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"System muss großartige Ideen zulassen"#

Im Budget bleibt Grundlagenforschung unterdotiert. Klement Tockner, Chef des Wissenschaftsfonds, über die Gefahren für Österreich.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 18. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl


DNA-Struktur
Auch die DNA-Struktur war zur Zeit ihrer Entdeckung 1943 absolute Grundlagenforschung. Eine moderne Medizin wäre ohne die Kenntnis des Erbguts jedoch nicht denkbar.
Foto:© dpa/Angelika Warmuth

Die Budgets für Wissenschaft und Forschung sind beschlossen. Doch anders als Politiker in Willensbekundungen erwarten ließen, bleibt für den Wissenschaftsfonds FWF alles beim Alten. Die zentrale Förderagentur für Grundlagenforschung ist schmerzhaft unterdotiert. Freilich erscheint die angewandte Forschung, die in kurzer Zeit zu neuen Produkten führt, auf den ersten Blick sexier: Neuartige Fahrzeuge, lautlose Hubschrauber, Hochhäuser aus Holz oder hochwirksame Medikamente sind greifbarer als Studien zu magentischen Atomen oder zur Genetik von Fadenwürmern. Doch wenn ein Land nur in ergebnisorientierte Forschungsarbeiten investiert, dann verpufft über kurz oder lang die Innovationskraft, weil nichts von Grund auf Neues nachwächst. Das zu verhindern, ist die Aufgabe von Klement Tockner. Der neue FWF-Chef kämpft um Budgets für Grundlagenforschung als Chance für ein kleines Land, mit Innovationen zu punkten. Er warnt davor, in den Wissenschaften nur auf den schnellen Erfolg zu setzen.

"Wiener Zeitung": Solide Planung bei stagnierenden Mitteln: Das ist die aktuelle Lage des Wissenschaftsfonds (FWF). Das Budget von Österreichs zentraler Agentur zur Förderung von Grundlagenforschung bleibt für 2017 gleich, während andere Bereiche Erhöhungen bekommen. Was sagen Sie dazu?

Klement Tockner: Ich will eine gewisse Enttäuschung darüber nicht verbergen. Das neue Präsidium ist allerdings erst seit sechs Wochen im Amt und die Budgetplanung wurde vor unserer Wahl gemacht. Damals wurde ein Gesamtbudget für 2016 bis 2018 festgeschrieben. Wir haben seit fünf Jahren eine gleichbleibende Bewilligungssumme von jährlich knapp 200 Millionen Euro zur Verfügung. De facto sinken somit unsere verfügbaren Mittel, wenn man Kostensteigerungen und Inflation berücksichtigt. Zusammen mit dem kontinuierlichen Anstieg der Förderungsanträge, mit dem wir seit Jahren konfrontiert sind, hat dies zu einem deutlichen Rückgang der Bewilligungsquote auf derzeit knapp 20 Prozent geführt. Unser Ziel ist daher eine massive und nachhaltige Stärkung des FWF ab 2018. Der Wille dazu ist in der Politik ressortübergreifend vorhanden. Jetzt hoffen wir, dass den Worten auch die nötigen Taten folgen werden.

Auch Ihre Vorgänger wollten die Grundlagenforschung nachhaltig stärken, trotzdem ist der FWF in Relation zu Förderungsorganisationen in Deutschland oder der Schweiz unterdotiert geblieben. Wie wollen nun Sie Ihr Ziel erreichen?

Ich sehe in Österreich über alle politischen Parteien hinweg Konsens, Einsicht und somit eine große Bereitschaft, dass die kompetitive Forschung massiv gestärkt werden muss. Wir arbeiten derzeit im FWF an einem Konzept, in dem wir die Argumente für eine Erhöhung unseres Budgets liefern, das wir Ende November dem zuständigen Ressort und der Öffentlichkeit vorlegen wollen.

Mit welchen Argumenten wollen Sie überzeugen?

Man muss den großen Schritt wagen und nicht nur Schrittchen machen. Es geht dabei nicht um den FWF, denn wir sind nur der Treuhänder. Wir verfolgen ja keine Eigeninteressen, sondern fordern mehr Mittel für die Wissenschaft an sich. Will man eine qualitätsorientierte Förderung in Österreich, dann erfordert das eine massive Steigerung an kompetitiven Mitteln, die in einem transparenten Prozess vergeben werden. Auch Kosten, die den Forschungsstätten entstehen, etwa für Infrastruktur oder Räume, müssen mit eingeplant werden, um die Institutionen zusätzlich zu stärken. Diese werden dadurch wettbewerbsfähiger.

Wie viel Geld benötigt die Grundlagenforschung in Österreich?

Was grundsätzlich notwendig ist, ist eine Verdoppelung unseres Budgets von derzeit rund 200 Millionen Euro, um international auf Augenhöhe operieren zu können. In Deutschland hat die Exzellenzinitiative eine unglaubliche Dynamik in Gang gesetzt, die es ermöglicht, die besten Forscherinnen und Forscher anzuziehen, die so ihre Forschungsgruppen finanzieren können. Natürlich geht das bis zu einem gewissen Maß auch über europäische Förderungsgelder. Aber ein Land, das wie Österreich "Innovation Leader" sein will, braucht in jedem Fall eine sehr starke nationale Schiene.

