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Joseph Roth: "Das Elend hockt sich neben mich"#

Der österreichische Schriftsteller erlebte seine glücklichste Zeit in Paris. Am 2. September jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 2.September 2019

Von

Wolfgang Ludwig


Joseph Roth
Joseph Roth.
Foto: © Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU

"Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!". So endet die Novelle, die Joseph Roth im Mai 1939, einige Tage vor seinem Tod, mühevoll zu Ende gebracht hatte. Der Autor hatte wohl geahnt, dass es für ihn nicht so sein werde, wie er den Tod des Trinkers beschrieben hatte. Der nämlich konnte, nachdem er in einem Bistro nach zu viel Alkohol zusammengeklappt war, in einer nahen Sakristei im Beisein eines Priesters friedlich einschlafen - und zuvor noch, als letzte Aktion, eine finanzielle Schuld begleichen.

Joseph Roth wurde am 2. September 1894 in Brody, etwa hundert Kilometer östlich von Lemberg, geboren. Er studierte in Lemberg und Wien Germanistik. Zunächst vertrat er eher linke und pazifistische Standpunkte, meldete sich aber dann doch als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und war im Pressedienst tätig. Der Presse blieb Roth auch zeit seines Lebens treu. Er schrieb als Korrespondent und Feuilletonist für in- und ausländische Zeitungen, unternahm in deren Auftrag zahlreiche Reisen in Europa für diverse Reportagen.

1925 war er zum ersten Mal in Paris: Die "Frankfurter Zeitung" hatte ihm eine Korrespondentenstelle angeboten, die er zwar nur ein Jahr lang ausübte, dennoch war dies - und besonders die Reisen in Südfrankreich, das er eindrucksvoll schilderte - die glücklichste Zeit in seinem Leben.

Geldnot & Ideologie#

Bei verschiedenen Zeitungen konnte er auch literarische Texte unterbringen. Die Weltanschauung der Blätter spielte für seine Tätigkeiten nur eine untergeordnete Rolle, das Honorar war wichtig: Er schrieb u.a. für die liberale "Frankfurter Zeitung", die "Arbeiter Zeitung" und das Boulevardblatt "Neues 8-Uhr-Blatt" in Wien, für den deutschen sozialistischen "Vorwärts" und die nationalistischen "Münchner Neueste Nachrichten".

Besonders die Tätigkeit für das national-konservative "Münchner Blatt" brachte Roth viel Spott und Kritik von Kollegen ein. Roth hatte es aber irgendwie hingekriegt, sich in München gut zu verkaufen: Er erhielt die stolze Summe von 2000 Mark für nur zwei Artikel pro Monat!

Seine Tätigkeit für Medien, die nicht zu ihm passten, erklärte er in einem Brief an Stefan Zweig vom 27. Februar 1929: "Aber ich arbeite gedrängt nur aus einem Grunde: aus materiellem." Der Berliner Schriftsteller Franz Carl Weiskopf brachte es im Fall des rechtskonservativen "Münchner Blattes" auf den Punkt: ". . . eigentlich eine Bezahlung dafür, dass er nichts schreibt!" Die Richtung der Blätter war völlig egal, denn Roth, der inzwischen zum Monarchisten mutiert war, brauchte einfach Geld.

Im Jänner 1933, kurz vor Hitlers Machtergreifung, reiste Roth von Berlin, wo er journalistisch tätig war, nach Paris. Als österreichischem Staatsbürger drohte ihm in Deutschland (noch) keine unmittelbare Gefahr, doch ihm war klar, dass es für ihn als Juden früher oder später gefährlich werden konnte. In Paris sollte er, unterbrochen von mehreren Reisen, bis zu seinem Tod bleiben.

Trotz guter journalistischer Honorare und Werktantiemen - er hatte inzwischen Weltbestseller wie "Hiob" und zahlreiche andere Prosa veröffentlicht - litt Roth immer unter Geldmangel. Für Geldangelegenheiten war er einfach nicht geschaffen. Auch seine Lebenspartnerinnen waren ihm da keine Hilfe. Dazu kam seine Neigung zum Alkohol - ein immer größeres Problem.

