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Das weltweit ausufernde Problem#

Jedes Jahr landen bis zu 20 Millionen Tonnen Plastik im Meer – Tendenz steigend. Die Auswirkungen der globalen Plastikverschmutzung treten immer deutlicher vor Augen. Forschung und Industrie suchen nach Alternativen zu den schwer abbaubaren Kunststoffen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 24. August 2017).

Von

Sonja Bettel


Plastikmüll
Plastikmüll
Foto: AFP / Joseph Eid

Plastik ist ein wunderbares Material. Es ist formbar, leicht, wasserfest, haltbar und für unzählige Zwecke einsetzbar. Plastik ist aber auch die Geißel unserer Zeit. Pro Jahr werden weltweit rund 380 Millionen Tonnen Kunststoffe aller Art produziert (Stand 2015). Der Großteil davon ist nur kurz als Verpackungsmaterial im Einsatz – und danach Müll. Nur neun Prozent der Kunststoffabfälle werden wiederverwertet. Zwölf Prozent werden verbrannt und 79 Prozent landen auf Deponien oder unkontrolliert in der Umwelt. Das haben die Abfallforscherin Jenna Jambeck von der University of Georgia in den USA und ihre Kollegen Roland Geyer und Kara L. Law aus aufwändigen Stoffstromanalysen geschlossen. Sie haben auch errechnet, dass seit dem Jahr 1950, als Kunststoffe begannen, immer mehr Lebensbereiche zu erobern, weltweit 8,3 Milliarden Tonnen davon hergestellt wurden.

Zwischen zehn und 20 Millionen Tonnen Plastik gelangen laut der Umweltorganisation der UNO jedes Jahr ins Meer – und es wird immer mehr. Die Folien, Flaschen, Verschlüsse und unzählige andere langlebige Teile treiben im Wasser und werden von Fischen und Vögeln gefressen, die daran elend zugrunde gehen. Etwa zwei Drittel sinken irgendwann auf den Boden und gefährden die dortigen Lebewesen. Meeresforscher schlagen auch deshalb Alarm, weil Plastikabfälle schon in sehr tiefe und weitab gelegene Meeresbereiche gelangt sind.

Unsichtbare Verschmutzung #

Das Alfred-Wegener-Institut Helmholtz- Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven informiert auf dem Online- Portal „AWI-Litterbase“, wo Forscher überall Müll im Meer gefunden haben und wie er auf verschiedene Organismen wirkt. Die Datenbank, die regelmäßig aktualisiert wird, zeigt, dass gut ein Drittel der untersuchten Organismen den Müll frisst, 31 Prozent ihn besiedeln und 30 Prozent sich in ihm verstricken. Umweltorganisationen haben schon mehrfach Fotos von grausam verstümmelten oder verendeten Tieren veröffentlicht, denen Plastikmüll zum Verhängnis geworden ist. Innerhalb von zehn Jahren ist die Verschmutzung an einem seit dem Jahr 2002 untersuchten Messpunkt in der arktischen Tiefsee um mehr als das 20-fache gestiegen.

Der Großteil der Plastikverschmutzung ist jedoch für Laien und mit freiem Auge gar nicht sichtbar. Plastik, das auf oder im Meer treibt, wird in immer kleinere Teile zerlegt, die am Ende sogar von winzigem Plankton aufgenommen werden. Das Plastik landet über das Plankton in den Mägen von Fischen und am Ende in den Mägen von Menschen.

Studierende und Wissenschaftler der Universität Bayreuth haben auf der unbewohnten Forschungsinsel Vavvaru auf den Malediven im Indischen Ozean den angeschwemmten Müll untersucht und herausgefunden, dass 60 Prozent der eingesammelten Plastikteile nur zwischen einem und fünf Millimeter groß waren, also besonders leicht in die Nahrungskette gelangen. Pro Quadrameter des scheinbar unberührten Sandstrandes fanden sie zwischen 40 und 1000 Plastikteilchen.

Wie man den Plastikmüll aus den Weltmeeren entfernen kann, darüber zerbrechen sich viele Menschen den Kopf. Es gibt schon einige mehr oder weniger skurril klingende Ideen, praktikable Lösungen aber noch nicht. Plastik, das bereits auf den Meeresboden gesunken oder so klein ist, dass man es mit freiem Auge gar nicht sehen kann, wird ohnehin nicht entfernt werden können.

