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Haflinger an Zollschranken#

(Zum Glück nur ein Buch)

von Martin Krusche

Binnenmarkt. Ich hab schon lange nicht mehr darüber nachgedacht, was das ist und bedeutet. Nun hat mich Post aus der Schweiz mit der Nase daraufgestoßen. Europa ist ein in weiten Bereichen blühender, kleiner Garten am Rande des eurasischen Riesen. Es lohnt allemal, wenn man sich gelegentlich die Landkarte ansieht. Österreich ist dabei ein Kleinstaat und im Sinne seiner Volkswirtschaft ein Zwerg. Zum Glück haben wir eine lange Geschichte, in der immer wieder sehr begabte Leute zur Wirkung kamen, aber ohne florierenden Außenhandel stünden wir schlecht da.

Dier lesenswerte Haflinger-Monografie von Hansruedi Brawand. (Foto: Martin Krusche)
Dier lesenswerte Haflinger-Monografie von Hansruedi Brawand. (Foto: Martin Krusche)

Damit hab ich nun auch schon etwas über das Haflinger-Projekt gesagt, die abwechslungsreiche Recherche zum Steyr-Puch 700 AP. Dieses Fahrzeug kam 1959 auf den Markt, wir gehen also auf ein 60 Jahr-Jubiläum zu. Dafür wird es ein neues Buch geben, das als kleine Kulturgeschichte des Fahrzeuges angelegt ist, was bedeutet, es zeigt den Hafi in seinem größeren Zusammenhang.

Im Rückblick läßt sich gut belegen, daß der Haflinger eine herausragende Konstruktion ist, die seinerzeit völlig für sich stand. Ohne begabte Leute und den Außenhandel hätte es freilich nichts werden können. Das heißt, erst durch den Export kam es zu den Stückzahlen, die das Projekt rentabel machten. Der österreichische Binnenmarkt wäre dafür zu klein gewesen. Heute kann man die Fan-Gemeinde dieses erstklassigen Geländefahrzeugs rund um die Welt finden.

Eurasien auf dem Globus (Grafik: TUBS, Wikimedia Commons, GNU Lizenz)
Eurasien auf dem Globus (Grafik: TUBS, Wikimedia Commons, GNU Lizenz)

Der Hafi hat sich auf allen Kontinenten bewährt und wird heute noch international als Liebhaber-Fahrzeug geschätzt, obwohl der Lauf der Zeit längst wesentlich größere Fahrzeuge in vielfältige Dienste geschoben hat.

Zu früheren Haflinger-Jubiläen erschien die eine oder andere Broschüre, teils mit Passagen aus einem Standardwerk über Puch Automobile von Fritz Ehn. Ich kenne bis heute nur eine einzige detailreiche Haflinger-Monographie, die dieses Fahrzeug ausreichnd würdigt. Das ist „Der Steyr-Puch Haflinger der Schweizer Armee“ von Hansruedi Brawand.

Eine vorzügliche und sehr aufschlußreiche Publikation, die uns auch Prototypen und Konkurrenzprodukte jener Zeit zeigt sowie allerhand Sonderformen. Der Hafi als Waffenträger, als Selbstfahrlafette, das gab es auch in Österreich zu sehen. Selbst etliche Trainer, speziell für die Schweiz gebaut, fanden inzwischen nach Österreich zurück. Aber wer kennt hierzulande etwa noch das selbstfahrende Panzerziel „Schildkröte“ auf Haflinger-Basis?

Es hat eben nicht jeder das Glück, so wie ich nahe bei Graz zu leben, wo ich seit Jahren altgediente Puchianer in ihren Schuppen und Werkstätten besuchen darf. Männer, die damals dabei waren, als das alles entstanden ist, also vorzüglich informierte Leute. Und selbst da kann man immer wieder Details zu erfahren, die bisher noch nicht dokumentiert wurden oder deren Dokumente in alle Winde zerstreut sind.

