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Vorau: Wozu ein Museum?#

(Vom Nutzen, nach vor und zurück zu blicken)#

von Martin Krusche

Wozu nützt mir ein Museum voller Gegenstände aus einer versunkenen Welt? Weshalb soll ich mich mit Volkskultur befassen, noch dazu mit kulturellen Erscheinungsformen, die heute bloß noch in kleinen Nischen gepflegt werden, aber den meisten Menschen fremd geworden sind? Ich nehme einen Museumsbesuch im Joglland zum Anlaß, zu diesen Fragen etwas weiter auszuholen. Die technischen Entwicklungen haben ab dem Zweiten Weltkrieg eine so atemberaubende Beschleunigung erfahren, daß heute schwer zu begreifen ist, woraus sich unsere gegenwärtige Lebenssituation entwickelt hat. Innerhalb meiner eigenen Lebensspanne ist die Zweite in die Dritte Industrielle Revolution gekippt, ohne daß alle meine Mitmenschen inzwischen eine halbwegs klare Vorstellung entwickelt hätten, was daraus hervorging.

Solche Gattersteine bekommt man kaum noch wo zu sehen. – (Foto: Martin Krusche)
Solche Gattersteine bekommt man kaum noch wo zu sehen. – (Foto: Martin Krusche)

Die Automatisierung, durch die wir in völlig neue Produktwelten geboren wurden, erschütterte durch eine Digitale Revolution unsere vertrauten Vorstellungen von der materiellen Welt. Heute müssen wir etwa durch unsere Verwicklungen in Simulationsräume, die zunehmend auf selbstlernende Systeme gestützt sind, völlig neu verhandeln, was wir uns unter „Realität“ vorstellen.

Einerseits werden Dinge, die man früher konkret bauen und erproben mußte, per Computer immateriell entwickelt. Das lösen wir mit Rechenmodellen und Softwaretools. Andrerseits können Maschinen immer mehr von dem tun, was wir eben noch bloß Menschen zugetraut hätten.

Dazu kommt, daß viele Apparaturen durch ihr Aussehen nicht mehr verraten, was sie machen. Früher hat doch meist die Form eine Funktion verraten. Das ist heute radikal anders. Außerdem sind viele Gerätschaften verkapselt, verklebt, oder überhaupt nur mit Spezialwerkzeugen zu öffnen.

Ich kann also nach vielen Dingen nicht mehr greifen, um sie zu begreifen. Das allein sind schon gewichtige Zusammenhänge, die deutlich machen: Eine Sammlung alter Gegenstände, die noch mechanischer Natur sind, viele davon aus einer Zeit ohne Elektrizität in den Häusern, hilft ganz entschieden, sinnlich in der Welt zu bleiben. Es gibt nämlich zu unserer leiblichen Anwesenheit noch keine absehbare Alternative.

Die sinnliche Wahrnehmung dank materieller Gegenstände, das Wort Gegen-Stand drückt es ja schon aus, hilft uns daher, die Welt und uns selbst auf eine Art wahrzunehmen, die kulturell reich begründet ist. (Wahrnehmung hieß im altern Griechenland Aisthesis. Das ist die Ästhetik.)

Da wir in unserer Körperlichkeit eine sehr materielle Welt bewohnen, sollten wir wenigstens über unsere Kulturtechniken zwischen beiden Arten von Welt pendeln können, zwischen digital codierten Simulationswelten und sinnlich erfahrbaren analogen Teilen der Welt. Daraus mag plausibel werden, warum wir uns hier, im Projekt „Mensch und Maschine“, mit beiden Versionen der Welten befassen und darüber hinaus nicht bloß in die Zukunft zu schauen versuchen, sondern ebenso Blicke in unsere Vergangenheit tun. Nun aber…

Menschenmaß in der Architektur, ausgewogen und ansehnlich. - (Photo: Martin Krusche)
Menschenmaß in der Architektur, ausgewogen und ansehnlich. - (Photo: Martin Krusche)

Um über einen Besuch im Freilichtmuseum Vorau zu erzählen, muß ich auch die Anreise im Auge behalten. Das ist eine sehr anregende Fahrt, wenn man sich unterwegs etwa nach Klein- und Flurdenkmälern aus vergangenen Tagen umsieht. Die sind für uns interessant, weil sie eine vorindustrielle Info-Sphäre darstellen, mit der sich Menschen umgeben und Inhalte vermittelt haben; nichts weniger wichtig, als heutige Info-Sphären mit elektronischen Medien. Da vergleichen wir also zwei bedeutende kulturelle Systeme.

Diese Umschau ist auch deshalb nützlich, weil das Leben in der agrarischen Welt bei uns in der Oststeiermark sehr karg war, voller Anfechtungen und Gefährdungen. Das Ertragen dieser Belastungen war teilweise eng mit Glaubensfragen verknüpft. So beinhalten derlei Wegmarken religiöse Inhalte, erzählen aber genauso vom Alltagsleben in jenen Tagen.

Wer über Birkfeld und Miesenbach hinaus kommt, den Raum Vorau erreicht, hat bei einiger Aufmerksamkeit die Chance auf eine spannende Reise durch unsere kulturelle Vergangenheit. Und sei es bloß, daß man unterwegs in Koglhof haltgemacht hat, um dort über einen Misthaufen mitten im Ort zu staunen.

