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Bauern, Keuschler, Bergler#

Eine kleine Skizze vergangener Verhältnisse#

von Martin Krusche

Können Sie sich vorstellen, daß einst mindestens drei Viertel bis vier Fünftel der Bevölkerung zur bäuerlichen Welt gehörten? In vielen Gegenden der Steiermark waren über 80 Prozent der Menschen im bäuerlichen Leben zuhause. Da wir nun seit rund 200 Jahren in einer permanenten technischen Revolution leben, hat sich das mittlerweile radikal verändert, wobei in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein atemberaubender Modernisierungsschub diese Situation geradezu kippte. Aktuell wird zwischen bäuerlicher und industrieller Landwirtschaft unterschieden. In Österreich gilt nach wie vor, daß die agrarisch genutzten Flächen schon lange etwa gleich groß bleiben, die Anzahl der Betriebe aber abnimmt. Es herrscht eine Tendenz zu weniger, dafür größeren Betrieben.

Gebäude-Ensemble im Freilichtmuseum Vorau (Foto: Martin Krusche)
Gebäude-Ensemble im Freilichtmuseum Vorau (Foto: Martin Krusche)

Allerdings höre ich neuerdings auch wieder von kleinen Betrieben mit Flächen unter zehn Hektar, die sich im Vollerwerb über Spezialisierung und neue Verfahrensweisen als lebensfähig erweisen. Wie nahe uns diese alte bäuerliche Welt eigentlich noch ist, kann man vielleicht daran verdeutlichen, daß die Mechanisierung der Landwirtschaft erst mit der Zweiten Republik einsetzte.

Die allgemeine Elektrifizierung und Fließwasser im Haus gehören ebenfalls zu dieser Ära. Die Volksmotorisierung kam erst Ende der 1950er Jahre in Gang, die ersten Kompakttraktoren von Steyr wurden ab 1947 ausgeliefert.

Die Begriffe Bauer, Bäuerin, Knecht und Magd sind uns wenigstens aus Heimatfilmen bekannt. Wofür sie sozialgeschichtlich stehen, gehört freilich nicht mehr zum Allgemeinwissen. Vielleicht liegt solche Distanz unter anderem auch daran, daß sich der Beruf einer Bäuerin, eines Bauern, in den letzten 60 Jahren radikal verändert hat. Außerdem konnte die Armut in vielen Bereichen dieses Berufsfeldes überwunden werden.

Wovon ist da die Rede? Historisch gesehen soll es so gekommen sein, daß eine sich ansiedelnde Familie einst eine Hube erhielt, die je nach Lage unterschiedlich groß war. Es ging um ausreichende Flächen für das ökonomische Überleben der Familie. Familie meinte früher allerdings „Das ganze Haus“, also einen Mehrgenerationen-Haushalt und die Dienstboten. Heirat und Familiengründung hatte die Hausstandsgründung zur Bedingung, was nur einem Teil der Bevölkerung möglich war.

Also die Huben. Der Bauer mußte dem Grundherren einen Zins leisten, ursprünglich rund ein Drittel der Getreideernte plus Vieh, später eine Geldabgabe. Dazu kam der Robot, um den Eigenbesitz des Grundherren zu bearbeiten. Außerdem durfte die Kirche einen Zehent beanspruchen, den zehnten Teil des Ernteertrages. Die Untertanen und die Herrschaft hatten wechselseitig weitreichende Verpflichtungen, wobei freilich klar war, wer der Herr ist. Grobe Pflichtverletzungen der Herrschaft konnten zu Unruhe, sogar zu Aufständen der Bauernschaft führen. Das kam nicht oft vor, denn die Bauernschaft mußte sich gut bewaffneten und trainierte Kräfte stellen. Außerdem waren die Strafen für Rädelsführer manchmal entsetzlich und vermutlich recht abschreckend.

Heute Zierrat, einst eine technische Sensation: einschariger Pflug mit Messer-Sech. (Foto: Martin Krusche)
Heute Zierrat, einst eine technische Sensation: einschariger Pflug mit Messer-Sech. (Foto: Martin Krusche)

Im Katalog zur Steirischen Landesausstellung von 1966 mit dem Titel „Der steirische Bauer“ nannte Fritz Posch zwei grundlegende Kategorien des Landes. Was der Grundherr für sich zur Eigenwirtschaft behielt und bewirtschaften ließ, war Herren- oder Dominikalland. Was den Bauern zur Bewirtschaftung überlassen wurde, hieß Bauern- oder Rustikalland.

