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Vom Winde verweht in Lüderitz#

Der Bremer Adolf Lüderitz landete 1883 in einer Bucht der Küstenwüste Namib und legte den Grundstein für 31 Jahre deutsch-koloniale Begehrlichkeiten. Eine Spurensuche an der südwestafrikanischen Peripherie.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 20. Jänner 2019

Von

Günter Spreitzhofer

Städtchen Lüderitz in Namibia
Eine adrette Bastion stramm-deutscher Historie am Ende der Welt: das Städtchen Lüderitz in Namibia.
Foto: © Spreitzhofer

Mit Hansi Hinterseer und sieben roten Rosen war eigentlich nicht zu rechnen gewesen. Mit Freddy Quinn schon eher, obwohl auch von Gitarren und Meer keine Spur ist. Plötzlich gab es jedenfalls Musik und das Knistern im Autoradio war vorüber, gleich nach Seeheim, wo ein uraltes Hotel aus Steinblöcken zur einzigen Landmark weit und breit geworden ist. Wir fahren schon stundenlang von Grünau westwärts, teils auf Kies, teils auf neuem Asphalt. Und immer Richtung Lüderitzbucht am Atlantik, vorbei an struppigen Wildpferden hinter Aus (der Ort heißt wirklich so und sieht genauso aus) und meterhoch sandverwehten Schienen der brandneuen Bahnlinie, die drei große Bagger gerade freilegen.

Der Sender heißt NBC Rundfunk Namibia (Motto: "Deutsch gehört gehört"), besteht seit 1979, und bringt täglich Kindersendungen ("Hallo Kinder"), samstags morgens "Wochenend und Sonnenschein" und sonntags nachmittags nach der Bibelstunde "Wünsch dir was". Frau Vogelbeer aus Swakopmund wünscht sich Andreas Gabalier. Doch von Rehlein ist hier in Südnamibia keine Spur, eher von Oryx und Springböcken, die aus dem Nationalpark Sperrgebiet (der wirklich immer noch so heißt) traben, der ohne Sondergenehmigung der Diamantenfirma immer noch Tabu für Besucher ist. Die Straße darf auf beiden Seiten nicht verlassen werden.

Bismarckstraße#

Verlassener geht es ohnedies kaum, selbst für namibische Verhältnisse. 495 Kilometer - und nur eine einzige Tankstelle bis zur Lüderitzbucht. Windhuk, die Hauptstadt, ist 685 km (Staubpiste) oder 830 km (Asphalt) entfernt. "Einmal im Jahr fahren wir zum Zahnarzt hin", sagt Frau Lore, 74, die in der Bismarckstraße im Städtchen Lüderitz einen kleinen Laden neben einer Kegelbahn betreibt. Sie verkauft Souvenirs und Memorabilien, die "Buchter-News" (eine namibische Lokalzeitung in deutscher Sprache) und Eintrittskarten für die verwehte Diamanten-Geisterstadt Kolmannskoop in der diesigen Dünenlandschaft im Hinterland.

Schon ihre Großeltern wurden hier geboren, sagt sie, und zeigt uns stolz ihre Hefte der Schriftenreihe "Aus alten Tagen in Südwest", Heft 1-8, die von Walter Moritz, einem ehemaligen Missionar der Rheinischen Mission, herausgegeben wurden. Darin geht es um Ochsenkarren und Pastoren, um Seidenweber und feindliche Herero, um Zucht und Ordnung, Schwarz und Weiß - nicht nur drucktechnisch.

Frühere Besucher des einsamen Landstrichs kamen eher vom Meer. Den portugiesischen Seefahrer Bartolomeu Diaz, damals auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien, verschlug es 1487 als ersten Europäer in die entlegene Bucht, wo traditionsgemäß ein Steinkreuz mit portugiesischem Wappen aufgestellt werden musste. "Das Originalkreuz steht seit 1929 in Lissabon", sagt Lore. "So richtig interessiert hat die Gegend allerdings auch davor lange niemanden, waren doch bloß ein paar Pinguin-Inseln spannend für die Briten, weil sie dort Guano abbauen konnten". Doch dann kamen die Deutschen - und blieben 31 Jahre.