Erste UN-Meereskonferenz #

Das Schweizer Materialforschungsinstitut der ETH (Empa) hat begonnen zu untersuchen, wie und woraus dieses sogenannte Mikroplastik entsteht. Einerseits enthalten viele Kosmetikartikel winzige Plastikteilchen, um einen mechanischen Reinigungseffekt zu erzielen. Andererseits wird Mikroplastik beim Waschen von Kunstfaserkleidung ausgespült und gelangt über das Abwasser in die Umwelt. Interessanterweise war die Menge an Fasern, die bei fünf verschiedenen Waschprogrammen herausgelöst wurde, immer mehr oder weniger konstant. Waschmittel und Tenside erhöhten allerdings die Menge an freigesetzten Mikrofasern im Vergleich zu reinem Wasser. Warum das so ist, wollen die Forscher noch ergründen.

Klar ist: Es ist höchste Zeit für einen sparsameren und verantwortungsvolleren Umgang mit Kunststoffen. Am Ende der ersten UN-Meereskonferenz im Juni dieses Jahres haben sich die 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen deshalb unter anderem dazu verpflichtet, den Einsatz von Kunststoffen und Mikroplastik zu reduzieren. Wie bei UN-Abkommen üblich, ist es jedoch meist ein weiter Schritt von unterzeichneten Papieren zu konkreten Maßnahmen.

Forschung und Industrie arbeiten unterdessen bereits daran, bessere Alternativen zu schwer abbaubaren Kunststoffen aus Erdöl zu entwickeln, sogenanntes Bio-Plastik. Für kurzlebige Produkte wie das Sackerl fürs Gemüse oder Einweggeschirr gibt es das bereits, doch es ist noch um einiges teurer und in Bezug auf Haltbarkeit oder Ästhetik nicht immer zufriedenstellend. Wobei sich die Frage stellt, ob Produkte für rasches Wegwerfen nicht generell vermieden werden sollten.

Bio-Plastik aus Zitrusfrüchten #

Plastikmüll
Plastikmüll
Foto: AFP / Torsten Blackwood (1), Ahmad Zamroni (1), Arindam Dey (1), John Wessels (1)

Derzeit werden Biokunststoffe großteils aus Glukose aus Zuckerrüben oder aus Mais- oder Weizenstärke hergestellt – entweder aus Thermoplastischer Stärke (TPS) oder aus Polylactiden, für die die Stärke zu Milchsäure vergoren wird. Der kritische Punkt dabei: Zuckerrüben, Mais und Weizen sind Nahrungsmittel. Sie blockieren für die Kunststoffproduktion ohnehin knapper werdenden landwirtschaftlichen Boden für die Nahrungsmittelproduktion. Sinnvoller wäre es deshalb, Materialien zu verwenden, die bislang als Abfall teuer vernichtet werden müssen.

Ein Konsortium aus vier großen und acht mittleren und kleineren Industriebetrieben sowie vier Forschungseinrichtungen aus Europa untersucht seit einigen Monaten, was man aus Abfällen von Pilzen – in erster Linie Champignons – machen könnte, die derzeit kompostiert oder zu Biogas vergoren werden. 50.000 Tonnen Pilzabfälle, so berichtet die Industrie, würden wöchentlich entsorgt. Sie enthalten Stoffe wie Zucker, Lipide, antibakterielle und antioxidative Substanzen, sagt der Projektkoordinator Bart van der Burg von der in Amsterdam ansässigen Firma Bio Detection Systems. Vielleicht könnte man daraus Nahrungsergänzungsmittel, Reinigungsmittel oder eben auch Plastikfolien herstellen. Der Vorteil der Pilze, so van der Burg, sei, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Ausgangsstoffen keine harten Pflanzenteile enthalten, was das Aufschließen des Materials erleichtere. Der Niederländer Arjan Kleij, der am Institut der chemischen Forschung von Katalonien in Spanien arbeitet, entwickelt einen Biokunststoff aus Zitrusfrüchten. Er brauche dafür nur die Substanz Limonen, das ist ein Terpen aus den Zitrusfrüchten, sowie Kohlendioxid aus der Luft, betont der Chemiker. Im Labor konnte er damit bereits kleine Mengen eines flexiblen und elastischen Kunststoffs herstellen, der jenem entspricht, der bisher mit dem gesundheitsschädlichen Weichmacherzusatz Bisphenol A produziert wird.

Einen kleinen Lichtblick eröffnet auch eine Forschergruppe um Shosuke Yoshida von der Technischen Universität Kyōto in Japan. Sie hat in einer Recyclinganlage für PET-Flaschen ein Bakterium gefunden, das Plastik zersetzt. Die Forscher hoffen nun, die Bakterien für das Auftrennen des Kunststoffs zwecks Recycling einsetzen zu können – oder auch, um Plastik aus der Umwelt zu entfernen.

DIE FURCHE, Donnerstag, 24. August 2017