Im Katalog wird eine Kurrende vom 23. September 1797 zitiert. Sie bezieht sich auf das „unterthanen-patent“ von 1781 und benennt mit dem Begriff Untertan „nicht nur die behausten rustikalisten, sondern auch alle dominikalisten, inleute und grundholden, welche sich als unterthanen angelobt haben“, wobei sie „dem obrichkeitlichen gerichtsstande unterliegen“. (Dominikal-Wirtschaften und die Betriebe der Gundholden stellen jeweils eigene juristische Kategorien dar.)

Ernst Bruckmüller beschreibt in seiner „Sozialgeschichte Österreichs“, wie die Betriebe durch die Erbfolge laufend verkleinert wurden. (Siehe dazu gegen Ende dieser Darstellung die Aussagen des Bauernsohnes Hannes Resch.) Viertelhuben, Hofstätten, Keuschen, Kleinhäuser veränderten die Landwirtschaft einer Region. Das führte übrigens dazu, die zweit-, dritt- und viertgeborenen Söhne aus dem Familienverband zu verdrängen. Sie konnten meist Knechte des Erstgeborenen werden oder fortgehen. War die Wirtschaft von Haus aus zu klein, mußten überhaupt alle Kinder weggeben werden. Sie galten als unnütze Esser, die gewöhnlich erst mit fünf, sechs Jahren an die Arbeitswelt herangeführt werden konnten. Von einer Kindheit, wie wir sie heute sehen möchten, gab es in der Vergangenheit beim Volk keine Vorstellung.

Im 16. Jahrhundert zeichnete und schrieb der Petrarcameister einen „Trostspiegel in Glück und Unglück“, ein Stück opulenter Ratgeber-Literatur. Hier wird zum Beispiel von einem unerträglichen „Mayer“ erzählt, der stolz, untreu, ungeschickt und diebisch sei. Ein Maier ist Verwalter des Gutshofes eins adeligen oder geistlichen Herren. (Graphik: Public Domain)
Im 16. Jahrhundert zeichnete und schrieb der Petrarcameister einen „Trostspiegel in Glück und Unglück“, ein Stück opulenter Ratgeber-Literatur. Hier wird zum Beispiel von einem unerträglichen „Mayer“ erzählt, der stolz, untreu, ungeschickt und diebisch sei. Ein Maier ist Verwalter des Gutshofes eins adeligen oder geistlichen Herren. (Graphik: Public Domain)

Wir reden heute nicht gerne darüber, daß Tausende der überflüssigen Söhne von unseren Leuten über Jahrhunderte in andere Länder, in die Welt geschickt oder in Kriegen dezimiert wurden. Wo sie ohne jede Aussicht blieben, durch entsprechenden Berufserfolg eine adäquate Existenz zu schaffen, konnten sie zu einem innenpolitischen Problem werden. Europas Erfolge in der Kolonialisierung anderer Weltteile beruhten teilweise auf diesem Zusammenhang.

Gunnar Heinsohn hat das ausführlich untersucht, mit einem Begriff von Gary Fuller als „Youth Bulge“ beschrieben und als weltweites Phänomen dargstellt. Es meint einen Überhang (Bulge) in der Alterspyramide einer Gesellschaft, welcher den überproportionalen Anteil vor allem junger Männer zur Gefahr macht. Historisch betrachtet galten junge Männer ab 15 als kampftauglich und in diesem Sinn als sozial wie politisch brisant. Heinsohn vertritt die Ansicht: „Um Brot wird gebettelt, um Rang wird geschossen.“

