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Deutschnational waren sie irgendwie alle#

Die Rolle der österreichischen Parteien vor dem "Anschluss" 1938.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 7. März 2018

Von

Franz Schausberger


Franz Schausberger
Franz Schausberger war von 1996 bis 2004 Landeshauptmann von Salzburg und ist Universitätsprofessor für Neuere Österreichische Geschichte.
Foto: privat

Als vor 80 Jahren, am 12. März 1938, die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten und Adolf Hitler mit der "größten Vollzugsmeldung seines Lebens" auf dem Wiener Heldenplatz vor der deutschen Geschichte pathetisch den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich meldete, ging der Traum des Deutschnationalismus in Österreich in Erfüllung. Rund ein Jahrhundert war vergangen, seit sich die deutschsprachigen Österreicher zunehmend ihrer deutschen Identität bewusst wurden und der Wunsch nach Vereinigung mit Deutschland seit 1848 immer stärker wurde.

Lange gelang es den deutschsprachigen Österreichern, die Loyalität zur habsburgischen Dynastie und zum Kaiser aufrechtzuhalten. Eine Loyalität zu Österreich gab es allerdings in der Monarchie kaum, Armee und Beamte wurden auf das Herrscherhaus vereidigt. Ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 wurde die Identifikation mit der jeweiligen Volksgruppe immer dominanter. Aus den deutschen Österreichern in der Habsburger Monarchie wurden - in Abgrenzung zu den ebenfalls immer nationaler werdenden Ungarn und Slawen - die österreichischen Deutschen.

"Wir haben nur ein Vaterland: Unser Deutschland!"#

Der deutsch-völkische Nationalismus, verbunden mit einem unterschiedlich starken Antisemitismus, beschränkte sich nicht nur auf das bürgerlich-deutschnationale Milieu, in der Monarchie besonders verkörpert durch die Alldeutschen des radikalen Antisemiten Georg von Schönerer, sondern prägte von Anfang an auch den aufstrebenden Sozialismus.

Schon 1868 hieß es in einem Manifest an die Arbeiter Wiens: "Die deutsche Arbeiterpartei überall weiß, dass wir nur ein Vaterland haben: Unser Deutschland! Wir wissen, dass wir eine Nation sind und eine Nation bleiben wollen!" Friedrich Engels trat für die Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich und die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete an Deutschland ein, der allerdings eine Germanisierung der "geschichtslosen" Tschechen vorangehen müsse.

Obwohl nach dem Ende des Ersten Weltkrieges der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich und der gewählte Staatsname Deutschösterreich in den Friedensverträgen von Versailles verboten wurden, blieb die Perspektive des "Anschlusses" in dem Rumpfstaat, an dessen Lebensfähigkeit kaum jemand glaubte, auf der Tagesordnung. Davon zeugen die "Anschluss"-Abstimmungen in mehreren Bundesländern.

In der Ersten Republik zerfiel das deutschnationale Lager in drei unterschiedlich große politische Richtungen, die einander bis 1934 teils heftig bekämpften. Die Großdeutsche Volkspartei, die für die Vereinigung Österreichs mit Deutschland eintrat, wurde 1920 aus zahlreichen deutschnationalen und deutschliberalen Gruppierungen gegründet und hatte das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Revolution von 1848 als Parteifarben. Sie war eine Partei der Beamten, der Gewerbetreibenden, der Kaufleute und der Freiberufler, hatte liberale Elemente, war antisemitisch und deutlich antiklerikal. Nach der 1933 beschlossenen Kampfgemeinschaft mit den österreichischen Nationalsozialisten wurde die Großdeutsche Partei von der NSDAP aufgesogen.

Otto Bauer und der "Anschluss"-Gedanke#

Im bäuerlichen Bereich war es der "unpolitische" Landbund, der deutschnational auf christlicher Grundlage ausgerichtet war, für einen Ständestaat und gegen die Heimwehren auftrat. Schließlich erstarkte im Laufe der Zeit, ausgehend von der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), eine radikale, völkische, deutschnationale, antikapitalistische, antikommunistische und antisemitische Partei, die schließlich ebenfalls in die NSDAP überging.

Aber kaum jemand strebte ab 1918 vehementer den "Anschluss" an als die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs. Einer der extremsten Vertreter des "Anschluss"-Gedankens war Otto Bauer, der nicht zuletzt deshalb auf Druck der Siegermächte im Juli 1919 als Außenstaatssekretär zurücktreten musste, um die Verhandlungen mit der Entente nicht zu erschweren.

Die Sozialdemokraten behielten die Bezeichnung "Deutschösterreich" auch nach deren Verbot im Jahr 1919 sowohl im Namen der Partei als auch in ihren offiziellen Publikationen und in der "Arbeiter-Zeitung" bei. Im Linzer Parteiprogramm 1926 wurde immer noch bekräftigt: "Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die deutsche Republik." Erst am 30. Oktober 1933 wurde der "Anschluss"-Paragraf aus dem Parteiprogramm gestrichen.