Lüderitzland, wie der Küstenstreifen im Südwesten Afrikas fortan bezeichnet wurde, war keine zufällige Entdeckung. Es wurde nach den Bremer Großkaufleuten Adolf Lüderitz, der das Land 1883 unter fragwürdigen Umständen über Heinrich Vogelsang für seine Firma erwerben ließ, und seinem jüngeren Bruder August Lüderitz, der vor Ort Gebiete aufkaufte und für das Reich Verhandlungen führte, benannt.

Koloniale Keimzelle#

Das 1884 unter deutschen Schutz gestellte Küstenland wurde - gemeinsam mit dem nördlich gelegenen Swakopmund - zu einer Keimzelle der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia: Dass die gefinkelten Herren auf der Suche nach Bodenschätzen einem ansässigen Stammesführer, Josef Frederiks II, ein paar Gewehre und 100 Goldpfund für ein - seiner Meinung nach - kleines Landstück gaben, erwies sich nachträglich als Drama: Denn Meilen sind nicht gleich Meilen. Es seien natürlich preußische Meilen (ca. 7,5 km) gemeint gewesen, hieß es ein wenig bedauernd, keine englischen Meilen (ca. 1,6 km), womit der Großteil des Stammesgebietes verschleudert war - kein gutes Omen für das deutsch-koloniale Abenteuer in dem südafrikanischen Flecken Land, den August kurz vor Adolfs Tod (er gilt seit einer Erkundungstour zum Oranje 1886 offiziell als verschollen) und drohender wirtschaftlicher Pleite 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika verkaufte.

Empfang und Begrüßung auf Sand
Empfang und Begrüßung auf Sand.
Foto: © Spreitzhofer

Erst mit der Stationierung der Deutschen Schutztruppen, die im Kampf gegen aufständische Nama, eine ansässige Volksgruppe, flugs herbeigeschifft wurden, ging es mit der kleinen Hafenstadt an der nebeligen Diamantenküste aufwärts. Deutsche Transatlantik-Dampfer der Woermann-Linie verkehrten nach Fahrplan. Viele Gebäude erinnern immer noch an eine deutsche Kleinstadt der vorvorigen Jahrhundertwende - da sind die Turnhalle und die Lesehalle, dort gibt es kleine Kaffeehäuser, Kegelbahnen und Herbergen wie den Kratzplatz in der Nachtigallstraße. Die prächtige Felsenkirche am Diamantenberg in den Klippen ist einmal täglich für eine Stunde zugänglich. Dann durchdringt die Nachmittagssonne die Glasfenster, die Kaiser Wilhelm gespendet hat.

Diamanten-Geisterstadt . . .#

Der Ort hat auch dunklere Seiten: Das berüchtigte Konzentrationslager auf Shark Island, wo gefangengenommene Orlam und Nama mit ihren Familien interniert wurden, überlebten nicht einmal 500 von rund 2000 Insassen - Zwangsarbeit (Bahn- und Straßenbau), prekäre hygienische Zustände und Mangelernährung trugen das Ihre dazu bei. Heute durch einen Damm mit dem Festland verbunden, erinnert wenig an das Grauen von 1904 - ein einsamer Leuchtturm, ein Campingplatz und die alte Feuerwehrstation, mit Blick auf den kleinen Hafen, wo einige Diamantenschiffe, die den Meeresgrund nach Edelsteinen absaugen, zwischenlagern.

Ohne einen kurzfristigen Diamantenrausch wäre Lüderitz wohl rasch in Vergessenheit geraten: 1908 fluteten Glücksritter die Region, und der Bau der Bergbausiedlung Kolmannskoop, heute eine touristisch gut erschlossene Geisterstadt zehn Kilometer landeinwärts, machte Lüderitz plötzlich reich - denn hier gab es Wasser und Bars für die Kumpel aus aller Welt. Rasch wurde ein "Sperrgebiet" definiert, das bis zur südafrikanischen Grenze am Oranje-Fluss reicht, um unkontrolliertes Schürfen zu untersagen.

