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Wohin mit Karl Lueger und seinem Platz? #

Antisemitismusvorwürfe rechtfertigen keinen Denkmalsturm.#


Von der Wiener Zeitung (21. April 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Franz Schausberger und Hannes Schönner


Dr. Karl Lueger Denkmal
Dr. Karl Lueger Denkmal, © Ewald Judt, unter CC BY 4.0

Die Diskussion um den Karl-Lueger-Platz an der Wiener Ringstraße entwickelt sich immer mehr zu einer Art Wasserscheide österreichischer Geschichtspolitik. Mit der vorgezogenen Umbenennung des Karl-Lueger-Rings - die SPÖ wartete 2012 nicht einmal die Präsentation des von ihr selbst initiierten Historikerberichts ab, bloß um Fakten zu schaffen - war das gewünschte parteipolitische Ziel "Lueger muss weg" erreicht. Seit Mitte 2020 wird nun von linker Seite auch die Agitation gegen das Lueger-Denkmal intensiviert.

Das in den Jahren 1913 bis 1916 geschaffene Denkmal wurde 1926 durch Entscheidung des Roten Wien unter Bürgermeister Karl Seitz am heutigen Ort aufgestellt. Aber heute läuft es in ähnlicher Weise, wie es auch beim Lueger-Ring begonnen hatte. Das offizielle Wien spricht sich zwar halbherzig gegen einen Denkmalsturz aus, lässt aber Denkmalstürmer ungeschoren, die das Lueger-Denkmal ausführlich mit Farbe und Schmähsprüchen beschmieren und verunstalten. Wie immer unter dem Deckmantel der "Künstlerischen Freiheit". Nach mehr als einem halben Jahr hat die Stadtverwaltung die Beschmierungen am Denkmal noch immer nicht beseitigen lassen.

Großtaten für das Gemeinwesen#

Das ist die aktuelle linke Geschichtspolitik: Die einen wollen das Lueger-Denkmal abreißen; andere wollen es schiefstellen; wieder andere wollen "ergänzende" und "erläuternde" Tafeln anbringen (die es schon gibt). Das Lueger-Denkmal selbst wurde 1926 ausschließlich von tausenden privaten Spenden finanziert, der Sockel von der Stadt Wien. Der Appell des sozialdemokratischen Bürgermeisters Karl Seitz - "Mögen künftige Generationen sich vor diesem Denkmal eines wichtigen Abschnitts in der Geschichte Wiens erinnern" - erhielt lebhaften Beifall von allen Seiten und sollte einen fixen Platz im Stammbuch der heutigen linken Denkmalstürmer einnehmen.

Anlässlich der Enthüllung des Lueger-Denkmals 1926 veröffentlichte die sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" geradezu Lobeshymnen auf Lueger, nicht zuletzt, um seine aktuellen politischen Nachfahren umso mehr kritisieren zu können. "Und der Sieg Luegers brachte einen Fortschritt selbst in der Richtung zum Sozialismus: Dass er die Straßenbahn und das Gaswerk den Kapitalisten entrissen und in das Eigentum des Gemeinwesens übergeführt hat, war seine größte Tat", hieß es da. An der Enthüllungsfeier nahm neben Christlichsozialen auch eine große Zahl sozialdemokratischer Prominenz mit Bürgermeister Seitz, Vizebürgermeister Georg Emmerling, den Stadträten Julius Tandler und Karl Richter, Präsident Robert Danneberg und den Gemeinderäten Marie Bock, Anton Grolig, Florian Hedorfer und Josef Hellmann teil.

Franz Schausberger ist Präsident des Karl von Vogelsang Instituts sowie Gründer und Präsident des Instituts der Regionen Europas. Er war Landeshauptmann von Salzburg (ÖVP)
Franz Schausberger ist Präsident des Karl von Vogelsang Instituts sowie Gründer und Präsident des Instituts der Regionen Europas. Er war Landeshauptmann von Salzburg (ÖVP).
Foto: © apa / Pfarrhofer
Hannes Schönner ist Geschäftsführer des Karl von Vogelsang Instituts
Hannes Schönner ist Geschäftsführer des Karl von Vogelsang Instituts.
Foto: © Karl von Vogelsang Institut

Bürgermeister Seitz, der das Denkmal vom Denkmalkomitee in die Obhut der Gemeinde Wien nahm, verwies darauf, dass er über zwei Jahrzehnte mit Bürgermeister Lueger im Streit gelegen war. In der historischen Betrachtung habe Lueger ein großes Verdienst um die Stadt Wien. Er habe den ersten Schritt zur Demokratisierung der Gemeindeverwaltung getan. "Die Ära Luegers bedeutet also eine wichtige Phase in der Entwicklung der Verfassung unserer Stadt zur vollen Volksherrschaft." Während bis zu Lueger die wichtigsten Verkehrsmittel und die Licht- und Kraftwerke im Privatbesitz waren, so brachte gegen große Widerstände "die Ära Lueger die Kommunalisierung der städtischen Straßenbahnen, der Elektrizitäts- und Gaswerke und der Leichenbestattung". Auch den Bau der zweiten Wiener Wasserleitung hob Seitz als besonderes Verdienst Luegers hervor.

Lueger beseitigte eine Vielzahl gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten durch große soziale Reformen (weitgehend auf Basis von Karl von Vogelsangs Katholischer Soziallehre). Frei von jedem Verdacht, Luegers heute zu verurteilende antisemitische Rhetorik beschönigen zu wollen, schrieb der jüdische Journalist und Schriftsteller Stefan Großmann in der "Arbeiter-Zeitung" einen ausführlichen, bemerkenswerten Nachruf auf den verstorbenen Bürgermeister. Darin ging er auch auf Luegers angeblichen Antisemitismus ausführlich ein: "Am wenigsten fest saßen seine antisemitischen Gesinnungen in ihm."

Lueger und "die Juden"#

Unter der Bezeichnung "die Juden" verstand er auch alle Internationalisten, die den deutschsprachigen Charakter dieser Stadt bedrohten. Wenn Wien seinen "deutschen Charakter" verliere, dann höre es auf, Österreichs Hauptstadt zu sein. Für Lueger war der Begriff "Jude" generell kein rassischer, sondern eine Unterscheidung zwischen der Definition "österreichisch" oder "international". "Es ist nicht der Hass gegen den Einzelnen, nicht der Hass gegen den armen, gegen den kleinen Juden", erklärte er im Februar 1890 im Abgeordnetenhaus, "wir hassen nichts anderes, als das erdrückende Großkapital, welches sich in den Händen der Juden befindet."

Ja, Lueger hat vor allem in seiner frühen politischen Phase in seinem Verbalantisemitismus oftmals gegen Juden gewettert, weil es dem Zeitgeist entsprach und ihm politisch genützt hat. All das ist aus heutiger Sicht absolut inakzeptabel und kann in keiner Weise beschönigt werden. Nachdem er sein Ziel erreicht hatte und Bürgermeister geworden war, flauten seine antisemitischen Reden zusehends ab. Der jüdische Historiker Isak Arie Hellwing kommt in seiner Studie über den konfessionellen Antisemitismus zu folgendem Urteil: "Lueger war nie überzeugter Antisemit." Es geht also um historische Toleranz und Bewusstsein. Eine Toleranz, welche die Stadt Wien offensichtlich auch dem umstrittenen Karl Renner und seinem Denkmal im Rathauspark gegenüber einräumt.

Wiener Zeitung, 21. April 2021