Für die österreichischen Sozialdemokraten war der 12. November 1918 nicht nur der Tag der Proklamation der Republik, sondern auch der Tag, an dem für den "Anschluss" an Deutschland demonstriert wurde. Am 12. November 1925 nahmen tausende Sozialdemokraten in Wien an Umzügen und Kundgebungen mit dem Bundesvorsitzenden des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, dem deutschen Sozialdemokraten Otto Hörsing, teil. Dabei erklärte der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch: "Unser Wunsch und unser Ziel ist von der Nordsee bis zu den Karawanken, vom Rhein bis zum Neusiedler See ein einheitliches deutsches Volk, in einer deutschen Republik!" Er hoffte, dass bald "die Fahne Schwarz-Rot-Gold als die Fahne der Republik über Österreich und Deutschland wehen" würde.

Die Christlichsozialen traten nicht offen dagegen auf#

Karl Renner schrieb noch 1928 im Vereinsorgan des Österreichisch-Deutschen Volksbundes "Der Anschluss": "Die Österreicher waren niemals eine Nation für sich und haben niemals gewünscht, dies zu sein. Österreich war durch Jahrhunderte der führende Stamm der Deutschen."

Natürlich gab es auch unter den Christlichsozialen Anhänger des "Anschlusses", sie waren allerdings nicht so prominent wie jene aus dem großdeutschen und sozialdemokratischen Lager. Die Christlichsozialen kannten die Stimmung in der Bevölkerung und traten daher nicht offen gegen den "Anschluss"-Gedanken auf, sie engagierten sich allerdings kaum in den Organisationen wie etwa im Österreichisch-Deutschen Volksbund, der eindeutig von den Sozialdemokraten dominiert wurde. Im christlichsozialen Wahlprogramm 1919 fand sich kein Hinweis auf den "Anschluss", in weiterer Folge vertraten die entscheidenden Persönlichkeiten eine enge kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland, allerdings auf der Basis eines selbständigen, lebensfähigen Österreichs. Durch die von Bundeskanzler Ignaz Seipel erreichte Genfer Sanierung schien sich - vor allem auf christlichsozialer Seite - doch so etwas wie ein neuer österreichischen Patriotismus entwickelt zu haben.

Im Ständestaat spielte die Stärkung des Österreich-Bewusstseins als Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland eine wichtige Rolle. Österreich galt zwar weiter als "deutsches" Land, allerdings wurden seine eigenen Leistungen, seine Kultur und Geschichte bewusst stark hervorgehoben und dienten zur Legitimierung des autoritären Systems.

1938 war "Österreich" nur noch ein historischer Begriff#

In der Euphorie des März 1938 schien jedes "Österreich"-Bewusstsein verschwunden zu sein, "Österreich" war nur noch ein historischer Begriff und musste der "Ostmark" weichen. Renner bot den Nazis sogar an, in einer Plakataktion und in Zeitungen Propaganda für ein "Ja" bei der "Anschluss"-Abstimmung zu machen. In einem Interview begrüßte er "die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation" mit "freudigem Herzen" und erklärte, mit "Ja" zu stimmen. Er ergänzte später, dass er diese Erklärung "spontan und in voller Freiheit" und im Wissen der Wirkung auf seine ehemaligen Parteigenossen abgegeben habe. Und das in Kenntnis dessen, was Hitler in Deutschland seit 1933 angerichtet hatte, und im Wissen, dass die ersten KZ-Transporte auch mit prominenten Genossen bereits unterwegs waren. Ein KZ-Häftling in Dachau erinnerte sich später, wie er und seine Leidensgenossen völlig demoralisiert auf der Lagerstraße höhnisch von den Bütteln der SS darüber informiert worden waren, dass Renner und im Übrigen auch die österreichischen Bischöfe ihr freudiges "Ja" zum Anschluss abgegeben hatten.

Der Deutschnationalismus hatte sein Ziel erreicht, aber spätestens 1939 machten sich schon die ersten Frustrationserscheinungen aufgrund der Spannungen zwischen den "Altreichsdeutschen" und den "Ostmärkern" bemerkbar. Zu groß waren die Unterschiede zu den neuen, reichsdeutschen Herren, die die "Ostmärker" ihre Überlegenheit spüren ließen. Daraus entwickelten sich Österreich-Tendenzen, die schließlich nach 1945 zu einem österreichischen Nationalbewusstsein auf breitem gesellschaftlichem Konsens führten.

Deutschnational waren sie alle irgendwie - allerdings macht es in der heutigen Beurteilung einen Unterschied, ob dies vor oder nach Kenntnis des menschenverachtenden Hitler-Regimes der Fall war.

Wiener Zeitung, 7. März 2018