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Demenzforscher auf dem Holzweg?#

Fortschreitende Ablagerungen im Gehirn gelten als Ursache der Alzheimer-Krankheit. Gerald Hüther plädiert für ein Umdenken. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, Donnerstag, 4. Jänner 2018

Von

Martin Tauss


Es kommt einiges auf uns zu: Aufgrund der weiterhin steigenden Lebenserwartung ist davon auszugehen, dass auch die Zahl der Menschen mit Demenzerkrankungen in die Höhe schnellen wird. Rund 100.000 Österreicher leiden derzeit an der Alzheimer- Demenz, der häufigsten Form. Laut Schätzungen von Experten wird sich diese Zahl in den kommenden 30 Jahren wahrscheinlich verdreifachen. Die Krankheit beginnt Jahrzehnte vor dem Auftreten von Symptomen, erkennbar an Ablagerungen und Degenerationen im Gehirn. „Derzeit aber können wir erst therapieren, wenn die Erkrankung bereits klinisch ausgebrochen ist“, sagt der Wiener Alzheimer- Spezialist Peter Dal-Bianco. Und heutige Therapiemaßnahmen können das Fortschreiten der Krankheit nur verzögern, nicht verhindern.

Die Lehren aus der „Nonnenstudie“ #

Die Forschungsanstrengungen, um hier endlich einen Durchbruch zu erzielen, laufen auf Hochtouren. Doch vielleicht laufen sie in eine falsche Richtung? Das jedenfalls suggeriert Gerald Hüther in seinem aktuellen Buch „Raus aus der Demenzfalle!“ (Arkana 2017). Der deutsche Hirnforscher befasst sich mit Neuroprävention und widmet sich nun auch dem großen Thema Demenz. Dabei stützt er sich auf zwei Eckpfeiler: Der eine ist die Tatsache, dass im Gehirn nicht nur Degenerationsprozesse ablaufen, sondern auch Regenerationsprozesse. Experten sprechen vom „neuroplastischen Potenzial“. Früher ging man davon aus, dass das Gehirn von Erwachsenen fi x und fertig ausgereift sei – dass es also von da an nur noch zum Abbau von Nervenzellverknüpfungen kommen könne. Doch atemberaubende Befunde infolge neuer bildgebender Verfahren zeigen, dass sich die Nervenzellen des Gehirns neu organisieren und vernetzen können, etwa wenn man Jonglieren oder Klavierspielen erlernt, bis ins hohe Lebensalter. Und es gibt Hinweise, dass neue Nervenzellen durch einen geistig regen Lebensstil ausgebildet werden können.

Der zweite Eckpfeiler von Hüthers Überlegungen ist eine viel beachtete wissenschaftliche Untersuchung, die unter dem Begriff „Nonnenstudie“ bekannt geworden ist. Der amerikanische Mediziner David Snowdon hat über 15 Jahre 678 Nonnen eines katholischen Ordens im höheren Alter (75 bis 106 Jahre) begleitet und dabei regelmäßig Demenztests durchgeführt. Er fand nur ganz wenige Fälle.

Medizin- und Gesellschaftskritik #

Die große Überraschung: Nach dem Tod der Nonnen hat Snowdon Autopsien von ihren Gehirnen gemacht und gesehen, dass ein Drittel von ihnen bereits starke Abbauerscheinungen hatte. Das entsprach dem Durchschnitt der Bevölkerung – trotzdem war kaum eine Nonne dement geworden. Diesen Aufsehen erregenden Befund erklärt Hüther eben mit dem neuen Wissen über die Umbaufähigkeit des Gehirns: Der Abbau war da, aber in den Gehirnen der meisten Nonnen wurde er durch das neuroplastische Potenzial kompensiert. Die geistige Leistungsfähigkeit wurde somit nicht krankhaft in Mitleidenschaft gezogen.

Abbauprozesse im Gehirn führen nicht zwangsläufig zu einer Demenz, folgert der Autor, der damit eine Grundannahme der Medizin infrage stellt. Die Demenzforschung werde dominiert von Experten, die bei großen Pharmaunternehmen beschäftigt seien oder an Projekten arbeiteten, die von der Pharmaindustrie finanziert würden. Ein Umdenken sei für diese Experten nicht von Interesse, meint Hüther, der auch kräftige Gesellschaftskritik hinzufügt: Der Lebensstil in den westlichen Gesellschaften trage heute zum rapiden Anstieg von Demenzen bei, denn die Freude am eigenen Entdecken komme in der effizienzorientierten Gesellschaft zu kurz – und gerade Begeisterung und individuelle Erfolgserlebnisse seien wichtige Faktoren für die Regenerationsfähigkeit des Gehirns: Sie führten zur Ausschüttung von „neuroplastisch wirksamen Botenstoffen, die, ähnlich wie ein Dünger auf dem Acker, das Auswachsen von Nervenzellenfortsätzen und die Neubildung von Nervenzellkontakten im Gehirn anregen“.

Sind Hüthers Thesen ein großer Wurf, der die Demenztherapie auf völlig neue Beine stellen wird? Sie unterstreichen zumindest die Bedeutung der „kognitiven Reserve“, die sich durch geistiges Interesse und Training fördern lässt, sagt Demenz-Experte Reinhold Schmidt von der Med-Uni Graz. „Das heißt nicht, dass damit die ganze Demenztheorie ad absurdum geführt wird.“ Die Suche nach einer Therapie gegen die Ablagerungen im Gehirn stehe weiterhin im Vordergrund, um direkt in das Krankheitsgeschehen einzugreifen. Es schadet aber keinesfalls, sich verstärkt auch an Hüthers ermutigender Botschaft zu orientieren.

Buchcover

Raus aus der Demenzfalle!

Von Gerald Hüther.

Arkana Verlag 2017

144 Seiten geb., €18,50

DIE FURCHE, Donnerstag, 4. Jänner 2018