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So viel Plastik wie 822.000 Eiffeltürme#

In einer Bestandsaufnahme aller Plastik-Erzeugnisse liefern Forscher erschütternde Zahlen.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 20. Juli 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl


Grafik: Plastikmüll
Grafik: WZ Quelle: University of Georgia/Janet ABeckley; Foto: macrovector/Fotolia

Bis zu 30 Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr in den Weltmeeren. Schon allein deswegen schien es dringlich, "Plastikfasten" einmal zu versuchen. Doch dem Aufruf des Deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz zu einer modernen Form der Enthaltsamkeit konnte nur bis zum ersten Mittagsbrot gefolgt werden. Allein im Supermarkt sind nahezu alle Lebensmittel mit Plastikfolien umhüllt oder sonst wie in Kunststoff verpackt. Also zum Bioladen, wo der Tofuburger zwar im Karton, der fix-fertige Salat jedoch ebenfalls im Plastikbehälter gereicht wird. Dafür erkennt die Verkäuferin die Botschaft hinter dem fragenden Blick: "Ist 100 Prozent recyclebar", sagt sie wie aus der Pistole geschossen. Immerhin.

"Zeitalter des Menschen" nennen Geoforscher die Epoche, in der wir heute leben. Wie jedes Erdzeitalter hat auch das "Anthropozän" eine Leitsubstanz. Plastik findet sich in Städten und auf dem Land, in Wäldern und Baumkronen, hoch oben auf Almenwiesen, in plätschernden Bächen und reißenden Strömen und in den Tiefen der Ozeane. Mittlerweile liegt es sogar im Boden begraben. Doch während andere Erdzeitalter ihre Spuren in den Erdschichten im Laufe von Jahrmillionen hinterließen, war das Kunststoff-Zeitalter in nur wenigen Jahrzehnten so weit. Denn Plastik ist praktisch unverwüstlich. Zudem ist seine Produktion, solange es fossile Rohstoffe gibt, nahezu unendlich skalierbar.

Schlüsselfunktion#

Doch die Geister der Erdölderivate werden wir nun nicht mehr los, warnen US-Forscher in der ersten weltweiten Bestandsaufnahme aller Plastik-Erzeugnisse. Sie haben Produktionsstatistiken von Thermoplasten, Elastomeren, Lacken und Anstrichen, Kitten und Dichtungsstoffen, Polyethylen, Polypropylen, Polyester, Polyamid, Kunstharzen - kurz und gut von allem, was unter den Sammelbegriff Plastik fällt - zusammengetragen und ausgewertet.

Das Ergebnis der Berechnungen ist eine unvorstellbare Zahl: 8,3 Milliarden Tonnen Plastik wurden seit den 1950er Jahren auf der ganzen Welt hergestellt. Das ist so viel, wie 822.000 stählerne Eiffeltürme auf eine supergigantische Waage bringen würden. Zwar läuft die Industrieproduktion im großen Stil erst seit noch nicht einmal 70 Jahren, doch schon heute würde die Welt ohne Kunststoffe nicht mehr funktionieren - Plastik hat eine Blitzkarriere gemacht.

Schon die Neandertaler kannten die Schlüsselfunktion von natürlichem Kunststoff. Mit Hilfe von Trockendestillation machten sie aus Birkenrinde Birkenpech, um ihre Werkzeuge zu kleben - das älteste Birkenpech wurde an 200.000 Jahre alten Steinartefakten im italienischen Campitello gefunden. Viel später dichteten Mesopotamiens Baumeister Kanäle mit natürlichem Asphalt, und das Zweistromland exportierte Baumharze als Gummi Arabicum nach Europa.

Wirtschaftswunder#

1839 stellte der US-Erfinder Charles Goodyear fest, dass Kautschuk bei Hitzeeinwirkung und Zusatz von Schwefel zu Gummi wird. Goodyear fertigte aus dem neuen Material zunächst Gummihandschuhe und danach Reifen. Als Begründer der Polymerforschung gilt der Nobelpreis-gekrönte deutsche Chemiker Hermann Staudinger, der Theorien und Experimente zum Aufbau von Kunststoffen anstellte. Bakelit war das erste synthetische Kunstharz für Telefone oder Radios. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg startete die Massenproduktion, das Wirtschaftswunder brachte Plastik in die Wohnzimmer. Thermoplastische Kunststoffe ließen sich in einem bestimmten Temperaturbereich beliebig formen: Plötzlich gab es Flaschen, Becher, Tischgeschirr, Besteck, Sandkastenformen, Legosteine, Puppen, Tische, Stühle, Lampen, Regale, Haushaltsgeräte, Einbauten, Gartenzäune und Gartenzwerge und sogar Häuser aus dem günstigen, dauerhaft haltbaren Polymer-Derivat, das fix-fertig geliefert wurde und nie kaputt ging. Plastik eroberte die Welt.

