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Beefsteak zum Wagner-Medley #

Kurz nach Veröffentlichung von „Drei Mann in einem Boot“ brach Jerome K. Jerome Richtung Bayern auf. Sein Reisebericht über diese „Pilgerfahrt“ nach Oberammergau liegt nun erstmals auf Deutsch vor. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (15. Oktober 2020)

Von

Ingeborg Waldinger


Auf der Themse. Jeromes Beschreibung der Reise von London nach Bayern nimmt den Großteil des Textes ein, die Passionsspiele selbst – das Ziel der „Pilgerfahrt“ – werden auf wenigen Seiten abgehandelt.

Jerome K. Jerome
Jerome K. Jerome
Aus: Wikicommons, unter PD

An seinem Zielort ist der Pilger – rein etymologisch betrachtet – ein „Fremdling“. Das hat er zwar mit allen Reisenden gemein, nicht aber das Motiv des Aufbruchs. Den wahren Pilger treiben fromme Wünsche an geweihte Orte: ein Gelübde, eine Buße oder die Suche nach Heil, nach innerer Erneuerung. Der englische Schriftsteller Jerome K. Jerome (1859– 1927) war vieles, aber kein Pilger dieser Kategorie. Zwar stammte er aus gottesfürchtigem Haus, doch Protestanten sind für Wallfahrten nicht eben berühmt (sein Vater war übrigens als Prediger gescheitert, wie zuvor schon als Kohlengrubenbetreiber). Nein, Jerome K. Jerome hielt es lieber mit Kneipen denn mit Kirchen. Und so ist der Titel seines 1891 erschienenen Buches „The Diary of a Pilgrimage“ im ironischsäkularen Sinne zu verstehen, mochte die Fahrt auch zu einem Kultort geistlicher Prägung geführt haben, nämlich zu den Passionsspielen in Oberammergau. Das äußerst lesenswerte Reisetagebuch liegt nun erstmals auf Deutsch vor, in der schönen Übersetzung von Alexander Pechmann: „Zwei Mann auf Pilgerfahrt“. Die Idee zur Reise stammte von einem Freund des Autors, im Buch stets „B.“ genannt. Jerome, geboren in den West Midlands, zögerte nicht lange – er wollte schon immer ein „großer Reisender“ werden. Dem Engländer liegt das Fernweh ja gewissermaßen im Blut.

Erste literarische Gehversuche #

Als Jerome K. Jerome 1890 nach Bayern aufbrach, hatte er bereits einen Weltbestseller komischer Literatur gelandet: „Three Men in a Boat“. Dem Erfolg gingen bewegte Zeiten voran. Der frühe Tod des Vaters hatte den Sohn zum Schulabbruch und Broterwerb gezwungen. Mit dem Einsammeln herabgefallener Kohlestücke entlang der Gleise verdiente er sein erstes Geld, danach als Kanzleischreiber. Doch seine Begeisterung für das Theater trieb ihn aus der Stube. Drei Jahre lang tingelte er mit einer Schauspieltruppe durchs Land und träumte von einer Karriere als Theaterschriftsteller. In der Folge arbeitete er als Journalist, Lehrer und Sekretär. Seine ersten literarischen Gehversuche – Kurzgeschichten, Essays und Satiren – stießen auf keine Resonanz. Den Durchbruch brachten 1885 seine komischen Erinnerungen an die Laienschauspielerzeit: „On the Stage – and Off: The Brief Career of a Would-Be Actor“. Humoristisch ging’s weiter, mit der Essay- Sammlung „The Idle Thoughts of an Idle Fellow“. Und 1889 folgte der Superseller, „Three Men in a Boat“, zu dem Jeromes Hochzeitsreise (eine Bootsfahrt auf der Themse) die Inspiration lieferte. Der Erfolg von „Drei Mann in einem Boot“ stellte das übrige, keineswegs nur humoristische Werk in den Schatten.