Die Steiermark bot als klassische Grenzregion häufig Gelegenheit, zu den Waffen zu greifen. Kurt Guglia beschrieb das in „Die Steiermark“ (Brücke und Bollwerk), dem Katalog zur Landesausstellung 1986, so: „Jedes gute Bollwerk, ob künstlich oder natürlich, bedarf eines ausgreifenden Vorfeldes, auf dem die Kraft des andringenden Gegners geschwächt werden soll. Beide Elemente, Wall und Vorfeld zusammen, stellen eine sich ergänzende, in sich geschlossene Einheit dar.“ Guglia betonte: „Die Steiermark ist aus ihren nach Aufbau und Gestaltung so verschiedenen Landesteilen zu einer solchen Einheit zusammengewachsen.“

Damit ist vom Autor eine wesentliche Funktion gegenüber der Reichshauptstadt Wien gemeint. Was immer sich an Massenheeren, etwa der Osmanen, dorthin bewegte, sollte sich zum Beispiel in der Steiermark erschöpfen, wovon die Oststeiermark ganz besonders betroffen war.

Aber auch ohne diese Bollwerkfunktion hatten Menschen in der Oststeiermark genug mit Kampfhandlungen der eigenen Herrschaft zu tun, mit den bitteren Konsequenzen, wenn bewaffnete Einheiten das Land durchzogen. Von der Baumkircher-Fehde über den Windischen Bauernaufstand bis zu Gewalttaten im Rahmen der Gegenreformation war die Bevölkerung laufend mit militärischen Einheiten und Freischärlern konfrontiert.

Die Oststeiermark ist von kleinen Wirtschaften geprägt, unter denen nur wenige dank verschiedener Sonderkulturen (Obst, Hopfen etc.) für den Markt produzierten. Generell beschreibt Bruckmüller, daß es in der Steiermark im Jahr 1632 noch rund 37.000 ganze Huben gegeben habe, 1754 aber nur mehr 12.600. Anno 1632 seien 23% aller Anwesen nur Kleinstellen gewesen, 1754 bereits 70%.

Karl Kaser und Karl Stocker notierten in ihrem zweibändigen Werk über das bäuerliche Leben in der Oststeiermark seit 1848: „Die oststeirischen Bauern waren in großer Zahl Klein- und Kleinstbauern. Eine Produktion im großen Stil für den Verkauf auf dem Markt kam also gar nicht in Frage.“ Das heißt unter anderem, der Wohlstand, den wir heute in dieser Region genießen dürfen, entstand durch eine teilweise Industrialisierung, durch die geschickte Leute besser bezahlte Jobs fanden. So entstand der Bedarf nach Gütern und Dienstleistungen, für die wachsende Kaufkraft verfügbar war. Das verstanden Kaufleute, Handwerker und Dienstleister zu nutzen.

Das 19. Jahrhundert wurde von großen Belastungen geprägt, zu denen die weltweite Klimakatastrophe gehörte, welche der Ausbruch des Vulkans Tambora (Indonesien) im Jahr 1815 verursacht hatte. Das führte auch in Europa zu Mißernten, Hunger und einem großen Pferdesterben, also zu einem problematischen Verlust an Traktionskraft für die Wirtschaft. Das Pferd galt ja für die Menschen als wichtigste „Tempomaschine“ und war bis zum Zweiten Weltkrieg eine unverzichtbare Quelle von Zugkraft. Noch heute wissen Menschen in der Oststeiermark von Keuschlern zu erzählen, die keine Pferde, sondern bloß Ochsen zum Umbauen zur Verfügung hatten. Manche mußten sogar eine Kuh dazuspannen.

Große Güter sind in der Region eher selten gewesen: Wirtschaftsgebäude bei Schloß Stadl, nahe St. Ruprecht (Foto: Martin Krusche)
Große Güter sind in der Region eher selten gewesen: Wirtschaftsgebäude bei Schloß Stadl, nahe St. Ruprecht (Foto: Martin Krusche)
Mechanisiseung war schon vor der Dampfmaschinen-Revolution ein wichtiger Priduktionsfaktor: Rollnursch (Obstpresse) in Trautmannsdorf. (Foto: Martin Krusche)
Mechanisiseung war schon vor der Dampfmaschinen-Revolution ein wichtiger Priduktionsfaktor: Rollnursch (Obstpresse) in Trautmannsdorf. (Foto: Martin Krusche)
Wie viele Mahder mußten einst hinausgehen, um eine Fläche zu schaffen, die dieses Mähwerk bewältigt? (Foto: Martin Krusche)
Wie viele Mahder mußten einst hinausgehen, um eine Fläche zu schaffen, die dieses Mähwerk bewältigt? (Foto: Martin Krusche)

