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Es wird Zeit für ein neues Internet#

Hass, Porno, Datenhunger und Energieverbrauch - Experten diskutieren, ob das WWW in derzeitiger Form sinnvoll ist.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 26. Juli 2019

Von

Gregor Kucera


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Foto: pixabay.com

Das Internet, unendliche Weiten und Möglichkeiten. Der Hort des Wissens und des Austauschs, der Arbeit, der Liebe und vielerlei anderer schöner Dinge. Doch es ist auch ein Treffpunkt der Trolle, des Hasses, der Kinderpornografie, Umschlagplatz einer Vielzahl illegaler Dinge und unkontrollierter Marktplatz. Das Internetprotokoll ist Grundlage unzähliger Technologien, die das Leben nachweislich verändert haben, doch nun streiten die Experten, ob es nicht Zeit für ein neues, besseres und wieder menschlicheres Netz sein sollte. Der Schlachtruf "Ceterum censeo internete esse delendam" hallt durch die Weiten des weltweiten Datennetzes.

Die vier Ms zu Anfang#

Doch bevor es um das Ende geht, sollte man sich den Beginn des Internets vor Augen halten: Am Anfang standen die vier Ms - Mond (im Zuge der Mondlandung wurden erstmals über weite Strecken Daten mittels Computer übertragen und - nachdem die Ausgaben für die Nasa drastisch gekürzt wurden - zog es viele arbeitslose Entwickler nach Kalifornien, wo diese den Grundstein für das Silicon Valley legten), Militär (das DARPAnet schuf die Basis für das heutige Internet und sollte als dezentrales Netzwerk unterschiedliche US-Universitäten, die für das Verteidigungsministerium forschten, miteinander verbinden), Macht (wer den Datenstrom kontrolliert, hat einen Vorteil und Einfluss) und Money (Geld regierte das Internet von Anbeginn an, in der Gegenwart ist dies noch stärker zu sehen als in der Frühgeschichte des Netzes).

Der Wendepunkt in der positiven Internetgeschichte war die Entdeckung des weltweiten Datennetzes für den Wissensaustausch rund um den Globus. Nun ja, rund um den Globus meint in diesem Fall, in der westlichen Welt. Die Kosten für Aufbau, Wartung und Infrastruktur waren stets ein wesentlicher Faktor, das weltweite Datennetz ist längst immer noch keine Realität. Zu groß sind die weißen Flecken auf der Landkarte. Aber immerhin, für einen Teil der Weltbevölkerung eröffnete sich eine neue Welt des Wissens und des Austausches.

In den letzten Monaten häufen sich die Diskussionen unter Experten, ob das Internet noch zu retten sei, wer es zerstört hat und ob es nicht einen Neuanfang geben müsste. In diesem Zusammenhang wird oft darüber geredet, dass "Hippies" das Internet erschufen - aber letztendlich auch für den Niedergang verantwortlich sind. Das Internet sollte offen, frei, verbindend und liberal sein. Es wurde als Gegenpol zu den großen IT-Konzernen der USA betrachtet, als Chance, den Fängen von IBM und Co. zu entkommen. Eine Meinung kundzutun, darüber zu diskutieren oder sich überhaupt erst eine zu bilden, das waren die Ideale und diesen Idealen opferte man viel - am Ende vielleicht sogar zu viel. Denn der Schluss - ein freies Internet braucht absolute Freiheit für die Unternehmen, die es weiterentwickeln - wurde zu einem Bumerang. Anstatt Besitz trat gebührenpflichtiges Leihen, Wohnraum rund um das Silicon Valley ist nicht mehr leistbar, Datenschutz und Kontrolle erwuchsen aus dem Mangel an rechtlichen Vorgaben und wer einen Blick auf die Angebote im Netz wirft, kommt zu dem Schluss, das überhaupt nichts mehr fertig entwickelt wird, sondern stets eine Beta-Version ist, die so lange upgedated wird, bis man sie schlussendlich einstellt. Der Internetaktivist Jaron Lanier meinte dazu: "Wir wollten alles frei verfügbar haben, weil wir Hippie-Sozialisten waren. Aber wir haben auch die Entrepreneurs geliebt, weil wir Steve Jobs bewundert haben. Wir wollten Sozialisten und Liberale zur gleichen Zeit sein, was absolut absurd ist." Richard Stallman, MIT-Programmierer und Schöpfer der legendären Software GNU, sagte in einem Interview: "Wir brauchen ein Gesetz. Es gibt keinen Grund, warum sie (die Online-Giganten) weiterexistieren sollten, wenn der Preis dafür jener ist, dass sie alles über uns wissen. Lasst sie verschwinden, sie sind nicht wichtig, die Menschenrechte sind wichtig."

Was hat es bloß so ruiniert?#

Ethan Zuckerman vom MIT Center for Civic Media bezeichnete einst die Informationsfreiheit als die "Ursünde des Internets". Mittlerweile sind aber einige andere Faktoren hinzugekommen, die das Internet - zumindest nach Ansicht der Kritiker - zerstört haben: Das wären zum einen die "Cookies". Diese ersten Überwachungstools in der Geschichte des weltweiten Datennetzes sollten eigentlich das andauernde Anmelden bei Diensten obsolet machen, doch förderten sie das Datensammeln und den digitalen gläsernen Online-Konsumenten.