Altmeister aus dem Puchwerk: Manfred Haslinger (links) und Fredi Thaler sind versierte Kenner. (Foto: Martin Krusche)
Altmeister aus dem Puchwerk: Manfred Haslinger (links) und Fredi Thaler sind versierte Kenner. (Foto: Martin Krusche)
Der Prototyp mit der Stupsnase (Quelle: Motorrad 2/1959)
Der Prototyp mit der Stupsnase (Quelle: Motorrad 2/1959)

Wer hat sich je den mechanischen Muli von Jeep-Hersteller Willys angeschaut, der damals neben dem kuriosen Lastendreirad, dem Garbari 3x3 von Moto Guzzi, in der Schweiz getestet wurde? Beide waren dem Haflinger im Wettbewerb um dieses Geschäft unterlegen. Brawand hat das umfassend festgehalten und bebildert. Das Buch zeigt auch die frühen Haflinger-Prototypen mit der flachen Nase, von der selbst so mancher eingefleischte Hafi-Fan keine Ahnung hat.

So war klar, daß ich diese Publikation haben muß. In Antiquariaten wurde ich nicht fündig, aber zum Glück hat Autor Brawand das Buch vorrätig. Da komme ich nun wieder auf das Thema Binnenmarkt.

Das Buch kostet € 35,00. Wer das für teuer hält, sollte bedenken, daß sich selbst um diesen Preis der erhebliche Aufwand für so ein Sachbuch nicht adäquat bezahlen läßt, zumal der Haflinger ja kein so großes Publikum hat wie alte Porsches oder Ferraris. Daher sind die Absatzmöglichkeiten begrenzt. Das heißt, der Preis ist freundlich, steht für sehr viel Arbeit. Dazu kommen € 12,00 für „Porto und Verpackung pauschal“, auch dagegen habe ich nichts einzuwenden.

Bild 'zoll04'
Bild 'zoll03'

Ab jetzt wird es eng. Österreich nimmt € 3,08 Einfuhrumsatzsteuer. Okay, kommt fast nicht mehr darauf an. Doch das Zollamt läßt sich die Bearbeitung des Vorgangs mit einem Zollstellungsentgelt von € 10,00 honorieren. Das macht nun € 47,00 für Buch und Versand, plus €13,08 für die Überwindung der EU-Grenze, ergibt daher stolze € 60,08 für die Publikation.

Diesen Betrag hab ich gerne investiert, das Buch entschädigt einen dafür. Aber es ist ein interessanter Denkanstoß zu Fragen, wohin sich Europa entwickeln möchte, denn da war nun etliche Jahre viel Geschrei um die Grenzen innerhalb der EU.

Volkswirtschaft ist etwas völlig anderes als Hauswirtschaft. Ein Staat funktioniert natürlich nicht wie ein Einfamilienhaus mit Garten und Zaun. Grenzen und Zollschranken haben ihren Preis, wie man schon an einem einzelnen Buch sehen kann. Keine Grenzen, das gibt es aber auch nicht kostenlos. Und letztlich ist es Unfug, über die Frage von offenen oder geschlossenen Grenzen Polemiken hinauszubrüllen. Das alles ist eher ein Frage möglichst unaufgeregter Abwägung von Kosten und Nutzen.

Dazu gibt es in der EU derzeit noch einigen Klärungsbedarf und ich glaube nicht, daß mir Hinz und Kunz darüber so im Vorbeigehen brauchbare Auskünfte geben können. Übrigens, der Haflinger ist ein Produkt des Kalten Krieges, als wir sicherheitspolitisch ein Protektorat der USA waren. Damals haben wir auf "Territoriale Landesberteidigung" (Spannocchi-Doktrin) gesetzt, weil unser Bundesheer für eine konventionellen Schlacht von Massenarmeen ungeeignet gewesen wäre. Der Haflinger drückt genau das aus, ist einer anderen Strategie gewidmet. Das müssen wir 60 Jahre danach weiterdenken...