Zugleich wurden diese Krisenerfahrungen und das Pferdesterben zu einer erheblichen Schubkraft für die Erste Industrielle Revolution, zu deren Entfaltung jene Dampfmaschinen verfügbar waren, die der Engländer James Watt in ihrer Leistungsbilanz so herausragend verbessert hatte. Eine Innovation, die sich Erzherzog Johann von Österreich vor Ort, in den Betrieben des Erfinders, angesehen hat. Bis aber derlei Neuerungen der breiten Bevölkerung zugute kamen, sollte noch mehr als ein Jahrhundert vergehen. Allerdings ist das ein Teil unserer Geschichte, der zu einer interessanten Volkskultur in der technischen Welt geführt hat.

Hans Pirchegger erwähnte in seiner „Geschichte der Steiermark“, daß zwischen 1834 und 1846 viele bäuerliche Betriebe zugrunde gingen und die Zahl der Keuschler wuchs. Er meinte, „mancher Grundbesitzer wollte lieber ein militärfreier Keuschler als ein kriegspflichtiger Bauer sein.“ Dabei taucht ein Motiv auf, das wir vom Beginn der Zweiten Republik her ebenso kennen: „Die Bauern führten als Grund ihres Niederganges auch die hohen Löhne ihrer Dienstleute an, welche zudem die gebotenen und die abgekommenen Feiertage streng einhalten wollten; eine Klage, die hundert Jahre zuvor schon da war.“ Außerdem spürte die Steiermark längst internationalen Konkurrenzdruck. Zwar gingen beispielsweise unsere Sicheln und Sensen auf den Weltmarkt, dafür kam billiges Getreide ins Land.

Apropos Feiertage! Wir sind eine 40 Stunden-Woche gewöhnt, also eine begrenzte und gesicherte Arbeitszeit mit gesetzlich fundierten Urlaubsanspruch und bezahltem Krankenstand. An Feiertagen ruht die Arbeit oder wird höher bezahlt. Das ist ein junges Phänomen. Für die Menschen der alten agrarischen Welt waren bloß die kirchlichen Feiertage gesicherte Freizeit innerhalb der religiösen Konventionen. Begreiflich, daß die Dienstboten auf deren Einhaltung großen Wert legten.

Det Petrarcameister empfiehlt in seinem „Trostspiegel in Glück und Unglück“ den Sündern: „Wer mangel an der tugend hab / Der kom zu Gott und bitt ims ab“(Graphik: Public Domain)
Det Petrarcameister empfiehlt in seinem „Trostspiegel in Glück und Unglück“ den Sündern: „Wer mangel an der tugend hab / Der kom zu Gott und bitt ims ab“(Graphik: Public Domain)

Bruckmüller beschreibt Dienstboten als „unverheiratete junge Leute, die bei Bauern im Dienst standen, bis sich die Möglichkeit einer Hausstandsgründung ergab.“ Nur wer Hoferbe war, hatte die Aussicht, auch Bauer zu werden. Die zunehmende Erschwernis in der Teilbarkeit von Bauerngütern beeinflußte diese Verhältnisse enorm.

Verwandte des Bauern oder der Bäuerin, vor allem Frauen, etwa alleinstehende Witwen, aber auch die Eltern im Ausgedinge, wurden Inleute genannt. Sie konnten im Verband einen eigenen Haushalt haben, auch verheiratet sein, beglichen die fällige Miete meist mit Abarbeit. Üblicherweise standen die Inleute zu Zeiten mit Arbeitspitzen auf dem Hof zur Verfügung, verdienten sonst im Taglohn ihr Brot, und zwar in der Land- und Forstwirtschaft wie im Handwerk.

Im Zusammenhang mit Waldwirtschaft und Weinbau entstanden vielfach Kleinhäuser, zu denen auch Grundstücke gehören konnten. Das gab Inleuten und Kleinhäuslern die Chance zu einem eigenen Hausstand. Brückmüller betont, daß zwar ihre Arbeitskraft gefragt war, aber ihr Vieh als eine Belastung von Herrschafts- und Gemeinschaftsgründen gesehen wurde.

