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Wenn Mensch und Maschine verschmelzen#

Technologie wird 2050 nicht mehr die Triebfeder, sondern ganz normaler Alltag sein - mit seltsamen Auswirkungen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 30. Dezember 2018

Von

Gregor Kucera (wahrscheinlich)


Wiener Zeitung-Grafik
Grafik: Wiener Zeitung

Erde. Es gibt einfache Prognosen und ziemlich schwierige. Zu Letzteren gehört definitiv die Frage nach dem technologischen Fortschritt der Menschheit bis zum Jahr 2050. Fest steht, dass Technologie nicht mehr ein isoliertes Thema für einige Konzerne und Wissenschafter sein wird, die die Normalsterblichen vor sich hertreiben. Nein, Technik wird ein fixer, ein wesentlich unauffälliger, weil alltäglicher Begleiter sein. Man wird gar nicht mehr über Technologie im Alltag reden müssen, weil sie so selbstverständlich sein wird.

Nun gut, wie soll man mit einer Prognose beginnen? Vielleicht so: Mehr als 30 Jahre sind es noch bis zum Jahr 2050 - viel Zeit, was den möglichen technologischen Fortschritt betrifft. Denken Sie an 1988 zurück: Die ersten Mobiltelefone wurden noch im Auto mitgeführt. Das Internet war ein Schatten seiner selbst, die Computer hießen noch "Freundin" (Amiga), und noch wusste niemand, ob sich dieses seltsame Windows, gerade in der zweiten Version erschienen, wirklich durchsetzen würde. Isaac Asimovs Robotergesetze wurden heiß diskutiert, man glaubte sich nun aber bald in der Lage, den Menschen künstlich nachzubauen. Auch das menschliche Gehirn sollte bald schon in einem Rechner stecken, immerhin dachte man damals noch in Großrechnerdimensionen. "Star Trek" gab immer noch vor, wie es einmal sein sollte: Beamen, Replikatoren, Laser, Communicator & Co. seien hier erwähnt. Aber auch 30 Jahre später waren dies die Themen.

Das Konstante in der Welt#

Immerhin, es gibt auch große Konstanten in der wunderbaren Welt des technologischen Wandels. Es darf daher nicht überraschen, wenn auch 2050 immer noch über das Beamen geredet wird, so weit sind wir ja dann doch nicht. Und auch der Nachbau des menschlichen Gehirns ist weiterhin in aller Munde. Unsterblichkeit - so lautete der Wunsch der großen, reichen IT-Vordenker rund 30 Jahre davor. Auch wenn der Körper weitaus länger in Schuss gehalten werden kann, noch ist das Gehirn nicht transferierbar. Was soll man in einem Menschenleben mit Unsummen an Geld anfangen, zu kurz ist die Zeit, um es auszugeben. Also ist die Verlängerung des Lebens die Triebfeder der Innovation.

Das menschliche Gehirn hat ähnlich viele Rechenelemente wie die weltweit größten Supercomputer, braucht dabei aber nur einen Bruchteil von deren Energie. Und es lernt außerdem ständig dazu. "Brain-inspired Computing" ist deshalb ein wichtiges Zukunftsthema: das Gehirn als Plattform oder zumindest als Vorbild für neue Rechner, Wissensspeicherung und Verknüpfungsmöglichkeiten. Das Gehirn als Plattform bedeutet nichts weniger, als dass es neue Kommunikationsformen geben wird. Viele Innovationen des Jahres 2050 sehen wir jetzt schon mehr oder weniger nahe und klar vor uns, was aber werden sich für reale Szenarien ergeben? Was bedeutet es, wenn das Leben ohne Technik gar nicht mehr vorstellbar ist? Das Smartphone wurde zunächst immer größer, neue Akkutechnologien - ja, es gab ein paar kleine Zwischenfälle mit explodierenden Endgeräten, das passiert - haben Einzug gehalten, aber irgendwann war das Herumschleppen lästig.

Virtuelle Telepathie#

In den 40er Jahren des 21. Jahrhunderts ging daher das Schlagwort "Virtuelle Telepathie" durch die Welt. Datenspeicher, Displays und Kommunikationstechnologie wurden danach direkt in den Köper eingepflanzt und ermöglichten eine neue Art der Kommunikation. Die Probleme von Computerschädlingen und Gedankenspionage waren dabei jahrzehntelang die größte Herausforderung. Die Chips haben Ausweise ebenso abgelöst wie Kredit- und Kundenkarten. Der Mensch wurde kartenlos, vollkommen digital identifizierbar.

Noch ist Geld nicht vollkommen verschwunden, aber digitale Währungen, die auch über erwünschtes Sozialverhalten von Staaten ausbezahlt werden, sind nicht mehr aufzuhalten. Und auch die Frage, was man als Mensch aufnehmen und im Gehirn speichern darf, hat Hersteller, Kunden und Anwälte - beziehungsweise deren vollautomatisierte Rechtsalgorithmen - sehr, sehr intensiv beschäftigt. Muss wirklich jede Erinnerung an den sturzbetrunkenen Onkel Karli bei den Familienfeiern abgespeichert bleiben? Jede körperliche Zuneigung über ein Menschenleben lang? Muss man alle Erinnerungen an Ex-Freunde löschen? Lassen sich Traumata einfach auslöschen? Darf man Persönliches telepathisch teilen? Apropos teilen: Das Ende der Sozialen Netzwerke ist auch schon einige Jahre her. Man erinnert sich längst nur noch aus Erzählungen an die diffuse Datenschleuder Facebook.

