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Technisch reproduzierbar #

Bald kann man in der Albertina erneut in die faszinierende Welt der „frühen Radierung“ eintauchen. Durch das innovative Verfahren avancierte der Bilddruck im frühen 16. Jahrhundert zum Massenmedium. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (14. Mai 2020)

Von

Theresa Steininger


Albrecht Altdorfers „Die kleine Fichte“
Lebendiger Ausdruck. Die neue Technik wurde auch für Landschaftsbilder genutzt, wie etwa Albrecht Altdorfers „Die kleine Fichte“.
Foto: Albertina, Wien

Wenn die Albertina am 27. Mai wieder öffnet, ist auch die didaktisch gut aufbereitete Ausstellung „Die frühe Radierung“ abermals zu sehen. Eine Rossstirn, also ein Kopfharnisch eines Pferdes, und eine vergoldete Sturmhaube in einer Ausstellung über die frühe Radierung? Das erscheint nur auf den ersten Blick verwunderlich. Denn es war die Arbeit von Waffenätzern, die ihre Erzeugnisse mit Hilfe von Säure dekorierten, welche Ende des 15. Jahrhunderts in der Rüstungsmetropole Augsburg den Deutschen Daniel Hopfer auf die Idee brachte, für seine Druckgrafik dasselbe Verfahren zu verwenden. Erfunden war sie, die Radierung.

Anschaulich präsentiert man in der Albertina nun ab 27. Mai wieder, wie Hopfer sich chemische Verfahren zunutze machte: Eine Metallplatte liegt hier in der Vitrine, diese wurde mit Wachs grundiert, mit einem ebenfalls ausgestellten Stichel wurde direkt in dieses Wachs gearbeitet – ja, nahezu gezeichnet. Dort, wo dieses abgeschabt war, konnte die Säure wirken, während die abgedeckten Bereiche intakt blieben. Die Metallplatte, nunmehr mit Linien versehen, wurde mit Druckerschwärze eingefärbt, um auf Papier zu drucken.

„Der große Vorteil gegenüber den vorher etablierten Verfahren Kupferstich und Holzschnitt war, dass man den Stichel wie einen Stift halten konnte und dieser sich im Wachs leicht bewegen ließ“, sagt Kurator Christof Metzger zur FURCHE. Während die Arbeit am Kupferstich mühsam, technisch anspruchsvoll und langwierig ist, weil man mit einem scharfen Stichel mit großem Kraftaufwand direkt in das Metall graviert, lässt sich eine Radierung nicht nur viel einfacher und schneller bewerkstelligen. „Sie ist auch einer Zeichnung sehr ähnlich und ermöglicht freies gestisches Arbeiten. Man sieht die Handschrift des Künstlers deutlicher“, so Metzger. „Jedoch arbeitet die Säure überall gleich, die Striche sind alle gleich kräftig. Subtile Abstufungen oder zarte Linien waren nicht möglich.“

Ungeahnte Möglichkeiten #

Die ursprünglich für das Metropolitan Museum in New York zusammengestellte und schon dort mit zahlreichen Leihgaben aus der Albertina arbeitende Ausstellung verfolgt – quasi direkt aus dem Herzen der grafischen Sammlung des Hauses schöpfend – die Entwicklung der Radierung in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens. Sie zeigt, wie Daniel Hopfer Linienund Flächenätzung auf einer Platte kombinierte und das Ätzwasser später sogar mit dem Pinsel auftrug, um Effekte zu kreieren. „Hopfer hat wirklich das Äußerste aus der Technik herausgeholt“, sagt Metzger. Man setzt mit Beispielen davon fort, wie Albrecht Altdorfer, Augustin Hirschvogel und Hans Lautensack vornehmlich in Landschaftsbildern die Möglichkeiten der Radierung ausloteten. Letztere brachten die Technik nach Wien, Lautensack radierte ein Turnier in der Hofburg, Hirschvogel einen Stadtplan, der hier mitsamt den erhaltenen Druckplatten ausgestellt ist.

Albrecht Dürer experimentierte drei Jahre lang mit den „geätzten Stück“, wie er sie nannte. Ihn faszinierte sichtlich, wie frei er die Radiernadel im Gegensatz zum Stichel beim Kupferstich bewegen konnte. Die Ausstellung zeigt aber nicht mehr als fünf Werke. „Man kann nur rätseln, warum er so wenige schuf. Vermutlich ging es ihm um die geringe Möglichkeit der Differenzierung“, sagt Metzger. Bevor Dürer sich von der Radierung abwandte, brachte er sie in die Niederlande, wo sie weiterentwickelt wurde.

Hatte man bisher nur mit Essigsäure auf Eisenplatten gearbeitet, so wurde nun – durch die Handelsbeziehungen der Niederlande zu Südamerika – auch Salpetersäure auf Kupferplatten eingesetzt. „Das ermöglichte den Künstlern, Kupferstich und Radierung auf einer einzigen Platte zu kombinieren. Dort, wo es um Nuancen ging, wurde gestochen“, sagt Metzger und verweist auf ein Bildnis Maximilians I., dessen Details im Gesicht gestochen sind, der Rest aber radiert ist. „Zudem ist Kupfer viel reiner und homogener, rostet und korrodiert nicht, bei Eisenplatten sah man oft die Unreinheiten und den Rost auf der Radierung.“

In Italien experimentierte Francesco Parmigianino mit farbiger Druckertinte und getönten Papieren, bearbeitete bereits geätzte Kupferplatten noch mit Stichel und Kaltnadel und kombinierte Radierung und Holzschnitt. Bis hin zu Bruegels Zeit geht die Schau, von Letztgenanntem gibt es allerdings nur eine einzige Radierung. Die „Hasenjagd“ steht Bruegels Zeichnungen in nichts nach – und dient als Exempel für eine Zeit, in der durch die Möglichkeiten der Radierung der Bilddruck zum Massenmedium wurde.

Wenn die Albertina Ende Mai ihre Pforten erneut öffnet, sind auch die Ausstellungen zu Wilhelm Leibl und Michael Horowitz wieder zu sehen, die Schausammlungen wurden neu aufgestellt. Die Präsentation der Sammlung Hahnloser wird ab August wieder gezeigt. Der 27. Mai ist auch der Starttermin für den zusätzlichen Standort Albertina Modern am Karlsplatz.

Die frühe Radierung. Von Dürer bis Bruegel Albertina, www.albertina.at

DIE FURCHE (14. Mai 2020)