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Gescheiterte Utopien #

Lässt sich eine digitale Stadt von Grund auf aus dem Boden stampfen? Planstädte haben wieder Konjunktur – doch aus Idealstädten können schnell Geisterstädte werden.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 1. Februar 2018

Von

Adrian Lobe


Brasilia
Brasilia In den 1950er-Jahren schufen Oscar Niemeyer und Lúcio Costa die Reißbretthauptstadt Brasília.

Städte stehen hoch im Kurs bei Technologieunternehmen. Nachdem Google den Bau einer intelligenten Stadt in Toronto ankündigte, wurde nun bekannt, dass auch Bill Gates Interesse an einer Planstadt hat. Der Microsoft-Gründer hat laut Medienberichten über eine seiner Investmentfirmen für 80 Millionen Dollar einen Landstrich in Arizona erworben, wo er eine Planstadt für 100.000 Einwohner aus dem Boden stampfen will. Im Wüstensand von Saudi-Arabien soll in den nächsten Jahren unter der technischen Leitung des ehemaligen Siemens- Chefs Klaus Kleinfeld eine 500 Milliarden Dollar teure Mega-City (Neom) entstehen, in der Passagierdrohnen verkehren und Häuser aus dem 3D-Drucker konstruiert werden. Das Vorhaben klingt schon vor seiner Vollendung ambitioniert, um nicht zu sagen: megaloman.

Charme der Planstädte #

Es gibt in der jüngeren Vergangenheit einige gelungene Beispiele von Planstädten, etwa die von Le Corbusier entworfene Metropole Chandigarh in Indien mit ihrem gitterartigen Straßennetz, die von Architekt Lúcio Costa geplante brasilianische Hauptstadt Brasília mit ihrem Flugzeuggrundriss oder die australische Hauptstadt Canberra. Auch Bagdad wurde im achten Jahrhundert nach Christus von den Abbasiden auf dem Reißbrett geplant. Der Charme von Planstädten besteht darin, dass man bestimmte Gesellschaftsmodelle erproben und Planungsfehler a priori vermeiden kann. Man kann eine Stadt von Grund auf neu entwerfen: autofrei, klimaneutral, autark. Das hat besonders für Städtebauer seinen Reiz, die ihre Ideen in die Praxis umsetzen können. Doch die Gefahr dieses Modells liegt darin, dass an den Bedürfnissen der Menschen und des Marktes vorbeigeplant wird.

In China gibt es reihenweise Geisterstädte, die unbewohnt sind. Ordos ist auf den ersten Blick eine Stadt, wie sie Investoren gern in Broschüren bewerben: Saubere Straßen, geometrisch gezirkelte Wohnblöcke, ein schmuckes Stadion. Das Problem ist nur: Es fehlen die Bewohner. Eigentlich sollte New Ordos eine blühende Wüstenmetropolewerden, ein Handelsplatz wie zu Zeiten Dschingis Khans. Ordos spielte in den Planungen der Staatsführung in Peking, die Menschen durch Anreize (Arbeitsplätze, billige Wohnungen) aus den überbevölkerten Agglomerationen an der Ostküste ins Landesinnere umzusiedeln, eine zentrale Rolle. Doch zuerst sprangen die Investoren ab. Und dann blieben auch die Menschen aus. Häuser sind verlassen, Museen stehen leer, die Straßen sind wie leergefegt. Die Wohntürme stehen wie Memento Mori in der staubigen Landschaft herum. Der Architekturkritiker Dan Howarth schrieb bei einem Lokalaugenschein, der ganze Ort fühle sich wie eine „postapokalyptische Raumstation in einem Science-Fiction-Film an“. In China haben Wissenschaftler sogar einen eigenen Begriff für Geisterstädte geprägt: „Mauern ohne Märkte.“

Ordos ist nicht das einzige Beispiel für eine Geisterstadt. Auch die Siedlung Hallstadt in der Stadt Luoyangzhen, ein kitschiges Alpen- Idyll mitten in China, das eine perfekte Kopie des österreichischen Vorbilds ist, ist unbewohnt – eine Kulisse mit Disneyland- Charakter. Der amerikanische Fotograph Kai Caemmerer hat diese städtebaulichen Sünden in seiner Fotoreihe „Unborn Cities“ dokumentiert. Es sind verstörende Zeugnisse einer verfehlten Stadtplanung, die gleichsam eine gewisse Ruinenästhetik ausstrahlen. Auch Planstädten wie Songdo oder Masdar City, die als Blaupause für smarte Städte gelten, fehlen die Bewohner.

Fiasko „Fordlândia“ #

Schon viele Investoren sind mit ihren Utopien baden gegangen. 1928 ließ der Autopionier Henry Ford in Amazonien die Mustersiedlung „Fordlândia“ errichten – eine Company Town mitten im brasilianischen Urwald mit Kino, Pools und Golfplatz. Dächer, Feuerhydranten, sogar Türgriffe wurden aus den USA importiert. Nur Alkohol gab es nicht. Fords Idee war es, den Kautschuk für die Reifenproduktion seiner Fahrzeugmodelle selbst zu produzieren und die Abhängigkeit von englischen und niederländischen Kautschukproduzenten zu verringern.

Anfangs lebten gut 5000 Arbeiter in der Siedlung. Doch die Versorgung der Stadt mit Rohstoffen und Lebensmitteln bereitete aufgrund der Lage im Regenwald Schwierigkeiten. Die Güter mussten per Schiff über den Fluss Tapajós herangeschafft werden, der in der Regenzeit nicht schiffbar war. Lebensmittel wurden knapp. 1930 probten die Arbeiter den Aufstand: Sie zerstörten Maschinen und Häuser. Das Management musste Hals über Kopf mit dem Schiff flüchten, das brasilianische Militär die Revolte niederschlagen. Fords Vision endete im Fiasko. Bis heute wurde kein Gramm Kautschuk in der Siedlung produziert. Die Produktionsstätten sind verwaist, aus den Fenstern der Fabriken wuchern Sträucher; die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. „Fordlândia“ steht heute als Mahnmal einer Geisterstadt im Urwald. Nicht ausgeschlossen, dass künftige Planstädte ein ähnliches Schicksal ereilt.

Fordlandia
Die Versorgung mit Nahrungsmitteln erwies sich als zu schwierig.
Foto: Wikimedia
Fordlandia Plan
Verlassene Planstadt. In Amazonien ließ Henry Ford sein „Fordlândia“ errichten – und scheiterte:
Foto: Wikimedia

DIE FURCHE, 1. Februar 2018