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Wir brauchen aktives Gedenken#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 26. Jänner 2019

Von

Stephan Roth


Eine Holocaust-Überlebende bei einer Gedenkfeier am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Jänner 1945.
Eine Holocaust-Überlebende bei einer Gedenkfeier am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Jänner 1945.
Foto: © afp/Skarzynski

Diesen Samstag wird der Internationale Holocaust-Gedenktag begangen, der an die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Jänner 1945 erinnert. Es ist ein guter Anlass, sich mit dem Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus zu befassen und damit, wie die Republik seit seiner Überwindung damit umgeht - ein sehr kontroverses Thema in Österreich. Den einen ist es seit Jahrzehnten viel zu viel, was da an Erinnerungen wachgehalten und an Geld ausgegeben wird. Den anderen ist es zu wenig, und sie werden nicht müde, die Finger genau in jene gesellschaftlichen Wunden zu legen, die es trotz der zeitlichen Distanz immer noch gibt. Heute braucht es ein aktives Gedenken, das Geschichte begreifbar machen, eine reflektierte Rückschau ermöglichen und den Bezug zur Gegenwart herstellen will.

Über Jahrzehnte dominierte in Österreich das Selbstverständnis, in der Zeit des Nationalsozialismus ausschließlich Opfer gewesen zu sein und sich aus diesem Grund nicht tiefer mit der Beteiligung von Österreichern an NS-Verbrechen beziehungsweise deren Duldung oder gleichgültiger Betrachtung auseinandersetzen zu müssen. Zu stark war die bequeme Verinnerlichung der Opferthese, die (selektiv) aus der Moskauer Deklaration abgeleitet wurde. Darin wird Österreich zwar als das erste Opfer der typischen Angriffspolitik Adolf Hitlers bezeichnet, gleichzeitig wird aber auch eine Verantwortung für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eingemahnt.

In den ersten Jahren nach Kriegsende wurde dem Gedenken an den Widerstand als Eigenbeitrag zur Befreiung Österreichs politisch noch Raum gegeben. Dies änderte sich jedoch, als 400.000 minderbelastete Nationalsozialisten bei der Nationalratswahl 1949 wieder wahlberechtigt waren und die Politik in ihnen ein zu hebendes Wählerpotenzial entdeckte.

In den Folgejahren war die politische Kultur zusehends von der Verdrängung der NS-Vergangenheit gekennzeichnet: Das Bild des Pflichterfüllers ohne jeden Handlungsspielraum entsprach der gesellschaftlich akzeptierten Norm. Öffentliches Gedenken fand an den Kriegerdenkmälern statt. Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer kamen im gesellschaftlichen Narrativ der 1950er und 1960er Jahre nur am Rande vor, manchmal wurden sie sogar als Verräter herabgewürdigt. Ähnlich erging es auch den Überlebenden des Holocaust und ihren Angehörigen, die sich oft - neben dem Totschweigen der Gräueltaten des Nationalsozialismus in der Öffentlichkeit - einem weiterhin latent vorhandenen Antisemitismus ausgesetzt sahen. In diesem gesellschaftlichen Klima erfolgte 1963 - initiiert von NS-Verfolgten und engagierten Wissenschaftern - nicht zufällig die Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), der zwei Jahre später die Etablierung des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien folgte.

Jenseits des Schlussstrichs#

Flackerte da oder dort ein öffentlicher Konflikt auf - wie etwa die Affäre um den Historiker Taras Borodajkewycz (1965) oder der Streit zwischen Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) und dem Nazi-Jäger und ÖVP-Anhänger Simon Wiesenthal um die Tätigkeit des FPÖ-Vorsitzenden Friedrich Peter (1975) -, wurde reflexartig die Ziehung eines Schlussstrichs gefordert. Genug sei gedacht und auch gezahlt worden, es gehe um den Erhalt des inneren Friedens, und überhaupt gebe es wichtigere zukunftsorientierte Aufgaben zu bewältigen, als dauernd in der Vergangenheit zu wühlen und das eigene Nest zu beschmutzen - so die Denkart vieler damals.

Die Affäre um Kurt Waldheim und der Aufstieg von Jörg Haiders FPÖ in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre stellten diesbezüglich einen Wendepunkt dar. Erstmals wurde in Österreich gesamtgesellschaftlich und offen über die Zeit des Nationalsozialismus diskutiert, Waldheim fungierte gleichsam als Katalysator für den Umgang seiner Generation mit der Kriegszeit.

Im Gedenkjahr 1988 wurde 50 Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland in zahlreichen Publikationen, Filmen und Veranstaltungen ein kritischer Blick auf das eigene Land geworfen und - das war neu - dieser Blick auch angenommen und breit gesellschaftlich diskutiert. 1988 markierte damit den Beginn der seither wie selbstverständlich gepflogenen offenen Kultur des Gedenkens in Österreich. Wissenschaftliche Forschung, breite gesellschaftliche Debatten zur Geschichte Österreichs, die Etablierung von Lern- und Gedenkorten und nicht zuletzt die Einrichtung wichtiger staatlicher Institutionen wie des National- beziehungsweise Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus, des Versöhnungsfonds (Entschädigung von Zwangsarbeitern), der Kommission für Provenienzforschung zur Kunstrestitution, der Historikerkommission oder die Einführung des Gedenkdienstes als Zivildienst an internationalen Holocaust-Gedenkstätten haben dazu geführt, dass Österreich heute tatsächlich jenseits dieses vor Jahrzehnten geforderten Schlussstrichs steht.

Nur Hinsehen macht die Seele frei#

"Wir bekennen uns zu allen Taten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen; und so wie wir die guten für uns in Anspruch nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen." Mit diesen Worten beendete Bundeskanzler Franz Vranitzky im Sommer 1991 die Doktrin der Opferthese. Er vollzog damit einen Paradigmenwechsel, der dem in den Jahren davor erwachten und artikulierten moralischen Empfinden vieler Menschen in Österreich entsprach.

Auch wenn Österreich spät begonnen hat, sich mit seiner NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen, so ist anzuerkennen, dass in den vergangenen 30 Jahren viel auf diesem Gebiet geschehen ist. Wichtig ist, aktives Gedenken nicht als permanente Selbstgeißelung wahrzunehmen, sondern als verantwortungsvolles Hinsehen auf das, was war, verbunden mit dem Bestreben, die Geschichte des eigenen Landes zu begreifen, sie kritisch zu reflektieren und das gewonnene Wissen mit unserer Gegenwart zu verbinden, auch wenn es oft schmerzvoll ist.

Heute müssen wir alle uns die Frage stellen, welche Lehren wir aus unserer Geschichte für Gegenwart und Zukunft ziehen können und wie wir heute mit wachsamem Blick rassistischen und antisemitischen Tendenzen in unserer Gesellschaft entgegentreten können. Denn wie der protestantische Theologe Theodor Litt sagte: "Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei." Diese Wahrheit bleibt auch heute aktuell.

Nicht nur am Internationalen Holocaust-Gedenktag gilt es zurückzublicken, um für die Gegenwart und Zukunft zu lernen.

Stephan Roth
Foto: © Philipp Monihart

Stephan Roth ist Bibliothekar und Mitglied des Stiftungsvorstandes im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) sowie Mitarbeiter des Niederösterreichischen Landesarchives. In den vergangenen 20 Jahren war er Mitarbeiter an zahlreichen Projekten (darunter Historikerkommission) und Publikationen zu den Themenbereichen NS-Judenverfolgung, Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus sowie Erinnerungspolitik in Österreich.

Wiener Zeitung, 26. Jänner 2019