Im damaligen Theatersaal der Kolmannskuppe, einem der größten des kolonialen Südafrika, stehen heute ausgestopfte braune Hyänen und verstaubte Barren und Böcke für Bodenturner; vergilbte Zeitungsartikel und Fotos künden von eiserner Disziplin in Reih und Glied. Pioniere, Pracht und Macht: Eine eigens angelegte Bahnlinie sorgte wochentags für Wassernachschub, und am Wochenende wurde Lüderitz zur Partyzone der Bergarbeiter, für die Deutschland ein eigenes Freibad und sogar ein modernes Spital baute. Heute haben sich die Wüstenwinde das Gelände zurückerobert, mit Sanddünen bis zur Decke im früheren Operationssaal, zerborstenen Fensterscheiben und morschen Stiegen, denen nicht mehr zu trauen ist. Und der Pool ist leer, was sonst.

1914 war die deutsche Ära Geschichte: Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Lüderitz von südafrikanischen Truppen besetzt und mit Kriegsende Teil des von Südafrika verwalteten Mandatsgebiets Südwestafrika. Die Diamantenfelder gehören mittlerweile dem Konzern De Beers, der im südlichen Afrika eine Monopolstellung hält. Doch Deutschland, das sich seit 2016 offiziell zu seinem Völkermord an den heimischen Bevölkerungsgruppen der Nama und Herero bekennt und Reparationen in Aussicht gestellt hat, ist im Straßenbild weiterhin allgegenwärtig, auch wenn längst keines der Schulkinder mehr Deutsch lernt und weiße Namibier eine Minderheit darstellen.

"We stay Lüderitzbucht"#

Im Selbstverständnis des jungen afrikanischen Staates Namibia (Unabhängigkeit 1990) soll das deutsche Erbe rasch verschwinden, wie Sebastian Geisler - Blogger und Journalist der Namibian Broadcasting Corporation - in TV-Beiträgen auf OneAfrica berichtet. Der namibische Präsident Hifikepunye Pohamba forciert seit 2013 die Umbenennung der abgelegenen Stadt am Atlantik in !NamiNus ("Umarmung" in der Sprache der Nama), um die deutsche Kolonialhistorie der Region zu überwinden. Doch nach massiven Protesten der Lüderitzer Bevölkerung (Parole: "We stay Lüderitzbucht") kam es nur zur Umbenennung des Wahlkreises, der Ortsname selbst bleibt für die rund 12.000 Einwohner erhalten.

Diamanten Geisterstadt...
Diamanten Geisterstadt...
Foto: © Spreitzhofer

Man lebt von Austernzucht und Export von Seegras, wartet auf einen weiteren Ausbau des Hafens und die endgültige Inbetriebnahme der neuen Eisenbahn, deren Schienenkörper längst fertig ist. Doch der erste Zug, der 2014 tatsächlich in Lüderitz einfuhr, sollte der bisher letzte bleiben - die dauernden Verwehungen draußen vor der Stadt erfordern teilweise Untertunnelungen, sagt Lore. Und die können dauern.

Zumindest eine Reduzierung der russischen Fischfangquoten wird erhofft, die Moskau für seine Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung Swapo erhalten hat. "Wir sind in erster Linie Buchter", sagt Lore, "die Hautfarbe spielt heute keine große Rolle mehr - egal ob Damara oder Deutsche, Schwarz oder Weiß". In Deutschland war sie noch nie - auch nicht ihre Kinder -, zu viel Regen dort, wie man hört, zu viel Lärm, zu viel Unruhe.

In der Pension Waterkant in der Bremerstraße spielt NBC gerade Peter Alexander, wieder einmal. Und Lüderitz, losgelöst von historischen Scharmützeln, ist heute bezaubernd, Dankeschön: Wenn dann der Abend kommt, und wenn es dunkel wird, dann ist Lüderitz wieder allein - eine adrette Bastion stramm-deutscher Historie am Ende der Welt, zwischen Nebelbänken und Diamantengruben, Springböcken und Sandhosen.

Information#

Günter Spreitzhofer, geb. 1966, ist Lektor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien.

Wiener Zeitung, 20. Jänner 2019