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Artist Is Obsolete#

Kunst und Technik#

von Martin Krusche

Wieso baut Niki Passath eine wackelige Maschine, die völlig verhuschte Kreise zeichnet? Wieso ist dieser hölzerne Gittermast mit der breiten Standfläche und seinen groben Gelenken nicht einmal auf der Höhe der Zeit, also mit smarter EDV ausgestattet? Statt dessen zwitschern simple Servos, drehen hier eine Spindel, da einen mechanischen Ellenbogen. Das technisch Raffinierteste ist eine kleine Kamera, die jene QR-Codes einliest, mit denen Symposionsgäste den Apparat starten können. Das wäre natürlich auch mit einem antiquierten Kippschalter zu machen gewesen, aber die kleine Karte mit dem Code ist Bestandteil der Erzählung. So viel Kommunikation muß also für die Maschine möglich sein.

Der Roboter von Niki Passath. – (Foto: Martin Krusche)
Der Roboter von Niki Passath. – (Foto: Martin Krusche)

Selbstredend brächte jeder halbwegs geübte Mensch mit einem Zirkel feinere Kreise zustande. Was soll das also und was hat es mit Kunst zu tun? Wer in der Betrachtung am schwankenden Gestell, den singenden Betriebsgeräuschen und den wuchernden Linien der gezeichneten Kreise hängenbleibt, darüber keinen Schritt hinauszugehen vermag, wird natürlich nichts erleben, was sich in der Erinnerung festsetzen möchte. Könnte es sein, daß es hier um eine Maschine geht, die in den Menschen etwas auslösen soll, daß damit erst entsteht, was man aus dieser Geschichte mitnehmen mag?

Von einer anderen Seite her gefragt: Was wissen wir denn über die Kunst? Soll sie die Welt abbilden? Darf sie einen für Augenblicke erschrecken. Soll sie überdies Schönheit und Erbauung vermitteln oder wenigstens irgendeinen Wow-Effekt?

Für derlei Sensationen dürfte ich Ihnen ein Gleisdorfer Kino empfehlen, welches über mehrere Säle verfügt, über einige Restaurants, ferner über ein Foyer voller skurriler Spielgeräte bis hin zu großen, gepolsterten Eierhalbschalen, in die man sich setzen kann, um für etwas Kleingeld einen Ausflug in die Idee von Virtual Reality zu machen.

Um welche Realität mag es gehen? Stimmen wir den Radikalen Konstruktivisten zu, dann gilt: Das Gehirn bildet nicht ab. Es bekommt über unsere Sinnesorgane allerhand Reize geliefert und baut sich daraus eine Realität, konstruiert gewissermaßen, was die Realität sei. Dabei bleibt es völlig egal, ob die Impulse nun aus der Natur oder aus Maschinensystemen kommen. Hauptsache das Hirn hat zu tun und wir meinen, etwas zu erleben. Aber die Kunst! Wir gestehen ihr seit der Renaissance Autonomie zu. Spätestens mit Duchamp durften wir alle Regeln über Bord werfen, um uns dann doch lieber wieder welche zu suchen. Mit Boris Groys haben wir etwas sicheren Boden, auf dem sich eine dynamische Kunsttheorie bewährt.

Nicht die Arbeit der Maschine, die von ihr veranlaßte Geselligkeit unter den Menschen hat jene Situation bestimmt. – (Foto: Martin Krusche)
Nicht die Arbeit der Maschine, die von ihr veranlaßte Geselligkeit unter den Menschen hat jene Situation bestimmt. – (Foto: Martin Krusche)

Da heißt es, je nach Situation werten wir Dinge auf oder ab, valorisieren oder trivialisieren sie. Daraus folgt, ein und dieselbe Sache kann über Auf- bzw. Abwertung in den Rang von Kunstwerken kommen, ihn aber auch wieder verlieren. Was wäre daran nicht nachzuvollziehen?

