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Hacker im Netz: Die Welt an der Leine #

Der digitalisierte Globus dreht sich nach neuen Regeln. Der amerikanische Politstratege Adam Segal zeigt in seinem neuen Buch auf, dass die althergebrachten Machtstrukturen damit fragiler werden, viel zerbrechlicher als viele es zu glauben scheinen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 23. März 2017)

Von

Adrian Lobe


Hillary Clinton
Krieger aus dem Netz. Hacker arbeiten für Regierungen, wie auch der US-Wahlkampf und die Cyberangriffe auf die Demokraten und ihre Kandidatin Hillary Clinton klar zeigten.
Foto: AFP / Robyn Beck

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Am 23. April 2013 verbreitete die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) über ihren Twitter-Account eine Eilmeldung über zwei Explosionen im Weißen Haus und einen verletzten Barack Obama. Die Meldung versetzte das Internet und die Börsen in Aufregung, der Dow Jones stürzte binnen weniger Minuten um 145 Punkte ab. Doch bei dem Tweet handelte es sich um eine Falschmeldung. Die „Syrische Elektronische Armee“ hatte das Twitter-Konto der AP gehackt und die fingierte Eilmeldung an über 1,9 Millionen Follower verbreitet. Der Account wurde daraufhin gesperrt. Zwar gab die Nachrichtenagentur über mehrere Kanäle Entwarnung und erklärte die Nachricht für falsch, doch die Glaubwürdigkeit der AP war mit einem Schlag angekratzt.

Mit dem Ursprung solcher Ereignisse beschäftigt sich Cybersicherheits-Experte Adam Segal in seinem Buch „The Hacked World Order: How Nations Fight, Trade, Maneuver, and Manipulate in the Digital Age“ (PublicAffairs, 2016). Die zentrale Erkenntnis schwingt bereits im Titel mit: Die Weltordnung selbst ist gehackt. Denn die Theorien der Internationalen Beziehungen gehen von Staaten als Akteuren aus, die primär nach Sicherheit streben und in einem relativ stabilen System ähnlich wie Billardkugeln agieren. Durch die Digitalisierung ist die Ordnung aber ins Wanken geraten. Die „ortlose“ Präsenz des Internets bringt es mit sich, dass elektronische Armeen über tausende Kilometer Entfernung die Sicherheitsarchitektur eines Staates destabilisieren können – auch ohne Spuren zu hinterlassen. Die Gefahr kommt auf leisen Sohlen. Hacker machen nicht an Landesgrenzen Halt.

Segal seziert diese neuen Interdependenzen mit analytischer Schärfe. Die Cybermacht, so seine These, resultiert nicht aus dem Know-how der Technologiekonzerne. Nordkorea etwa, das Diktator Kim Jong-un in einen Steinzeitkommunismus zurückkatapultiert hat, verfügt über keine Technologieunternehmen und nicht mal genügend Elektrizität, um das Land zu versorgen. Es ist hermetisch von der Außenwelt abgeschottet. Das „Internet“ ist in Wirklichkeit ein Intranet, ein Staats-Betriebssystem mit ein paar hundert Seiten. Nur einer kleinen Elite ist es vorbehalten, das World Wide Web zu nutzen. Und doch scheuten nordkoreanische Hacker nicht davor zurück, „disruptive und destruktive Attacken“ zu lancieren, so Segal.

Cyber-Weltmächte #

Auch der Iran nutzt Cyberattacken als Teil der asymmetrischen Kriegsführung. Auf der anderen Seite gewinnen kleine Mächte wie Estland, Heimat des Telefondiensts Skype und zahlreicher anderer Start-ups, oder Regionalmächte wie Israel, wo Premierminister Benjamin Netanjahu zur „Welt-Cyber-Macht“ aufrüsten will, im internationalen System an Gewicht. Aus den Interaktionen dieser Mächte resultiere die neue, die gehackte Weltordnung, schreibt Segal. Das Kennzeichen dieser neuen Ordnung sei die Anarchie. „Der Cyberspace ist der Wilde Westen oder ein feudaler Platz.“ Daten sind gleichsam Munition und Machtressource dieses internationalen Systems.

Dass der Vorgänger des Internets, das ARPANET, eine vom US-Verteidigungsministerium entwickelte Militärtechnologie, zum Exerzierfeld geopolitischer Machtkämpfe geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Zwar sind Institutionen wie die Internetverwaltung ICANN oder das World Wide Web Consortium, die eine Art Global Governance des Internets praktizieren, in den USA ansässig, doch haben sie sich von der US-Regierung distanziert.

Washington hat keinen Durchgriff auf diese Organisationen. In der gehackten Weltordnung sind auch die USA verwundbar, resümiert Segal. Das hat auch der US-Wahlkampf deutlich gezeigt. Die Rolle des Weltpolizisten fällt zunehmend Tech-Giganten wie Google oder Facebook zu, die mit ausgefeilter Software Videos filtern und die Definitions- und Deutungshoheit darüber bekommen, was als Terrorismus gilt. Ob Google oder Facebook Ordnung in die zuweilen anarchische Informationswelt bekommen und eine neue Pax Digital Americana institutionalisiert wird, lässt Segal offen.

Segal meint zwar, dass Cyberattacken kurzfristig weniger Schäden anrichten können als Militärschläge. Gleichwohl könne die unklare Urheberschaft von Cyberattacken und Sabotageakten zu diplomatischen Krisen führen, an deren Ende vielleicht wieder Kriege stehen.

DIE FURCHE, Donnerstag, 23. März 2017