant ist unter anderem eine "100.000 Dächer"-Investitionsförderung für private Photovoltaik und Kleinspeicher.

Österreichs Aufholbedarf ist bei Verkehr und Raumwärme#

Weil in Summe der Anteil erneuerbarer Energien in Österreich erst bei rund 33 Prozent liegt - bei Strom bereits bei 70 Prozent -, sollen in den kommenden Jahren zudem verstärkt Akzente im Verkehr und bei der Gewinnung von Raumwärme gesetzt werden.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 20. Dezember 2017

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