Bäuerliches „diennstvolckh“ und heranwachsende Bauernkinder ergaben mobile Arbeitskräfte, deren Bewegungen die Obrigkeit zu reglementieren suchte. Bäuerliches Gesinde und „der angemessenen bawersleuth aigene kinder“, aber auch „herrenloses gesindel“, sollten sich „mit gezimmendter manier“ verhalten. Im Jahr 1715 erließ Kaiser Karl VI. eine Verordnung wider „das übel- und schlechte dienen, untreu, muthwillen, ungehorsambe und lasterhaffte leben“.

Wer sich dagegen verging, riskierte Arrest, konnte im Wiederholungsfall sogar eine Verschickung „auff die galeern, in eysen und band geschlossen“ erleben. Oder der Gerichtsdiener hatte „übermüttige und auffbocherische dienst-mentscher“ auszupeitschen. Ab dem 18. Jahrhundert wurde in Österreich eine starke Zunahme der ländlichen Unterschichten vermerkt, die man den „Unbehausten“ zuschrieb, also Inleuten und Gesinde. Aus diesem Milieu bildete sich ferner ein auffallend großes Bettlerheer. Das sorgte für eine Menge Unruhe in der agrarischen Welt.

Hat sich dann im Revolutionsjahr alles revolutionär verändert? Kaum! Es kann wohl behauptet werden, Österreicher haben kein Talent zur Revolution. Wir sind es seit Josef II. eher gewohnt, daß Reformen von oben oder gar nicht kommen, also oft gar nicht. Aber das Ende der Erbuntertänigkeit kam einer sozialen und wirtschaftlichen Revolution gleich.

Für die Oststeiermark notierten Kaser und Stocker, daß Großgrundbesitz im Normalfall nur in der Hand des ehemaligen Grundherren entstehen konnte; und zwar durch jene Flächen, die ihm zur Eigenwirtschaft gehört hatten. Mit der Untertanenbefreiung von 1848 war es den Bauern möglich, jene Gründe zu erwerben, die ihnen davor von der Herrschaft zur Nutzung überlassen worden waren. Dafür haben sich viele Bauersleute auf Generationen verschuldet, andere gingen daran zugrunde.

In der Oststeiermark kamen rund 90 Prozent von Grund und Boden in den Besitz von Bauern. Kaser und Stocker hielten für den Steuerbezirk Gleisdorf fest, der ehemaligen Grundherrschaft habe nach der Reform 1,7% des Bodens gehört, Pfarrgründe machten 0,3% aus, Gemeindegründe 3,3%, die Bauerngründe 94,7%. Das soll sich vor allem auf zwei Arten des Grundbesitzes bezogen haben: „Im Tal lebten die Bauern, auf den Bergen lebten Keuschler und Bergler.“ Auf den Höhen sollen die Grundstücke extrem klein gewesen sein. Für das Jahr 1896 fanden die Autoren, daß in den Bezirken Feldbach, Hartberg und Weiz unter den Betrieben von maximal fünf Hektar jene bis nur zwei Hektar dominiert haben. „Ein Großteil dieser Klein- und Kleinstbetriebe hatte jedoch langfristig keine Überlebenschance.“

Einst ein Wertgegenstand, heute bloß noch ein Dekorationsgegenstand: Der robuste Wagen mit der Drehschemel-Lenkung. (Foto: Martin Krusche)
Einst ein Wertgegenstand, heute bloß noch ein Dekorationsgegenstand: Der robuste Wagen mit der Drehschemel-Lenkung. (Foto: Martin Krusche)
Freizeitvergnügen: Das Pferd, der Hafermotor, war Jahrtausende lang die wichtigste Tempomaschine des Menschen (Foto: Martin Krusche)
Freizeitvergnügen: Das Pferd, der Hafermotor, war Jahrtausende lang die wichtigste Tempomaschine des Menschen (Foto: Martin Krusche)
Glücksfall für die arme Gegend: Eine zufällige Mutation schuf in der Oststeiermark Kürbiskerne, aus denen das schmackhafte Öl gwonnen wird. (Foto: Martin Krusche)
Glücksfall für die arme Gegend: Eine zufällige Mutation schuf in der Oststeiermark Kürbiskerne, aus denen das schmackhafte Öl gwonnen wird. (Foto: Martin Krusche)