In Zeiten von Kunstdünger und Hybridsorten ist uns die enorme Wichtigkeit dieser Düngerquelle nicht mehr klar. Kreislaufwirtschaft und Fruchtfolge waren auf solche Zutaten angewiesen. Der passende Spruch dazu lautete „Wo Mistus, da Christus“. Das war keineswegs despektierlich gemeint.

Die Oststeiermark ist einst ein Armenhaus der Monarchie gewesen. Das lag nicht bloß an der allgemeinen Rückständigkeit der Steiermark, sondern auch an den mehrheitlich kleinen Selbstversorger-Wirtschaften, auf denen nicht für den Markt produziert wurde. Sonderkulturen wie Obst oder Hopfen verbesserten die Lage in manchen Winkeln. Der Rest war ein Leben in sehr bescheidenen Verhältnissen.

Der üppige Kapellenbildstock in Anger verweist auf ein Unglück. – (Foto: Martin Krusche)
Der üppige Kapellenbildstock in Anger verweist auf ein Unglück. – (Foto: Martin Krusche)
Offenbar war ein Holztransport schiefgegangen. – (Foto: Martin Krusche)
Offenbar war ein Holztransport schiefgegangen. – (Foto: Martin Krusche)
In Miesenbach findet man einen Kreuzweg mit ziemlich kuriosem Verlauf. – (Foto: Martin Krusche)
In Miesenbach findet man einen Kreuzweg mit ziemlich kuriosem Verlauf. – (Foto: Martin Krusche)
Es gab zwischendurch freilich auch Leute, die das Wirtschaften weit besser „verstanden“. Ausnahmeerscheinungen. Man brauchte überdies Glück. Schlechtes Wetter, krankes Vieh oder kranke Leute beim Haus konnten einen Betrieb ruinieren. Gegen Unfälle oder Mißernten war man nie gefeit. Gelegentlich fielen auch feindliche Horden ein. Egal, was einen treffen mochte, wenn jemand „fertiggemacht hat“, also pleite ging, konnte das der Familie noch über Generationen als Makel anhängen.

Wo Mistus, da Christus mitten in Koglhof. - (Photo: Martin Krusche)
Wo Mistus, da Christus mitten in Koglhof. - (Photo: Martin Krusche)

Inmitten solcher Verhältnisse waren Klöster hoch organisierte, leistungsstarke Betriebe in Zeiten, wo es kaum Vergleichbares gab. Seit 1163 besteht in Vorau ein Stift der Augustiner-Chorherren. Gerade solche Klöster sind ja der Grund, warum es Unfug ist, vom „finsteren Mittelalter“ zu sprechen. Das waren, wie angedeutet, wirtschaftlich, kulturell und sozial bedeutende Einrichtungen.

Derlei Betriebe haben einst auf weit abseits vom Landeszentrum gelegene Orte sicher einen günstigen Einfluß gehabt. So erklärt sich auch, was mir im Museum an der großen „Stube Zenzl im Graben“ auffiel. „Ihr habt aber ein paar ungewöhnlich gut situierte Bauern in eurer Gegend gehabt“, sagte ich zur Frau, die den Museumseingang betreute. Sie bestätigte das.

Auf meinem Rundgang, den ich in mehreren Schleifen absolviert hab, gefiel mir die kompakte Anordnung der ganzen Anlage, in der eine beeindruckende Fülle von Exponaten verwahrt ist. Das könnte einen recht verwirren. Aber ich fand die thematisch gebündelten Präsentationen sehr gut gelöst und die handschriftlich ausgeführten Beschreibungen äußerst nützlich. Wenn man schon etwas Ahnung von der alten agrarischen Welt hat, freut man sich über das dichte Angebot von Artefakten, darunter viele Stücke, die man vielleicht bisher erst aus Büchern und Erzählungen kannte.

Ist einem dieser Teil der Welt noch ganz neu, wird man am besten seiner spontanen Neugier und Laune folgen, sich von dem anziehen lassen, was man grade interessant findet. Doch selbst mit einigem Wissen über die versunkene agrarische Welt hab ich gemerkt, daß es letztlich dreier Durchgänge bedarf, um das Angebot ausschöpfen zu können.

(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)

Erst einmal der Antrittsbesuch, also der erste Durchgang. Dabei sollte man nicht vergessen, sich das Handbüchlein zum Museum zu kaufen. Es ist für fünf Euro sehr günstig im Preis und jeden Cent wert. Angesichts der detaillierten Beschriftungen vor Ort scheint es mir zum ersten Rundgang nicht unbedingt nötig. Aber danach! Das Lesen des Büchleins ist der zweite Durchgang. Man sollte sich dafür Zeit nehmen.

Ich hab an der Lektüre sehr geschätzt, daß wichtige Erklärungen der Exponate enthalten sind und vieles über deren Gebrauch erzählt wird, über die Lebens- und Arbeitszusammenhänge. Die rund 120 Seiten starke Publikation macht einen auf einen zweiten Besuch des Museums neugierig, denn das Gelesene wird einen wohl mit anderen Augen durch die Anlage gehen lassen.

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