Diese Kunsttheorie macht menschliche Gemeinschaft und menschliche Befindlichkeit zu einem maßgeblichen Referenzsystem für die Bewertung von Werken. Sie stellt es einem auch frei, solche Werte zu ignorieren, auf derlei Werte zu verzichten. Damit erledigt sich übrigens eine populäre, eigentlich populistische Argumentationslinie, wonach behauptet wird, Kunst sei a priori wichtig und wertvoll, weshalb ihr besondere Bedingungen zustünden. Dazu kommt, daß wir längst geklärt haben: Nicht nur Gegenstände sind Kunstwerke, auch Prozesse oder gar bloß Ideen können in den Rang von Kunstwerken kommen.

Daraus folgt, sie klären und entscheiden selbst, womit Sie es zu tun haben. Sie müssen sich dabei nur eventuell den Ansichten anderer stellen und ihre Position halten; oder aufgeben. Dabei wird es so kommen, wie auch in anderen Bereichen der Geschmacksbildung und der Entwicklung von Ansichten. Mit den Jahren, mit den zunehmenden Wahrnehmungs- und Reflexionserfahrungen ändern sich vermutlich Ihre Kriterien und Urteile. Wer gegen diese Art persönlicher Entwicklung resistent ist, wird leicht als engstirnig, womöglich als fundamentalistisch, eventuell sogar als bedrohlich wahrgenommen. Wozu also nun die knarzende, wackelnde Maschine von Niki Passath?

Das Enso, eine Arbeit von Bankei Yitaku. – (Foto: Public Domain)
Das Enso, eine Arbeit von Bankei Yitaku. – (Foto: Public Domain)

Wir erwarten gewöhnlich von Kunstwerken wenigstens, daß sie uns Denkanstöße und ästhetische Erfahrungen bieten, also Wahrnehmungserfahrungen und Reflexionsmomente. Wer vorerst ratlos bleibt, kann sich jederzeit mit Grundmomenten der Philosophie behelfen: Das Staunen und das Fragen. Wer allerdings schon weiß, weder staunen noch fragen muß, fühlt sich auf eine Auseinandersetzung mit Kunstwerken gewiß nicht angewiesen, kann wahlweise ebensogut essen oder spazieren gehen.

Wer sich dagegen in den verschiedenen kulturellen Winkeln unserer Welt schon etwas umgesehen hat, wird vielleicht zwei Motive präsent haben. Eines davon handelt von ähnlich ausufernden Kreisen, die sich keinesfalls auf präzise Maße stützen. Ich meine das Enso, ein Element der japanischen Kalligraphie, zugleich Symbol für sehr erhabene Zusammenhänge. Sie können unzählige Beispiele für die mit Pinseln gemalten Kreise finden, die einen ganz individuellen Erfahrungsprozeß abbilden, der zugleich geistiger und körperlicher Natur ist.

Dem steht gegenüber, was uns aus der Renaissance von Meister Leonardo überliefert wurde. Es heißt, er sei fähig gewesen, mit freier Hand einen perfekten Kreis zu zeichnen. Das bedeutet, der umfassend begabte und geübte Mann konnte etwas, was ihm kaum ein Mensch nachmachen kann, was aber jeder triviale Plotter im nächsten Copyshop schafft, doch Passaths Maschine nicht.

Die Passath-Karte mit der Empfehlung: Think like a Machine! – (Graphik: Niki Passath)
Die Passath-Karte mit der Empfehlung: Think like a Machine! – (Graphik: Niki Passath)

So mag einem dämmern, daß Passath einen recht wunden Punkt berührt, der für die Koexistenz von Menschen und Maschinen einige Fragen aufwirft. Der Zen-Buddhismus ist ungefähr im 5. Jahrhundert entstanden. Da Vinci wurde rund tausend Jahre später geboren, im April 1452. In jener Ära, rund um 1480, entstanden erhaltene Quellen in der Technik der Kaltnadelradierung. Das ist die Verfahrensweise der Installation des zweiten Künstlers jenes 2017er Kunstsymposions.

