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Ein Kapitalist wie früher#

Dagobert Duck wird 70 Jahre alt. Oder 150. So genau weiß das keiner. Wie die Ente vom geizigen Reichen zum Sympathieträger wurde. Eine wirtschaftliche Hommage.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Donnerstag, 7. November 2017

Von

Bernhard Baumgartner


Logo der Serie Duck Tales
Logo der Serie Duck Tales.
Foto: Disney. Aus: Wikicommons, unter PD

Wien. "Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle! Ich bin Dagobert Duck, Großbankier, Großindustrieller, Großhändler. Kurz, bei mir können Sie alles kaufen", ließ dereinst bereits Carl Barks die reichste aller Enten sagen. Dagobert ist so reich, dass man für ihn schon eine neue Kategorie erfinden musste, den Fantastilliardär. So viele goldene Münzen und grüne Taler-Scheine lagern in seinem 30 mal 30 Meter großen Geldspeicher, der auf einem Hügel über der Stadt Entenhausen thront. Den Hügel, zu erkennen unter anderem an Schildern wie "Weg da!" oder "Die Antwort lautet Nein!", soll der alte Bertel dereinst bereits Emil Erpel selbst (immerhin der Gründer von Entenhausen) abgekauft haben.

Das war der Legende nach im Jahr 1902. Und dennoch wird in diesem Dezember sozusagen der 70. Geburtstag der Ente mit rotem Gehrock, etwas aus der Zeit gefallenem Zylinder und Gehstock begangen. Eine minimale historische Diskrepanz? "Papperlapapp, Neffe", würde Dagobert sagen. Denn der Erpel war bei seinem ersten Auftritt 1947, gezeichnet von Disney-Schöpfer Carl Barks selbst, bereits 80 Jahre alt. So gesehen also ein ausgesprochen langlebiger Anatide, der seit damals als Projektionsfläche junger und alter Fans durch das Duck’sche Universum watschelt. Oder besser rennt. Denn Zeit ist Geld und Geld ist - nun ja: Geld.

Zudem gibt dieser historische Umstand die Gelegenheit, dieser Tage sozusagen ein Doppeljubiläum zu feiern: 150. Geburtstag und 70. Geburtstag zum Preis von einem! Von dieser ungeheuerlichen Effizienz wäre wohl auch der alte Knauser fasziniert gewesen. Denn Feste sind bekanntlich teuer und somit sowieso ein unnötiger Luxus. Und diesen hätte sich Bertelchen, der normalerweise zum Geburtstag beim Bäcker nicht einmal einen trockenen Kuchen vom Vortag kaufen würde, bestimmt nicht so ohne weiteres gegönnt.

Das macht die Figur des Dagobert Duck eigentlich auf den ersten Blick wenig sympathisch. Ein alter Geizkragen, der lieber die alte Zeitung vom Boden aufklaubt, als sich die paar Kreuzer für ein neues Exemplar zu leisten: Den Gehrock hat er damals gebraucht gekauft, auch Stock und Zylinder waren ein Schnäppchen. Wenn er dann doch einmal etwas zahlen muss, verfällt er in spontane Weinkrämpfe, die sogar die Tränen fontänenartig aus den Augen schießen lassen, gepaart mit elendem Wehklagen: "Buhuhu meine armen Talerchen!" Und doch hat sich Dagobert seinerzeit (selbst für Barks eher überraschend) in die Herzen der Leser geschlichen. Dieser verpasste ihm daraufhin eine gewisse Imagekorrektur zum Liebenswerten: der Großkapitalist aus eigener Kraft und mit untrüglichem Geschäftssinn, aber dann doch mit gutem Herzen. Heute in der Phase des Spätkapitalismus mit Schulden-, Banken- und Vertrauenskrisen aller Orten ist Dagobert sozusagen eine Reminiszenz an die gute alte Zeit: ein Geschäftsmann, der noch echte Geschäfte macht. Dagobert handelt mit allem - aber immer mit Dingen, die man angreifen kann: eine Diamantmine da, ein Ölfeld hier, eine Fabrik dort. Zu Banken hat er sympathischerweise prinzipiell kein Vertrauen. Das ist die Welt seines ewigen Konkurrenten Klaas Klever, der bekanntlich einen Hut nach dem anderen fressen muss, weil ihn der alte Duck einmal mehr überlistet hat. Der massive Geldspeicher, in dem unser Bertel sein Bargeld hortet, ist sozusagen die Stahlbeton gewordene Antithese zum vorherrschenden Wirtschaftssystem. Optionen, Derivate, Wertpapiere - sie alle haben keine reale Bedeutung für den Fantastilliardär. Vielleicht noch Aktien, aber nur wenn ihnen ein realer Wert gegenübersteht, etwa eine Fabrik, die man besuchen kann, um dort nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich ein Schuldschein vom Neffen Donald, den man ob seines Schuldenregisters jederzeit zu Arbeiten heranziehen kann.

