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Gendenktafel für iranische Studenten an der TU Graz#

Am 7. November 2016 wurde im Hautpgebäude der TU Graz, Rechbauerstr.12 in Anwesenheit von viel Prominenz eine Gedenktafel für die vielen (tausende!) iranische Studenten enthüllt, die an der TU Graz studierten. Viele von Ihnen kehrten nach dem Studium nach Iran zurück, andere blieben in Graz und waren hier in viele Berufen sehr erfolgreich.

Monadjem
Dr. Monadjem
Als Repräsentant der Iraner in Graz hielt Dipl.-Ing. Dr. techn. Hamid MONADJEM nach den Ausführungen der Ehrengäste folgenden viel beachteteten Vortrag.

  • Magnifizenz,
  • sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender,
  • Exzellenz,
  • verehrte Frau Landtagspräsidentin,
  • sehr geehrter Herr Gemeinderat,
  • verehrte Herren Bürgermeister a.D. Dr. Alexander Götz und Alfred Stingl,
  • geschätzte Professoren und Assistenten, aktive und außer Dienst,
  • sehr geehrte Herren Präsidenten der Ingenieurkammer, derzeitiger und frühere,
  • liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland,
  • verehrtes Publikum:

In der Zeit, als ich nach Graz kam – vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert – bildeten die mehr als tausend Studierenden aus dem Iran das größte Kontingent der ausländischen Studierenden in Graz. Bedenkt man, dass lt. Wissenschaftsministerium im Studienjahr 2015/16 im gesamten Bundesgebiet rd. 2.000 Studierende aus dem Iran registriert waren, war die Zahl der iranischen Studentinnen und Studenten in jenen Jahren in Graz doch beachtlich.

Schon in den 1950er-Jahren kamen die ersten jungen Iranerinnen und Iraner zwecks Studium nach Graz. Dieser Zug dauerte bis in die 1980er-Jahre, stark verlangsamt auch danach bis in die Gegenwart. Heute findet man die meisten iranischen Studierenden in Graz an der Musikuniversität, in der Mehrzahl Frauen, wie die zwei jungen Damen auch, die wir am Anfang spielen hörten. Es gab also in der zweiten Hälfte des vorigen Jhs. über einen Zeitraum von etwa drei Dekaden eine große iranische Community an den Grazer Universitäten, die meisten von ihnen an der Technischen Hochschule. Eine marginale Zahl von ihnen blieb nach dem Studium in Österreich oder ging anderswohin in der nördlichen Hemisphäre. Die anderen kehrten zurück nach Iran.

Viele von ihnen verließen aber nach der islamischen Revolution das Land und bauten in anderen Regionen der Welt neue Existenzen auf, in den USA, Kanada, Europa und Australien. Einige kamen auch wieder zurück nach Österreich.

Unter diesen ehemaligen Studierenden der TU Graz haben wir heute Universitätsprofessoren, erfolgreiche Ingenieure und Unternehmer, nicht nur im Iran und in Österreich, sondern auch in anderen Ländern Europas sowie in den USA, in Kanada, Australien und anderen Teilen der Welt.

Sie alle sind Repräsentanten der TU Graz in der großen weiten Welt und tragen mit Stolz die Herkunft ihrer universitären Ausbildung in ihren Profilen.

So wundert es nicht, dass im Laufe der Jahrzehnte viele steirische und andere österreichische Unternehmen, Betriebe, Einrichtungen und Institutionen im Gegenzug von diesen Kontakten profitierten. Brücken und Multiplikatoren, die allerdings zunehmend verschwinden.

Sehr geehrter Herr Rektor, Sie selbst begegneten sogar im Mekka der Technologie, im Silicon Valley, einen solchen „iranischen Grazer“. Als Sie nämlich im November 2015 mit Ihrem Vize und einer Delegation des Steirischen Autoclusters ACstyria Silicon Valley besuchten, trafen Sie dort Prof. Moataghed, der an der Santa Clara University lehrt und für die Delegation auch eine Führung organisierte.

Wo diese ehemalige Grazerinnen und Grazer auch sind, sie alle haben einen besonderen Bezug zu Graz. Ist doch der größte Teil ihres schönsten Lebensabschnitts, ihrer Jugendjahre, mit Graz assoziiert! Hier haben sie Freundschaften geschlossen, manche sogar Familien gegründet.