Nicht Grundlagenforscher, sondern die Fachhochschulen erhalten 100 Millionen aus der Bankenabgabe. Was sagt das über den realen Stellenwert der Grundlagenforschung in Österreich?

Die Bretter, die wir bohren müssen, sind sicher dick und hart. Aber es gibt drei wesentliche Gründe, warum die öffentliche Hand massiv in Grundlagenforschung investieren muss. Erstens ist sie per se risikoreicher als industriegetriebene Forschung, zweitens stellt sich Erfolg meist erst mittel- und langfristig ein; drittens ist öffentlich gefördertes Wissen Gemeingut. Gerade Österreichs Klein- und Mittelbetriebe, von denen sich viele keine eigene Forschung leisten können, profitieren unmittelbar davon. Neben der Tatsache, dass freie Wissenschaft Teil einer aufgeklärten Gesellschaft ist, bringt im Durchschnitt jeder in die Grundlagenforschung investierte Euro einen ökonomischen Mehrwert von drei bis vier Euro. Das zeigen etwa Berechnungen des Forschungsverbunds Berlin.

Was macht eine erfolgreiche Institution aus und welcher Rahmenbedingungen bedarf es?

In Deutschland habe ich mit Kollegen eine noch unveröffentlichte Studie zu den Faktoren durchgeführt, die Forschungsinstitutionen zum Erfolg führen. Wir konnten feststellen, dass starre Hierarchien, langwierige Entscheidungsprozesse, wenig zielführende Personalpolitik und mangelnde Öffnung nach außen Erfolg verhindern: In vielen Fällen haben somit Governance-Probleme zum Scheitern von Institutionen geführt. Gleichzeitig schränkt eine zu starke Straffung die nötigen Freiräume ein. Und es gibt keinen linearen, einfachen Zusammenhang zwischen Investition und Ergebnis, man darf daher nicht überregulieren oder Zwangsverbindungen schaffen. Grundlagenforschung ist keine "Safe Science", sondern beinhaltet hohe Risiken: Es kann sein, dass keine unmittelbar verwertbaren Erkenntnisse herauskommen, die Idee aber trotzdem faszinierend bleibt. Und das muss ein System unbedingt zulassen.

Risiko spießt sich mit Ihren Antragsrichtlinien, wo mögliche Resultate erläutert sein müssen. Müssten Sie für ergebnisoffene Forschungsansätze die Richtlinien anpassen?

Es ist ein Teil unserer Qualitätsentwicklung, auch die eigenen Antragsrichtlinien zu hinterfragen und wenn nötig anzupassen. Künftig sollte zudem noch stärker in Personen investiert werden: Die talentiertesten Personen bekommen Ressourcen zur Verfügung gestellt und suchen sich aus, in welchen Institutionen sie forschen wollen.

Derzeit darf aber eine Person nur zwei FWF-Projekte am Laufen haben. Sehen Sie einen Widerspruch?

Es tut mir extrem weh, dass man solche Restriktionen einführen musste, die in der Gemeinschaft verständlicherweise demotivierend wirken. Es war allerdings keine strategische oder inhaltlich getriebene Maßnahme, sondern eine ökonomische Notwendigkeit, um über die Runden zu kommen. Eine derartige Beschränkung ist genau das Regulativ, das der Idee des Förderns von großartigen Ideen widerspricht.

Sie sind für Open Innovation und Citizen Science - also die Beteiligung der Bürger an wissenschaftlicher Forschung. Wie tragen Sie als Förderungsorganisation dieser Öffnung Rechnung?

Wir müssen aufpassen, dass Citizen Science sich nicht einfach zu einer anderen Form von Öffentlichkeitsarbeit entwickelt: Wenn man Bürgerinnen und Bürger einbindet, erhöhen sich Interesse an und Akzeptanz für öffentlich geförderte Forschung. Es muss aber die wissenschaftliche Frage im Zentrum stehen, man darf das nicht verwässern, denn sonst entsteht eine seichte Wissenschaft. Und dann würden wir nicht nur die Forschungsfrage, sondern auch die Bürger "verheizen". Derzeit werden beim FWF Citizen-Science-Projekte an genehmigte Projekte angedockt. Das heißt, da ist die wissenschaftliche Qualität bereits gesichert. Für die Zukunft ist zu überlegen, ob es nicht auch neue Formen der Begutachtung geben könnte - etwa, indem Teile der Zivilgesellschaft einbezogen werden. Auch wir müssen mutig sein, experimentell neue Förderungsformate zu entwickeln, brauchen also nicht nur den Mut der Wissenschaftsgemeinschaft, sondern auch der Förderagenturen und natürlich der Politik.

Zur Person#

Klement Tockner geboren 1962 in Schöder, Steiermark, ist Biologe und Gewässerökologe. Ab 2007 war er Professor für Aquatische Ökologie der Freien Universität Berlin und Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Seit 1. September ist er Präsident des Wissenschaftsfonds FWF.
Wiener Zeitung, Dienstag, 18. Oktober 2016