Alle Innenausstattungen von Autos und Wohnmobilen, Passagierflugzeugen und Schiffen bestehen heute aus Plastik. Computer, Handys, Büromöbel, Glasfaserkabel, Tiefseerohre, Terrassenböden und sogar Babywindeln sind aus Kunststoff gemacht. Und Verpackungen sind durch die globale Wirtschaft mit ihrem weltweiten Versand der größte Kunststoff-Markt. Bereits im Jahr 2000 verbrauchte jeder Mensch auf der Welt 361 Kilo Plastik, wobei in Amerika lebende Menschen mit 130 Kilo am meisten und in Afrika lebende Menschen mit acht Kilo am wenigsten verwenden.

Müll-Management#

Die meisten Plastikverpackungen kommen nur ein einziges Mal zum Einsatz. Ist das Sandwich gegessen, landet die Folie einfach im Müll. "Unsere Berechnungen zeigen, wie dringend wir Materialeinsatz und Müll-Management überdenken müssen", warnen der Umweltforscher Roland Geyer und die Industrieökologin Jenna Jambeck. Neben der Gesamtproduktion haben die Wissenschafter der University of California in Santa Barbara und der Universität Georgia gemeinsam mit Kollegen der amerikanischen Sea Education Association auch ermittelt, wie viel Plastikmüll auf der Welt existiert. Sie kommen auf 6,3 Milliarden Tonnen Altplastik. Somit sind drei Viertel der Kunststoffe Mist. Laut den Wissenschaftern werden nur neun Prozent davon wiederverwendet und nur zwölf Prozent davon verbrannt. Der Rest liegt auf Müllhalden, wird vom Winde verweht oder von den Wasserbewegungen in den Meeren und Flüssen mit den Jahren zu winzigen Partikeln zermalmt, die unverdaubar wie Kaugummi in den Mägen von Fischen landen.

Müll schon nach vier Jahren#

Bedauerlicherweise sehen die Forscher keine Anzeichen für Entspannung - im Gegenteil: 1950 lag die weltweite Kunststoffproduktion noch bei zwei Millionen Tonnen. Im Jahr 2015 wurden mehr als 430 Millionen Tonnen erzeugt und die Tendenz bleibt steigend: Etwa die Hälfte der Plastik-Erzeugnisse, die heute insgesamt 8,3 Milliarden auf die gigantische Waage bringen, sind höchstens 13 Jahre alt. "Wenn sich der Trend fortsetzt, sind wir 2050 bei 34 Milliarden Tonnen Plastik", heben die Forscher hervor.

Immerhin steigen die Raten für Recycling und Verbrennung in vielen Ländern an. Schon 2050 könnten neun Milliarden Tonnen wiederverwendet werden, zwölf Milliarden Tonnen verbrannt und weitere zwölf Milliarden Tonnen in Deponien und in der Umwelt landen. Der Plastikmüll würde damit zwar weiter, aber nicht im selben Ausmaß wachsen. "Die meisten Kunststoffe bauen sich nicht biologisch ab. Die Müllberge könnten uns somit hunderte, wenn nicht tausende Jahre erhalten bleiben", warnt Jenna Jambeck.

Nur die Bauindustrie übertrifft den Kunststoffsektor mit einer Jahresproduktion von 4,1 Milliarden Tonnen Zement und 1,6 Milliarden Tonnen Stahl. "Allerdings stehen Gebäude und Infrastrukturen für viele Jahrzehnte, während Plastikverpackungen laufend weggeschmissen werden und die Hälfte der Gegenstände und Geräte aus Kunststoff schon nach vier Jahren entsorgt wird", betont Erstautor Roland Geyer. Die Forscher räumen ein, dass es wohl unmöglich wäre, Kunststoffe gänzlich vom Markt zu nehmen. "In gewissen Anwendungsbereichen sind sie unabkömmlich, besonders wo Haltbarkeit gefragt ist", sagt Ko-Autorin Kara Lavender Law von der Sea Education Association: "Aber wir müssen hinterfragen, ob die Kunststoffe weiterhin so umfassend eingesetzt werden müssen wie derzeit." Die Forscher wollen Grundlagen schaffen für nachhaltiges Materialmanagement. "Man kann nicht managen, was nie gemessen wurde: Nur mit verlässlichen Größten kann eine informierte Diskussion zum Umgang mit Plastikmüll starten", betont Geyer.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 20. Juli 2017

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