Klaus Mann beobachtete Joseph Roth auf einer Pressekonferenz in den 1930ern in Frankreich, wo sich Roth in abstrusen politischen Äußerungen erging, und notierte: "Er befremdete die Herren von der Presse durch bizarre politische Theorien, die er mit großer Beredsamkeit vertrat. Die Rettung Europas konnte nur vom Hause Habsburg kommen. Während der Dichter dergleichen auseinandersetzte, konsumierte er erstaunliche Mengen äußerst konzentrierten Alkohols" (verkürzt).

Obwohl seine Abhängigkeit stetig zunahm, leistete er noch Erstaunliches. Eine Entwöhnungskur 1934 in Purkersdorf blieb erfolglos, dennoch stellte er zwei Jahre später die "Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht" fertig. In diesem geschickt aufgebauten Roman mit doppeltem Ich-Erzähler setzt sich Roth gleich zu Beginn in genialer Weise mit dem Begriff der Zeit auseinander: Im russischen Lokal, in dem der zweite Ich-Erzähler seine Beichte ablegte, ging die Uhr an der Wand falsch. "Sie schien die Zeit nicht anzuzeigen, sondern verhöhnen zu wollen."

Russische Emigranten, die in der Heimat einen Sinn für Pünktlichkeit und Genauigkeit entwickelt hatten, legten diesen in Paris ab, "bewusst gegen die berechnende (. . .) Gesinnung des europäischen Westens" auftretend, bei der Zeit eine so zentrale Rolle spielt. Auch Roth selbst hatte sich von bürgerlichen Zeitbegriffen und Tagesstrukturen weitgehend verabschiedet und machte die Nacht oft zum Tag.

Pariser Stammcafé#

1938 folgte "Die Kapuzinergruft", dazu kam immer wieder Kurzprosa. Dazwischen gab es aber auch erniedrigende öffentliche Auftritte, etwa beim Begräbnis Ödön von Horvaths am 7. Juni 1938, das er nach einem Bericht von Carl Zuckmayer "total betrunken, mit bekleckertem Anzug auf zwei jugendliche Bewunderer gestützt" besuchte. Schon 1936 hatte Roth in einem Brief an Zweig seinen Zustand beschrieben: "Ich lege mich angezogen um 4h hin, ich erwache um 5h und wandere irr durch’s Zimmer. Ich bin seit zwei Wochen nicht aus den Kleidern gekommen."

oseph Roth im Jahr 1926
oseph Roth im Jahr 1926.
Aus: Wikicommons

In Paris lebte Roth jahrelang im Hotel Foyot beim Jardin du Luxembourg. Als dieses 1937 wegen Baufälligkeit abgerissen werden sollte, weigerte er sich auszuziehen und musste fast hinausgetragen werden. Gleich gegenüber in seinem Stammcafé, dem heute noch existierenden Café Tournon, wurde ihm ein kleines Mansardenzimmer oberhalb des Lokals als Bleibe angeboten.

Das Café war sein Wohnzimmer und der Ort, der ihn zum Schreiben anregte. Von dort sah er hilflos zu, wie "sein" Hotel abgerissen wurde und verfasste darüber eine Reportage (25. 6. 1938). "Jetzt sitze ich gegenüber dem leeren Platz und höre die Stunden rinnen. Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich zu mir. (. . .) Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und größer (. . .), wird gewaltig."

Im Frühjahr 1939 erfolgte ein letztes Auflehnen gegen das Schicksal. Durch eine Anekdote angeregt, die er in einem Café gehört hatte, schrieb er sein letztes Werk, die kleine Novelle "Die Legende vom heiligen Trinker": Ein Fremder leiht einem Obdachlosen einen größeren Geldbetrag mit der Auflage, diesen, statt einer Rückzahlung, einem Priester in der Pariser Kapelle Ste. Marie de Batignolles zu treuen Händen für die Heilige Therese von Lisieux zu übergeben.

Das Geld übt zunächst positive Wirkung auf den obdachlosen Andreas aus: Er pflegt sein Äußeres, findet sogar eine Hilfsarbeit und fasst gute Vorsätze - der Ansatz zu einem bürgerlichen Leben ist gegeben.

Der Alkohol ist stärker. Immer wieder zieht es Andreas in Kneipen, es häufen sich die Rückfälle, bis fast nichts mehr vom Geld da ist und der finale Zusammenbruch erfolgt. Die Anwesenden im Bistro schleppen ihn in Ermangelung eines Arztes in die Sakristei der nahen Kirche, wo er der Hl. Therese sein allerletztes Geld anvertraut und friedlich stirbt.