In Teheran gibt es seit Jahrzehnten einen Stammtisch von Altgrazern. Dieser Kreis von immerhin noch ca. 30 Personen trifft sich einmal im Monat in einem Teheraner Lokal. Was die Mitglieder dieses Stammtisches verbindet, ist der Mythos von ihrer gemeinsamen Vergangenheit als Studentin oder Student in Graz.

Allein die Tatsache, dass heute unter uns auch Ex-Kommilitonen sind, die von weiter weg und zwar nicht nur etwa aus Wien oder Linz, oder sogar aus Nürnberg und Stuttgart, sondern selbst aus Teheran, teilweise mit ihren Familien, angereist sind, um eigens dieser Feierstunde beizuwohnen, unterstreicht die innige Verbundenheit dieser „Alten“ mit ihrer „Alma Mater“ und der Stadt Graz.

Die „ingenieurmäßige“ Verbindung zwischen Iran und Österreich im Allgemeinen und der Technischen Universität Graz im Besonderen hat aber schon viel früher begonnen. So wurden etwa die ersten Stadtpläne von Teheran Mitte des 19. Jhs. von einem Österreicher namens Krziz erstellt.

Brücke
Veresk Brücke
Photo: ninara in Wikipedia, unter CC BY 2.0
Anfang des 20. Jhs. spielten österreichische, speziell Grazer Vermessungs- und Bauingenieure beim Bau der transiranischen Eisenbahntrasse eine wesentliche Rolle. Die im Jahr 1936 fertiggestellte Veresk-Brücke im Alborzgebirge im Norden des Landes, eine als steinerne Bogenbrücke gebaute Eisenbahnbrücke, wurde unter der Leitung eines österreichischen Ingenieurs namens Walter Aigner geplant und ausgeführt. Walter Aigner hatte vermutlich an der Technischen Hochschule Graz studiert. Die insgesamt 273 m lange Brücke überquert mit einer Bogenspannweite von 66 m eine extrem steile und 110 m tiefe Schlucht.

Die Veresk-Brücke ist nach 80 Jahren auch heute noch in Verwendung.

Walter Aigner sah offensichtlich dieses Bauwerk ‒ eine Meisterleistung der Ingenieurkunst, nicht nur für die damalige Zeit! ‒ als sein Lebenswerk an, denn er soll seinem Wunsch entsprechend im lokalen Friedhof des Ortes Veresk, also unweit „seiner“ Brücke, begraben sein.

Auch die Tunnelbauten der besagten Eisenbahnstrecke tragen die Handschrift eines Grazer Ingenieurs, eines Mannes, der als Pionier des Tunnelbaus später Weltruhm erlangte, Ladislaus von Rabcewicz. Rabcewicz maturierte in Graz und studierte danach an der Technischen Hochschule Graz, später Wien, Bauingenieurwesen. Auch seine berufliche Laufbahn begann in der Steiermark.

Ladislaus von Rabcewicz war in den 1920er und 1930er-Jahren der verantwortliche Tunnelbauingenieur der transiranischen Eisenbahntrasse. Nach dem Krieg promovierte er an der Technischen Hochschule Graz zum Doktor der Technischen Wissenschaften. Der später weltweit tätige Rabcewicz wirkte auch bei der Entwicklung der sogenannten Neuen Österreichischen Tunnelbauweise federführend mit; eine heute weltweit praktizierende Methode, die den Tunnelbau nicht nur technisch revolutionierte sondern auch enorm verbilligte.

Mein verehrter Lehrer Prof. Veder sagte einmal, Rabcewicz habe ihm selbst erzählt, dass er (Rabcewicz) die Grundidee, die zur Entwicklung der Neuen Österreichischen Tunnelbauweise führte, den Erkenntnissen und Erfahrungen verdanke, die er während seiner Tätigkeit im Iran gewonnen hatte.

Es freut mich daher besonders, dass heute unter uns auch ein Enkel Rabcewicz anwesend ist. Er ist beruflich den Fußstapfen seines prominenten Großvaters gefolgt und ist heute Ordinarius am Institut für Felsmechanik und Tunnelbau in diesem Haus; Prof. Wulf Schubert!

Die immaterielle Verbindung zwischen Österreich und Iran reicht aber noch weit mehr zurück. Wollte man in diesem Kontext einen Big Bang definieren, dann nahm dieser seinen Ausgang mit Sicherheit auch von Graz. Ein Ereignis, das die Literatur der Sinnessphäre im Abendland, vor allem in der deutschen Sprache nachhaltig prägte.