Der Siegeszug der Algorithmen, die stets Neues vorschlagen und vom Anwender trainiert werden, die persönlichen Vorlieben zu erkennen, tat im Strudel des Untergangs sein Übriges. Anstelle einer breiten Meinungsvielfalt traten die Filterblasen. Wenig beachtet wurde jahrelang das Problem mit der "Farmville-Schwachstelle". Als Facebook den Zugang für Drittentwickler zum Sozialen Netzwerk öffnete, wurden zunächst Spiele ein großer Erfolg. Doch ging auch ein Einfallstor für Datenmissbrauch auf, das schlussendlich im Cambridge-Analytica-Desaster mündete.

Generell darf sich Facebook mit dem zweifelhaften Ruf eines Internetzerstörers schmücken, denn auch der "Gefällt mir"-Knopf veränderte die Onlinewelt, und das nicht (nur) zum Positiven. Ryan Holiday schreibt in seinem Buch "Confessions of a Media Manipulator" über die Kraft des "Bored Employee Networks", das aus arbeitenden Menschen besteht, die sich vor ihrem Bürorechner langweilen, so ein "Gefällt mir" nach dem anderen verteilen und dafür sorgen, dass aus einem Nichts ein viraler Hype wird. Schlecky Silberstein ergänzte in seinem Buch "Das Internet muss weg" diese Kategorie noch um das "Activist Network of Unemployed", die sich selbst als vergessen und verstoßen von der Welt und Opfer der Obrigkeiten sehen und mit ihrer Teilnahme in den Sozialen Netzwerken auf Aufmerksamkeit und Bedeutung hoffen. Eine der Mitentwicklerinnen des "Gefällt mir"-Buttons, Leah Pearlman, meinte dazu: "Kennen Sie die ,Black Mirror‘-Folge, in der alle Menschen von ,Likes‘ besessen sind? Ich habe mit Entsetzen festgestellt, dass ich nicht nur dazu gehöre, sondern auch die Plattform für alle anderen erschaffen habe."

Auch der Software-Entwickler Loren Brichter, er erdachte die "Pull-to-refresh"-Geste, also die Aktualisierung von Inhalten durch bloßes "Herunterschieben" am Bildschirm, sah sich zu Selbstkritik genötigt: "Pull-to-refresh macht süchtig. Ich bereue die Schattenseiten." Der schon erwähnte Ethan Zuckerman kam während der Arbeiten an einer Blogging-Plattform auf die Idee, Inhalte von Werbung zu trennen, und schuf damit das Tool, mit dem Werber ihre "Pop-up ads" erschaffen konnten. "Ich wollte das Internet nicht zerstören. Es war nicht meine Absicht, dieses schreckliche Ding in das Leben der Menschen zu bringen. Es tut mir extrem leid", so Zuckerman in einem Interview.

Und so ist das Internet nun einmal, wie es ist. Doch muss es so bleiben? Kann es überhaupt so bleiben? Bis zu Cambridge Analytica und den immer noch nicht restlos aufgeklärten Eingriffen in den US-Wahlkampf waren diese Themen Nebensache. Doch der horrende Energieverbrauch der Rechenzentren und virtuellen Währungen, die gläsernen Menschen und die vielen Schattenseiten, von denen Hass im Netz nur ein Phänomen ist, sorgen nun für ein Umdenken.

Es muss etwas geändert werden#

Das Internet einfach abzudrehen wäre wohl keine adäquate Lösung. Doch was wäre ein möglicher Ausweg? Der Informatiker Moshe Vardi denkt über eine Gebühr für ein freies Netz nach. Jeder Anwender zahlt an Google fünf Euro und würde dafür ein werbefreies Internet bekommen. Doch was zahlt man dann an Amazon, an Apple und all die anderen? Das Internet wurde schon zum Grundrecht der Menschen ausgerufen, doch wenn nicht alle Menschen Zugang zum Netz haben, wie soll das funktionieren?

Und falls Sie schon einmal ihren Internetprovider gewechselt haben, dann wissen sie, wie nackt man sich ohne E-Mail-Adresse fühlt. Wenn jeder Mensch einen digitalen Ausweis bekommen würde, eine Online-Identität und seine Daten absolut sicher gespeichert werden, mit einer lebenslangen E-Mail-Adresse, würde dies etwas ändern? Die eine, richtige Antwort scheint noch nicht gefunden. Derzeit läuft es wohl darauf hinaus, dass die Anwender ihre Daten wieder freikaufen und dann von Grund auf ein neugedachtes Internet der Menschen - Bots und Roboter, Algorithmen und der denkende Kühlschrank müssten dann wohl verbannt werden - entstehen kann.

Doch wenn es Geld kostet, was ist mit den Menschen, die sich einen solchen Zugang nicht leisten können? Im Gegensatz zu den Anfangstagen des Internets sollte man diesmal auch diese Frage in den Mittelpunkt stellen.

Wiener Zeitung, 26. Juli 2019