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Wir haben Glück gehabt mit ihm#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (26. Jänner 2012)

Von

Reinhard Deutsch


Rolf Kutschera
Rolf Kutschera (6. Jänner 1916 bis 22. Jänner 2012).
Foto: © APA/Gunter R. Artinger

Mit dem Tod von Rolf Kutschera ist eine Epoche zu Ende gegangen, ein wahrlich finaler Vorhang gefallen: Er war der Letzte, der noch als Schauspieler vor dem Zweiten Weltkrieg an der Wiener SCALA engagiert war und Erinnerungen an die das österreichische Theater der Zwischenkriegszeit prägenden Persönlichkeiten wie Rudolf Beer bewahrt und leidenschaftlich weitergegeben hat.

Leidenschaft – das zeichnete seine gesamte künstlerische und die damit untrennbar verwobene private Biografie aus. Das Wiener Arbeiterkind hat einen Beruf gelernt: Er wurde Fleischhauer. Aber er lernte auch Klavier spielen, und er sah gut aus, und so fügte sich eins zum anderen, und er wurde Statist, und er wurde entdeckt, und er wurde Schauspieler. Den Krieg hatte er unter manch abenteuerlichen Umständen überstanden, und sofort wandte er sich wieder dem Theater und dem Film zu.

Bald galt er als Erfolgsgarant und beherrschte die Boulevardszene, jene große Unterhaltungsindustrie in der Zeit vor dem Fernsehen. Er spielte und inszenierte in Deutschland und Österreich und hätte eigentlich das bequeme Leben des etablierten Darstellers führen können.

Abende, mehr als nur Erinnerung#

Das war ihm aber nicht genug, und als die Stadt Wien für das darniederliegende Theater an der Wien den richtigen Mann suchte – als Alternative zur Abrissbirne –, da war Rolf Kutschera zur Stelle. Von 1965 bis 1982 leitete er das Haus und machte daraus die führende deutschsprachige Musicalbühne mit internationaler Geltung. Er fuhr, unerhörterweise, nach New York und brachte Neues, Aufregendes mit. Er, und kein anderer, hat Wien zur Musical(haupt)stadt gemacht! „Der Mann von La Mancha“ mit Josef Meinrad, „Helden, Helden“ mit Michael Heltau, „My Fair Lady“, „Cabaret“, Sorbas“, „Pippin“, „Anatevka“, „Evita“, „Jesus Christ Superstar“; aber er gab auch dem modernen Tanz eine Bühne und holte George Tabori, bevor den irgendjemand in Wien kannte. So viele Namen und so viele mehr – Abende, die mehr sind als nur Erinnerung.

Seine Erinnerungen hat Rolf Kutschera aufgezeichnet, 2010 erschien „Glück gehabt“ im Styria Verlag. Sein Lebensmotto wurde zum Buchtitel, indem er nach dem Tod seiner Ehefrau durch mehr als sechzig Jahre, Susanne von Almassy, noch einmal seine Kraft bündelte. Erinnerungen voller Witz und funkelnder Erzählung, und die Buchpräsentation in „seinem“ Theater an der Wien war ein freudvolles Fest, das die Generationen überspannte – und bei dem er vielleicht der Jüngste war …

Nach dem Ende seiner Ära mischte er sich nicht mehr ins Kulturgeschehen ein, aber er nahm lebhaften Anteil. Bei vielen Premieren in Wiener Theatern schaute mindestens ein Schauspieler nach, ob er auch wirklich im Zuschauerraum saß. Er, bei dem so viele so vieles gelernt hatten.

Rolf Kutschera lebte zuletzt zurückgezogen, aber nicht allein. Die Freunde haben ihm die Treue gehalten, neue sind hinzugekommen. Seine Wohnung in der Seniorenresidenz wurde zum einem Treffpunkt der Wiener Theatergeschichte, Anekdoten wurden erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Das letzte Wort hatte nur einer … Wer je eine Vorstellung einer Kutschera-Produktion gesehen hat, weiß: Wir haben Glück gehabt. Mit ihm. Dank ihm. Es sagt sich so leicht, wir werden seinesgleichen nimmer erleben. Es sagt sich so schwer. Weil es so wahr ist.

DIE FURCHE, 26. Jänner 2012