Es war nämlich der in Graz aufgewachsene österreichische Pionier der Orientalistik Josef von Hammer-Purgstall, der in den ersten Jahren des 19. Jhs. eines der bedeutendsten Werke persischer Poesie und Geisteswelt aus dem Persischen ins Deutsche übersetzte, den Diwan des Dichterfürsten und Mystikers Hafez aus dem 14. Jh.

Als der Diwan von Hafez in der Übersetzung von Hammer-Purgstall zum ersten Mal in die deutsche Sprache Eingang fand, gehörte kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe zu seinen ersten Bewunderern und hingebungsvollsten Lesern. Von Hafez Diwan inspiriert, schrieb Goethe seinen berühmten Gedichtzyklus West-östlicher Diwan.

Geschätzte Anwesende, ohne den Grazer Hammer-Purgstall und seine Hafez- Übersetzung wäre der Himmel der Weltliteratur, vor allem der deutschen Lyrik, eines seiner leuchtendsten Sterne beraubt gewesen, ein Werk, das Hugo von Hofmannsthal als „eine Bibel“ bezeichnet und meint, dass Goethe damit seinem Vorbild und geistigen Weggefährten danken und ein Denkmal setzen wollte. [1]

Ein Meisterwerk, das nicht nur andere Dichter wie beispielsweise Friedrich Rückert inspirierte, sondern auch Komponisten wie Franz Schubert, Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Strauss oder Arnold Schönberg, nur, um ein paar zu nennen.

In Goethes Stadt Weimar erinnert ein Denkmal, zwei sich gegenüberstehende Stühle aus Granit, die ost-westlich ausgerichtet sind, an die Begegnung Goethes mit dem Diwan von Hafez. Es soll die miteinander verbundenen „Zwillingsbrüder im Geiste“, wie Goethe seine Beziehung zu Hafez formulierte, im Dialog darstellen. Auch in Shiraz, der Geburtsstadt Hafez im Iran, ist ein ähnliches Denkmal angedacht.

Verehrte Zuhörer, Sie sehen also, dass die Beziehung zwischen Graz und Iran vom genuin wechselseitigen Einfluss getragen wird und sich in vielfältiger Weise präsentiert.

Graz und Iran sind aber nicht nur durch das Vergangene miteinander eng verbunden. Diese Korrelation ist ein Kontinuum. Den bis dato letzten prägenden Abschnitt dieses gegenseitigen Austauschs bildete die starke Präsenz von Iranerinnen und Iranern in der zweiten Hälfte des 20. Jhs., die in Graz studierten, vor allem an der Technischen Universität, damals Technische Hochschule.

Geschätztes Publikum, wie das zuvor erwähnte steinerne Monument in Weimar, das an die geistige Verbundenheit zwischen den zwei Weltweisen Goethe und Hafez erinnert, soll am heutigen Tage auch die Verbundenheit der aus dem Iran stammenden Studierenden mit ihrer Technischen Universität Graz im wahrsten Sinne des Wortes „in Stein gemeißelt“, verewigt werden. In Analogie zu dem berühmten Kant’schen Prinzip sozusagen ein „metaphorischer Imperativ“!

An dieser Stelle soll gesagt werden, dass die Ex-Studierenden meines Semesters, also quasi Halbfossilien, sich in größerer Anzahl meistens nur dann treffen, wenn eine oder einer von ihnen das irdische Gewand abgelegt und sie für immer verlassen hat. Die heutige Feier bietet hingegen einen freudigen Anlass zum Wiedersehen, für manche nach Jahrzehnten!

Tafel
Gedenktafel im Foyer der TU Graz
Photo: H. Maurer, unter PD
Ich möchte daher hier im Namen aller betroffenen Anwesenden der TU bzw. Alumni Graz innigst Dank sagen, die mit der Übernahme und Organisation dieser Feierlichkeit dies ermöglichten.

Uns, die Ex-Studierenden freut und ehrt es besonders, dass heute nicht nur einige unserer Professoren und Assistenten von damals sondern auch prominente Zeitzeugen jener Periode an diesem Festakt teilgenommen haben: Verehrter Herr Bischof Emeritus Dr. Egon Kapellari und die geschätzten Herren Bürgermeister a.D. Dr. Alexander Götz und Alfred Stingl. Herr Altlandeshauptmann Dr. Josef Krainer, der einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hat, hat sich entschuldigt. Herr Ex-Landeshauptmann Mag. Franz Voves schrieb in einer persönlichen Note… Nicht nur manche ehemalige Professoren und Assistenten, sondern auch einige der genannten Honoratioren haben persönliche Erinnerungen aus jener Zeit: Exzellenz, Sie waren in den 60er-Jahren als Leiter des Afro-Asiatischen Instituts im engen Kontakt, auch mit iranischen Studierenden und kennen einige sogar persönlich gut.