Komik ist auch ein wesentliches Element des Reisetagebuchs „Zwei Mann auf Pilgerfahrt“. Zunächst hatte Jerome in der Zeitschrift Theatre über das Passionsspiel berichtet; die Professionalität der Laienschauspieler und der krude Realismus der Aufführung hatten ihn tief beeindruckt. Im Reisetagebuch sparte er allzu drastische Szenen aus, sie hätten sich schlecht auf die komischen Passagen gereimt. Doch Jeromes spezieller Humor überforderte die viktorianische Kritik, sie hieß ihn einen ungehobelten, bildungsfernen „Cockney-Pilger“. Dass ihm der Pfad der reinen, sittigen Gelehrsamkeit zu schmal war, machte der Autor freilich schon im Vorwort deutlich: Gewiss, sein Reisejournal solle ein „vernünftiges“, den Horizont erweiterndes Buch sein, dennoch wolle er den Leser nicht in Wissen ersäufen oder ihm „zu viel Stoff zum Nachdenken“ geben.

Jeromes Pilgerfahrt entpuppt sich als köstliches Widerspiel von Komik und Ernst. Gut zwei Drittel des Buchs sind der Reise von London nach Oberammergau gewidmet. Das eigentliche „Pilgerziel“, die Passionsspiele, ist nach 20 Seiten abgehandelt; die Etappen der Rückreise werden knapp gehalten. Jerome bedient sich des Bausatzes klassischer Reiseberichte: Beschreibungen des konkreten Reiseablaufs, Schilderungen von Städten und Landschaften, Reflexionen über das Reisen, Vergleiche zwischen den Kulturen und Mentalitäten. Doch der Anspruch auf authentische Informationsvermittlung wird beständig und lustvoll relativiert, mit einem gerüttelt Maß an englischer Selbstironie. Schon die Gepäckfrage wird persifliert – als very british Absicherungsexzess gegen deutsche Kulturdefizite. Auch nimmt er den Bibel-Charakter von Reisehandbüchern oder die Praxistauglichkeit von Sprachführern ins Visier oder verzerrt so manches Verständigungsproblem ins Groteske: In München gerät die Bestellung eines Omeletts zum irrwitzigen Versuch, die fehlende Vokabel für „pikant“ mittels Pantomime zu veranschaulichen. In deutschen Hotels wiederum lauert die Tücke des Objekts: leintuchgroße Handtücher erfordern die Körperbeherrschung eines indischen Tanzmädchens oder tanzenden Derwisches; zu kurze, scharfkantige Betten lassen jeden Schlafversuch scheitern, und das Studium kontinentaler Fahrpläne endet für „B.“ mit krassem Gewichtsverlust. Der Besuch eines Biergartens hingegen weckt Sympathien für die gemütlich-schlicht-gute deutsche Frau – und für die Urkraft von Blaskapellen: Ihr Rhythmus beherrscht alles, sogar die Einnahme von Speisen. Nur beim Beefsteak zum Wagner-Medley kapitulieren die beiden Englishmen: Die anspruchsvolle Orchestrierung dieses Komponisten bringt die Speisenden „heillos“ aus dem Takt.

Über den deutschen Nationalstolz#

Jeromes Poetologie schöpft die Spielarten komischer Überzeichnung aus, erschöpft sich aber nicht darin. Er verpackt sein dichterisches Selbstverständnis in Schreibtipps des Freundes – oder verhandelt es volten- und anspielungsreich, Stichwort Rheinromantik: Wohl habe er mit einem solchen „Wortgemälde“ kokettiert, doch um den Zauber dieser Landschaft zu beschreiben, „müsste ich ein noch brillanterer und kraftvollerer Schriftsteller sein, als ich jetzt schon bin“. Sagt’s, und breitet seine umfassenden Notizen zum Wortgemälde vor uns aus.

Gelegentlich philosophiert Jerome auch, etwa über die Wirksamkeit journalistischer Arbeit, das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, den Sozialismus – oder über Nationalstolz: „Ein Besuch in Deutschland ist für einen Engländer Medizin. Wir Engländer verhöhnen uns ständig selbst, und Patriotismus gilt in England als vulgär. Die Deutschen dagegen glauben an sich und respektieren einander. ... Ihre Heimat ist immer noch das Vaterland. Sie blicken geradeaus, wie Menschen, die eine große Zukunft vor sich sehen, und sie fürchten sich nicht davor, voranzugehen und sie wahr werden zu lassen.“ Geschrieben im Jahr 1891.

Buchcover: Zwei Mann auf Pilgerfahrt

Zwei Mann auf Pilgerfahrt.

Von Jerome K. Jerome

Aus dem Englischen von Alexander Pechmann

Jung und Jung 2019

181 S., geb., € 22,–

Die Furche, 15. Oktober 2020