Barbarische Gegenwart#

Die autobiographischen Anspielungen sind evident. Auch Roth hatte versucht, von der Sucht wegzukommen, hatte gute Ratschläge von Freunden erhalten. Vergebens. Schließlich hatte er sich dem Schicksal ergeben. Im Herbst 1938, nach einem unbehandelten Herzinfarkt, begann der endgültige Verfall. Der ebenfalls im Pariser Exil lebende Schriftsteller Walter Mehring traf im Frühjahr 1939 den betrunkenen Roth an einer Gehsteigkante sitzend und tadelte ihn: "Roth, warum trinken Sie so viel? Sie ruinieren sich doch." Roth soll geantwortet haben: "Und warum trinken Sie nicht, Mehring? Glauben Sie, dass Sie davonkommen werden? Auch Sie werden zugrunde gehen."

Im ausgehenden Frühjahr 1939 konnte Roth kaum noch schreiben, er diktierte fast nur noch. Seine letzten Zeilen waren ein kurzer Artikel, "Die Eiche in Goethes Buchenwald". Roth beschreibt eine alte Eiche in einem Buchenwald bei Ettersberg, wo sich ein Schlösschen befindet, in dem einst Frau von Stein gewohnt hatte. Ab 1934 wurde an dem beschaulichen Ort das berüchtigte Konzentrationslager Buchenwald errichtet. Auf diesen Gegensatz von literarischer Vergangenheit und barbarischer Gegenwart verweist Roth explizit: "Erstens hat Buchenwald nicht immer so geheißen, sondern Ettersberg. Unter diesem Namen war es unter Kennern der Literaturgeschichte dereinst berühmt: Goethe pflegte sich dort oft mit der Frau von Stein zu treffen (. . .)."

Er hat also noch vieles mitbekommen, was in der Welt geschah. Der Text (datiert mit "22. V. 1939") ist teilweise ein Diktat, teilweise eine kaum leserliche Handschrift. Von der ehemaligen sprachlichen Brillanz des Autors ist nicht mehr viel zu merken.

Am Vormittag des nächsten Tages, am 23. Mai 1939, brach Roth im Café Tournon zusammen, als er vom Selbstmord Ernst Tollers erfuhr, der zuvor ebenfalls eine Zeitlang in Paris gelebt hatte. Roth wurde ins Hôpital Necker gebracht, wo man seine Alkoholsucht nicht erkannte. Man schnallte ihn in einem Bett fest, auf seine Schreie erfolgte keine Reaktion. Hinzu kam noch eine Lungenentzündung. Roth verstarb nach qualvollen Tagen am 27. Mai 1939.

Sein Begräbnis am 30. Mai am Friedhof Thiais, ziemlich abseits in der Banlieue gelegen (alles andere war zu teuer), war der letzte skurrile Akt in seinem traurigen Leben: Gekommen waren viele aus der Emigrantenszene und zahlreiche persönliche Bekannte. Auch Otto von Habsburg war zugegen, der Joseph Roth am offenen Grab als "treuen Kämpfer der Monarchie" würdigte. Das führte zu lautstarken Protesten anwesender Kommunisten unter Führung der Reporterlegende Egon Erwin Kisch. Als ein katholischer Pfarrer mit der Zeremonie beginnen wollte (Roth war nicht konvertiert, aber das wusste der Pfarrer nicht oder es war ihm egal), regte sich wiederum Unmut unter den anwesenden Juden.

Der größte Teil des Nachlasses von Joseph Roth befindet sich heute im Leo Baeck Institut in New York, einer Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des deutschsprachigen Judentums. Kleinere Teile seiner Schriften bewahrt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach auf.

Joseph Roth (Neuauflagen):#

  • Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht. Roman. Faber & Faber, Leipzig 2019, 176 Seiten, 37,- Euro.
  • Die Rebellion. Roman. Wallstein, Göttingen 2019, 280 Seiten, 24,70 Euro.


Wolfgang Ludwig, geb. 1955, unterrichtet nach Lehrtätigkeit in Südosteuropa in Wien Deutsch/Geografie und schreibt Kulturreportagen.

Wiener Zeitung, 2.September 2019