Bitcoins? Niemals!#

Absurditäten wie Bitcoins und andere Scheinwerte würde Dagobert nicht einmal mit der Kneifzange anfassen ("Humbug, werter Neffe!"), für Kasinokapitalismus, der schon die ganze Welt an den Rand des Abgrunds gebracht hat, ist er nicht zu haben. Hier hat die Zeit selbst einen gewissen Bedeutungswandel vorgenommen. Noch 1969 galt Dagobert und seine Darstellung als gieriger Geschäftsmann als Kapitalismuskritik, wenn ihn etwa eine deutsche Zeitschrift als "Prototyp des Monopolkapitalisten, der von der Produktivität der Werktätigen lebt und den Rahm abschöpft" bezeichnet. Wenig später veröffentlichten die Soziologen Ariel Dorfman und Armand Mattelart ihre Analyse ("Para leer al Pato Donald"), in der sie den Duck-Comics gar pauschal imperialistische Ideologie unterstellten.

Fast 50 Jahre später eignet sich die Figur des Dagobert nur mehr sehr schlecht als Symbolbild. Denn der alte Duck, das ist auch "old economy", wie man so schön sagt. Wenn die antikapitalistische Occupy-Bewegung vereinzelt Dagobert (Vermögensstand 1951: 788.423.000.017,16 Taler) als das "eine Prozent" (nämlich jenes, dem alles gehört) heranzieht, geht das am eigentlichen Problem vorbei. Nicht die Dagoberts dieser Welt haben den Kapitalismus entmenschlicht, sondern die, die mit seinen Geschichten aufgewachsen sind und aus lauter Gier das Wirtschaftssystem in ein einziges, globales Casino verwandelt haben. Und zwar eines, in dem die Allgemeinheit die Rechnung zahlt, wenn die Kugel wiedermal auf "Zero" fällt.

Zurück in die Realwirtschaft#

So gesehen müssten eigentlich "die 99 Prozent" mit Dagobert auf dem Transparent marschieren. Nach dem Motto: Wir wollen die Realwirtschaft zurück, in der ein Haus ein Haus ist und nicht ein mehrfach gebündeltes Derivat, das keiner mehr nachvollziehen kann. Gerade in Zeiten, in denen immer wieder über die Abschaffung des Bargelds diskutiert wird (noch nicht sonderlich ernsthaft, zum Glück), ist Dagobert und sein fast fetischistischer Zugang zum Geld ("Es ist mir ein Hochgenuss, wie ein Seehund hineinzuspringen! Und wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen! Und es in die Luft zu schmeißen, dass es mir auf die Glatze prasselt!") ebenso auf der richtigen Seite der Geschichte zu finden.

Wie sagt Dagobert selbst: "Ich bin reich geworden, weil ich zäher war als die Zähsten und schlauer als die Schlausten! Und ich bin dabei ein ehrlicher Mann geblieben!" Immerhin hat er als kleine Ente mit einem Schuhputzkasten seine erste Münze (den legendären Glückszehner) verdient. Später, nach seiner Auswanderung von Glasgow nach Nordamerika, hat er bekanntlich beim Goldrausch am Klondike sein erstes Vermögen gemacht. Glück, natürlich - aber auch die Frucht harter Arbeit, wie Dagobert sagt: "Ich habe 24 Stunden am Tag gearbeitet - und in der Nacht noch einmal 24 Stunden." So gesehen könnte man in der reichsten Ente der Welt fast ein Beispiel an calvinistisch-protestantischer Arbeitsethik erblicken, sofern der alte Knauser auch hier und da mal was für die Bedürftigen springen lassen würde. Auch wenn ihm das bekanntlich körperlich wehtut.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 7. November 2017