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Ein malender Kämpfer ohne Illusionen #

Pazifist oder Blut-und-Boden-Maler? Albin Egger-Lienz, der vor 150 Jahren zur Welt kam, polarisierte mit seinem nüchternen Blick auf Krieg, Religion und Landleben. #


Mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung, 28. Jänner 2018

Von

Erwin Hirtenfelder


Kinderporträt von Egger-Lienz
Kinderporträt von Egger-Lienz
Foto: k. A.
Skandalöser „Auferstandener“
Skandalöser „Auferstandener“
Foto: k. A.
Ländlicher Alltag jenseits der Idylle: „Die Bergmäher“ (1907, Leopold-Museum)
Ländlicher Alltag jenseits der Idylle: „Die Bergmäher“ (1907, Leopold-Museum)

Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg besuchte Leo Trotzki eine Ausstellung der Wiener Secessionisten und stellte hernach begeistert fest: „Den hervorragendsten Platz nimmt auf der Ausstellung Albin Egger- Lienz ein, merken Sie sich seinen Namen.“ Neben dem russischen Revolutionär soll auch ein gewisser Adolf Hitler für den Osttiroler Maler geschwärmt haben. Ein Mythos, der wohl auf dem Umstand basiert, dass die Kärntner Gauleitung dem „Führer“ zum 50. Geburtstag das arisierte Egger-Lienz-Gemälde „Mann und Weib“ verehrt hatte. Doch anstatt das Gemälde zu behalten, schickte es Hitler retour nach Klagenfurt, wo es noch heute im Landesmuseum gehütet wird.

Dass sich Albin Egger-Lienz in der NS-Zeit großer Beliebtheit erfreute, ist unbestritten. Dies hatte letztlich zur Folge, dass der Dölsacher, obwohl bereits 1926 verstorben, von vielen als Blut-und-Boden-Maler und Wegbereiter einer faschistischen Monumentalkunst wahrgenommen wurde. Auch etliche Restitutionsfälle haben der Marke „Egger-Lienz“ nicht gerade genützt. Dabei hatte der Gestalter von muskulösen Mähern und heroischen Themen wie dem Tiroler Freiheitskampf von 1809 auch eine unangepasste Seite, die oft im Widerspruch zu Zeitgeist und den Mächtigen stand.

Als der in München ausgebildete und längst arrivierte Künstler 1910 auf Vorschlag seiner Kollegen zum Professor an der Wiener Kunstakademie ernannt werden sollte, verhinderte dies Thronfolger Franz Ferdinand. Vermutlich war ihm dessen „Totentanz Anno Neun“, den der Secessionist zum 60. Regierungsjubiläum des Kaisers gemalt hatte, zu wenig patriotisch erschienen. In dem Gemälde, von dem es mehrere Versionen gibt, ziehen vier Bauern in den Krieg. Der Knochenmann als Anführer lässt erahnen, wohin die Reise geht. Heldentod sieht anders aus.

Wenige Jahre später zog der Künstler selber in die Schlacht. Zu Kriegsbeginn meldete sich Egger-Lienz, obwohl bereits 46 Jahre alt, zu den Tiroler Standschützen, mit denen er am Gardasee „an der vordersten Front“ und „mitten im Kanonendonner“ blutige Kriegserfahrungen sammelte. Nach seiner vorzeitigen Heimkehr aufgrund von Herzbeschwerden schuf der uneheliche Sohn eines Kirchenmalers monumentale Gemälde, die zu Ikonen der Antikriegsmalerei wurden, darunter „Finale“, „Den Namenlosen 1914“ und „Nordfrankreich 1917“. „Ich habe in keinem einzigen meiner Bilder je so viel reine Formengröße oder Formensprache erreicht als in der ‚Familie‘ und den ‚Namenlosen‘“, schrieb der Künstler über jene 16 anonymen Krieger, die tief geduckt vor feindlichem Beschuss in den Kampf ziehen.

Das menschliche Schicksal im Spannungsfeld von Werden und Vergehen blieb für den Künstler auch nach dem Krieg ein Thema. Etwa in seiner Ausgestaltung der von Clemens Holzmeister entworfenen Kriegergedächtniskapelle in Lienz. Während er am Beginn seiner Karriere mit Historienbildern und bäuerlichen Szenen reüssierte, verstörte er nun mit expressiven Wandmalereien, insbesondere mit seinem „Auferstandenen“, der seinen Zeitgenossen zu wenig göttlich erschien. Nach heftigen Protesten verhängte Rom ein Gottesdienstverbot für die Kapelle. Egger-Lienz ließ sich fast trotzig darin begraben, als wollte er über seine Fresken wachen. Erst Jahrzehnte später wurde der Bann aufgehoben. Heute erzielen einzelne seiner Werke Preise von bis zu einer Million Euro.

„Wenn die Welt untergeht und manche alte Werte und Begriffe sich verwischen, so steht mein Werk außerhalb des Rummels, wie ein Sein für sich“, schrieb der Maler in einem Brief. Er sollte recht behalten.

Seine Bilder entziehen sich auch heute noch dem Rummel. Ausstellungen zu seinem runden Geburtstag sucht man vergeblich. Lediglich auf Schloss Bruck in Lienz, wo rund 160 seiner Werke aufbewahrt werden, kann man seiner großen Kunst in allen Facetten begegnen.

Ausstellung: #


„Finale“ von 1918 (Ausschnitt)
„Finale“ von 1918 (Ausschnitt)
Foto: k. A.
Zu unpatriotisch: „Totentanz Anno Neun“ (1908)\Foto: k. A.
Zu unpatriotisch: „Totentanz Anno Neun“ (1908)
„Den Namenlosen 1914“: Dieses Gemälde, das heute im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu sehen ist, malte Albin Egger-Lienz kurz nach seinem Kriegseinsatz
„Den Namenlosen 1914“: Dieses Gemälde, das heute im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu sehen ist, malte Albin Egger-Lienz kurz nach seinem Kriegseinsatz
Foto: Heeresgeschichtlichen Museum

Kleine Zeitung, 28. Jänner 2018