Verehrter Herr Dr. Götz, Sie waren in den 70er-Jahren als amtierender Bürgermeister der Stadt Graz in offizieller Mission in Teheran. Für zwei Absolventen der TU Graz war es damals eine Freude und Herzensangelegenheit Ihnen Teheran privat und abseits offizieller Programme zu zeigen.

Prof. Kostka, der ebenfalls heute hier ist, sagt selbst, dass seine zahlreichen Expeditionen in den Iran in mehr als dreißig Jahren und die daraus hervorgegangenen beachtenswerten Bücher und Beiträge, die auch veröffentlicht wurden, ohne die Bekanntschaft und freundschaftliche Verbundenheit mit den ehemaligen iranischen Studenten der TU Graz nicht möglich gewesen.

Als in den 70er-Jahren mein geschätzter Lehrer Prof. Veder mit der Mannschaft seines Instituts, das Institut für Bodenmechanik und Grundbau, im Rahmen einer Exkursion im Iran, in Teheran weilte, konnten er und seine Mitarbeiter die Gastfreundschaft eines seiner früheren Studenten schätzen lernen. Sie waren nämlich beim Kollegen Mohadjer, der heute auch unter uns ist zum Essen eingeladen und da staunten die Gäste nicht schlecht als sie einen für Teheran exotisch anmutenden Schweinsbraten mit Sauerkraut und Semmelknödeln serviert bekamen, den die liebe Frau Mohadjer, die auch heute anwesend ist, zubereitet hatte.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, eines kann ich vielleicht nicht ausnahmslos für alle, aber mit Sicherheit für die meisten der ehemaligen iranischen Studierenden der Grazer Universitäten, speziell der TU Graz sagen. Sie alle haben ihre Wurzeln in ihrem Geburtsland Iran und sind dort mit ihren Kindheits- und Teenagererinnerungen und -träumen verankert, wie die meisten Menschen in der Welt auch. Ihr innerer Kompass aber zeigt nach Graz! Die innige Beziehung dieser „Altgrazer“ zu Graz manifestiert sich zuweilen in mehr banalen Dingen auch: Einer von uns beispielsweise, der mittlerweile seit vier Jahrzehnten in Nürnberg lebt und wie schon gesagt auch heute hier ist, ist nämlich ein Fußballfan. Er lässt die Spiele von zwei Mannschaften im Fernsehen nie aus: Jene seines FC Nürnberg und die von Sturm Graz. Wenn ich mal den Zwischenstand eines Sturmspiels in Graz wissen will, brauche ich nur ihm nach Nürnberg ein SMS zu schicken!

Diese Verbundenheit, diese Symbiose von doppelter Zugehörigkeit bringt Goethe in einem Brief an seinen Freund Carl Friedrich Zelter pointiert zum Ausdruck. In seinem Genius beschreibt Goethe seine Standortorientierung in Bezug auf Orient und Okzident, wie sie im West-östlichen Divan fassbar wird, als „zwischen zwei Welten schwebend“. [2]

Hugo von Hofmannsthal hat für dieses Schweben zwischen zwei Welten den prägnanten Terminus „doppeltblickend“ gewählt. [3]

Die zwei Welten, Orient und Okzident, in unserem Fall Iran und Graz - und im weitesten Sinne Österreich - sind für meinesgleichen tatsächlich „schwebend“. Das Schweben vermeidet harte Grenzziehungen und den Zwang des aristotelischen „entweder/oder“; es wird durch das “sowohl/als auch“ ersetzt. In Goethes Worten: Sinnig zwischen beyden Welten Sich zu wiegen lass ich gelten, Also zwischen Ost und Westen Sich bewegen sey zum besten! [4]

[1] Hugo von Hofmannsthal: Goethes ‚West-östlicher Divan, Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Band 8, Reden und Aufsätze I, Fischer, Frankfurt 1986, S. 438
[2] Goethe-Jahrbuch 117, 2000, S. 13-17
[3] Hugo von Hofmannsthal: Goethes ‚West-östlicher Divan’, in Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Hg. von Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch, Frankfurt am Main 1975, Bd. 8, S. 430
[4] Johann Wolfgang Goethe - West östlicher Divan, Hg. Von Michael Knaupp, Reclam Verlag, 2000