Hier schließe ich die geschichtliche Betrachtung vorerst ab. Diese kleine Skizze soll für eine Art emotionalen Wetterbericht nützen, um das, was man sich unter Mentalitätsgeschichte vorstellen mag, mit einigen sozialgeschichtlichen Zusammenhängen zu hinterlegen. Ich habe mich dabei zwar auf die Oststeiermark konzentriert, doch vieles davon darf sicher für die gesamte Steiermark gelten.

Das Motiv für diesen Text liegt in zwei aktuellen Kultur-Projekten im Rahmen der "Praxiszone Dorf 4.0", bei denen Mentalitätsgeschichte eine ebenso wichtige Rolle spielt wie (regionale) Sozial- und Kulturgeschichte. Für „Wegmarken“ und „Ich bin eine Geschichte“ scheint es nützlich, einen kleinen Überblick zu geben, was mit den Begriffen Bauern, Keuschler, Bergler, aber auch Dienstboten, ursprünglich gemeint war, unter welchen sozialen Bedingungen diese Begriffe relevant waren. Zu gravierend sind die Unterschiede, wenn man heute Bäuerinnen und Bauern trifft, die ökonomisch erfolgreich sind und daraus ein Standesbewußtsein ableiten, das freilich starke traditionelle Anteile hat. „Das bäuerliche Denken“ legt man nach Generationen offenbar nicht einmal ab, wenn man den Beruf wechselt.

Es gab nicht viel, was die Menschen gegen Krankheit oder Unfälle tun konnten. Die Klein- und Flurdenkmäler erzählen bis heute von den Bedrohungen. (Foto: Martin Krusche)
Es gab nicht viel, was die Menschen gegen Krankheit oder Unfälle tun konnten. Die Klein- und Flurdenkmäler erzählen bis heute von den Bedrohungen. (Foto: Martin Krusche)

Davon erzählte mir zum Beispiel Tierarzt Hannes Resch und sagte lapidar: „Wir waren der letzte Vollerwerb in Pirching.“ Er hat gegenüber von seinem Elternhaus eine regionale Tierklinik aufgebaut. Die Oststeiermark verfügt seiner Ansicht nach über besondere Qualitäten: „Es gibt auf der Welt nur wenige so fruchtbare Gebiete wie bei uns. Es wachst ja alles. Und das in hoher Qualität.“ Was man hierzulande auf einem halben Hektar anbauen könne, brauche woanders weit größere Flächen.

Da jeder Betrieb zur Aufteilung klare Limits hat, wenn er lebensfähig bleiben soll, wurde in der Region ein besonderes Problem schlagend. Resch: „Bei uns mußten die übrigen Kinder immer rausbezahlt werden.“

In anderen Gegenden Österreichs hatten die Nachgeborenen unbezahlt zu gehen, falls sie sich nicht beim Erben des Hofes als Dienstboten verdingen wollten. Der „Erbhof“, so Resch, war eine weit stabilere Angelegenheit; aber eben nur für den erstgeborenen Sohn.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich im Agrarischen alles fundmental. Resch: „Die Erträge sind gestiegen, die notwendigen Arbeitskräfte auf rund ein Zehntel gesunken.“ Das habe mit den neuen Hybridsorten und dem Kunstdünger zu tun, das habe ferner mit Kraftfutter zu tun, vor allem aber auch mit der umfassenden Mechanisierung der Landwirtschaft.

Zur Gegenwart merkte Resch an: „Ich bin in unserer Familie der erste Nichtbauer seit 300 Jahren.“ Das handelt von Prägungen, die man in andere berufliche Zusammenhänge mitnimmt. Resch: „Bäuerliches Denken ist anders. Das funktioniert nicht wie normales Geschäftsleben. Das ist ein Generationenvertrag. Da zählt: Was übergibt der Bauer der nächsten Generation?“

Der Kontext#

Weiterführend#