Robert Gabris hat sein Werk „The Forest“ auf diese Art geschaffen. Das bedeutet, er hat jene Präzision im Zugriff angewandt, die Passaths Maschine meidet. Diese ursprünglich Drucktechnik verlangt Körperkraft, Ausdauer und sehr hohe Konzentration, weil sich Fehler nicht entfernen lassen. Je nach Art des Motives muß im Grunde jeder Strich sitzen. Während also Passath seine Maschine quasi wie ein Instrument spielt und sich dabei auf erhebliche Improvisation einläßt, nähert sich Gabris mit großer Disziplin jener Präzision an, die wir gewöhnlich von Maschinen erwarten. Genau das ist freilich ein Phantasma. So sind Maschinen letztlich nicht, ausdauernd präzise, geradezu perfekt, auch wenn wir ihnen das gerne zuschreiben.

Die Installation der von Hand gravierten Glasplatten in der Dunkelkammer, wo durch das Bewegen von Lichtquellen eine sehr dynamische Situation entsteht, die über Nuancen von Schattenwürfen einen sehr flexiblen (virtuellen) Raum erzeugt, ist somit auch eine Neudeutung von Platons Höhle, über die Menschen nun sehr selbstbestimmt verfügen können.

Wir hatten bei diesem 2017er Kunstsymposion Eva Ulbrich zu Gast, die gemeinsam mit ihrem Mann Martin Maschinensysteme baut und programmiert, welche in einem weit größeren Zusammenhang, wie man so sagt: in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang stehen. Es geht dabei um 3D-Drucker, also um Maschinen, die aus einem binär codierten Rechenmodell einen greifbaren Gegenstand machen können. Das überdies als Teil einer vernetzten Anordnung weit größerer Art, die man als Beispiel des Internet der Dinge verstehen und anschauen kann.

Ulbrich hatte eine Software vorbereitet, die das Ausgabegerät zarte Armreifen drucken läßt, wie sie das Publikum auf Wunsch mitnehmen durfte. Dabei variierte die Software jeden Armreif, so daß lauter Unikate entstehen.

Also auch hier die Kreisform, bei der sich dann freilich etliche Ausreißer ergaben. Das ist übrigens etwas, woran Passath ein rasendes Interesse hat: Wann tauchen bei Maschinen Mutationen auf, Abweichungen, die nicht vorgegeben waren? Was leistet sich also das Maschinensystem an Toleranzen und Eigensinn, die vom Menschen nicht intendiert waren, als die Anlage gebaut und programmiert wurde.

Passath hat sich für eine fast schon organische Bauweise des Roboters entschieden, läßt dem Apparat Toleranzen. – (Foto: Martin Krusche)
Passath hat sich für eine fast schon organische Bauweise des Roboters entschieden, läßt dem Apparat Toleranzen. – (Foto: Martin Krusche)
Robert Gabris läßt sich die mühsame Arbeit der Kaltnadelradierung nicht von einer Maschine abnehmen. – (Foto: Martin Krusche)
Robert Gabris läßt sich die mühsame Arbeit der Kaltnadelradierung nicht von einer Maschine abnehmen. – (Foto: Martin Krusche)
Transparenz und Licht in der Dunkelkammer fürhen zu einer Paraphrase von Platons Höhle. – (Foto: Martin Krusche)
Transparenz und Licht in der Dunkelkammer fürhen zu einer Paraphrase von Platons Höhle. – (Foto: Martin Krusche)

Dazu sagte Ulbrich völlig unaufgeregt: „Es gibt keine Perfektion.“ Die von uns geschaffenen Werkzeuge würden das einfach nicht zulassen. Selbst was wir als perfekten Kreis wahrnehmen, ist gewöhnlich ein Gebilde mit allerhand Variationen. Wir kennen noch keine Maschinen, die darüber hinauskämen.

Es gilt als unbestritten, daß jeder billige Taschenrechner in unzähligen Rechenoperationen besser und genauer als der Mensch ist. Zugleich weiß man von Rechnungen, die bewältigen bloß versierte Menschen, aber keine Maschinen. Techniker Ewald Ulrich hatte beim Kunstsymposion dazu einige Hinweise geboten und etwa auf Rechenmodelle verwiesen, die in schlüssigen Schritten ergeben, daß ein Ergebnis uns belegen kann, fünf sei sechs. Das mag verwirrend klingen, läßt uns jedoch erahnen, daß wir Menschen zu großen Denkräumen fähig sind.