Die großen technologischen Errungenschaften dieser Zeit betreffen jedoch Verkehr, Umwelt und Energie. Weltweite Stromcluster sorgen für einen umfassenden Stromaustausch über Landesgrenzen hinweg (von denen es übrigens immer weniger gibt, da die globalen Probleme nicht mehr an nationalen Grenzen scheitern durften) und versorgen Menschen und intelligente Bauwerke stetig mit Energie. Die Zerstörung der Regenwälder und der Meere konnte nicht wie erhofft gestoppt werden, aber ein wesentlicher Faktor für neue Technologien ist die Nachhaltigkeit geworden.

Heiß umkämpfter Luftraum#

Der Luftraum in den Städten ist heiß umkämpft von vollautomatisierten Drohnen und Beförderungsvehikeln. Neue Innovationen in der Landwirtschaft haben dazu geführt, dass Städte mittlerweile auch die größten Produzenten von Lebensmitteln sind. Die Besiedlungen des Mondes war kein Erfolg, dafür ist der Mars nun das Ziel aller Wünsche und Projektionen. Gemeinsam mit dem großen Aussterben ganzer Berufsgruppen hat dies zu einer neuen Wertschätzung von zwischenmenschlicher Interaktion und Handwerk geführt sowie zu einer neuen Renaissance.

Die rasante Innovation der Technik hat natürlich auch vor anderen Bereichen des Lebens nicht haltgemacht. Die großen Sportverbände sehen sich 2050 gezwungen, wieder einmal neue Kategorien einzuführen. Schon vor Jahrzehnte mussten Versuche, im Fußball Menschen gegen Roboter antreten zu lassen, eingestellt werden, da sowohl die Ergebnisse als auch die Anzahl der Knochenbrüche die Menschen als klare Verlierer auswiesen. Und eine reine Roboterliga stieß auf wenig Interesse (auch wenn 2042 erstmals das Aufladen mit Energie auf den Zuschauerrängen für die Roboterbesucher kostenlos möglich war) und wurde wieder eingestellt.

Arbeitslose Sportroboter#

Das juristische Nachspiel dauert hingegen noch an, da Anwälte der nun arbeitslosen Sportroboter bis vor den Weltgerichtshof zogen. Die Para- und Special Olympics sind seit geraumer Zeit nicht mehr für Menschen mit Behinderung geöffnet - weil es aufgrund medizintechnischer Fortschritte und der weltweiten Legalisierung von Eugenik und Stammzellenforschung keine Behinderungen und Krankheiten mehr gibt. Stattdessen gibt es nun eigene Kategorien für Cyborgs, also Menschen mit technologischen Verbesserungen, sowie Lebewesen und Menschenähnliche, die mit Technologie verschmolzen sind. Ein früherer Vorschlag, bei den Special Olympics nur noch Menschen ohne Verbesserungen und Implantate zur Leistungssteigerung antreten zu lassen, wurde abgelehnt.

Die große Frage nach der (sinnvollen) Nutzung der freien Zeit, die Automatisierung, Selbstoptimierung, Algorithmen und menschenähnliche Lebensformen (Humanlike Lifeform, kurz HULF) gebracht haben, erreicht im Jahr 2050 gerade einen neuen Höhepunkt. Was soll man wissen müssen? Wie viel Wert hat Gesellschaft, wenn man doch an der Unsterblichkeit arbeitet? Selbst die klügsten Algorithmen können diese Frage nicht befriedigend beantworten. Man hat sich auch ein bisschen von den Wertungen und Einteilungen der Maschinen distanziert, nachdem die Antwort auf die erste Frage der Menschen an die Maschinen - "Wie können wir der Umweltzerstörung bestmöglich und rasch Einhalt gebieten?" - lautete: "Entfernen Sie alle Menschen von diesem Planeten!"

Es ist also immer noch nicht alles entdeckt und erforscht, es wird immer noch Neues geben. Keine Sorge, es müssen auch 2050 immer noch nicht alle Lebensformen programmieren können - es gibt Programmieren ohnehin in dieser Form gar nicht mehr. Auch lernen nicht, wie einst prophezeit, alle Menschen Chinesisch - weil nämlich erstens Indien das bevölkerungsstärkste Land der Erde geworden ist und zweitens überall Universalübersetzer in Echtzeit grammatikalisch einwandfrei dolmetschen.

Und ja, es gibt auch immer noch Medien. Sie erleben sogar eine neue Blüte, die freie Zeit macht es möglich. Wer die Artikel dann schlussendlich schreibt, ist egal. Schließlich weiß eigentlich niemand so ganz sicher, ob der vorliegende Text nicht auch von einem Roboter verfasst wurde. Wenn er zu viele Fehler enthält und die Prognosen nicht stimmen, dann sicher. Sehr sicher. Denn heutzutage ist die Technik ja noch nicht fehlerfrei.

Wiener Zeitung, 30. Dezember 2018