Auch hier wieder, ganz nebenbei, der Hinweis, daß die Mensch-Maschinen-Koexistenz ist nicht auf höchste Genauigkeit, auf Perfektion ausgelegt, wenngleich wir Maschinen zu sehr hoher Genauigkeit bringen können. Wo steht nun geschrieben, wieviel an Toleranz ein „guter Kreis“ erlaubt, auf daß wir feststellen könnten, daß die Kreise von Niki Passaths Maschinen eventuell unannehmbar seien? Eben! Das ist vom Kontext abhängig.

Wir erleben gerade eine rasante Fahrt mitten in die Vierte Industrielle Revolution. Dabei ist inzwischen unübersehbar, daß nun Maschinensysteme sehr viele Tätigkeitsbereiche übernehmen, die wir bisher zur Erledigung bloß Menschen anvertraut hätten. Das sorgt für so manche Angstsituation, die eventuell das Zeug zur Flächendeckung hat. (Zu diesem Aspekt haben wir im 2017er Kunstsymposion die Station Landkarten der Angst eingerichtet.)

Der 3D-Drucker wird mit Code gefüttert und bringt Gegenstände heraus. – (Foto: Martin Krusche)
Der 3D-Drucker wird mit Code gefüttert und bringt Gegenstände heraus. – (Foto: Martin Krusche)
Eva Ulbrich (links) betont die Notwendigkeit, solche Maschinenprodukte von Hand nachzubearbeiten. – (Foto: Martin Krusche)
Eva Ulbrich (links) betont die Notwendigkeit, solche Maschinenprodukte von Hand nachzubearbeiten. – (Foto: Martin Krusche)
Diese Maschine könnte auch Schokolade oder Beton verarbeiten. – (Foto: Martin Krusche)
Diese Maschine könnte auch Schokolade oder Beton verarbeiten. – (Foto: Martin Krusche)

Mindestens seit der Zweiten Industriellen Revolution, die von Automatisierung geprägt ist, gibt es gute Gründe, über eine Maschinisierung des Menschen nachzudenken, wozu uns freilich schon die Ägypter oder Chinesen mit allerhand Monumentalbauten Anlaß gegeben hätten, weil es da um aus Menschen formierte Mega-Maschinen ging.

Vermutlich sollten wir ebenso die griechische Phalanx oder die römische Legion in so einem Sinn deuten. Preußischer Waffen-Drill oder die Organisationsweisen der Nazi handeln gleichermaßen von einer speziellen Nutzbarmachung des Menschen durch seine Maschinisierung. (Daß in vielen unserer Schulen noch heute wie in Kadettenanstalten des 19. Jahrhunderts gewirkt wird, paßt ebenso dazu.)

Zwischen der Maschinisierung von Menschen und den Leistungen der neuen, selbstlernenden Systeme, welche uns immer mehr Arbeit abnehmen, stehen wir nun in der Verlegenheit, daß unser vertrautes Mensch-Maschinen-Verhältnis einer gründlichen Überprüfung bedarf, ziemlich sicher einer Neuformulierung. Und die Kunst?

Wir hatten für das Symposion Niki Passaths Überlegung „Artist Is Obsolete“ übernommen, um ein gemeinsames Nachdenken über Kunst und Technik einzurichten, was Überlegungen zum aktuellen Verhältnis von Mensch und Maschine nahelegt. Dazu brauchen wir aktualisierte Vorstellungen, was denn Maschinen seien, mit welchen Systeme uns da umgeben. Passaths Anregung zu „Thinking Like a Machine“ meint ja offenkundig nicht, wir sollten uns auf bipolare Ansichten und Annahmen einschränken, sonder wohl eher, wir sollten uns langsam mit dem Wesen aktueller Maschinen und Systeme vertraut machen.