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14.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 71
logisch nachteilige Wirkung hervorrufen kann. Nicht erstaunen kann auch, dass
im „gemeinen Volk“ bei derartiger Entwicklung auch Österreich gern als gegebe-
nenfalls dazugehörig (jedenfalls willkommen) betrachtet wird. Selbstverständ-
lich erhalten auch Spekulationen über Wiederherstellung Mitteleuropas in Do-
naumonarchie-ähnlicher Form, einschließlich der vereinigten beiden deutschen
Staaten, neue Nahrung – zusätzlich gefördert durch in internationaler Presse ge-
streuten Artikel des italienischen Außenministers3 über 4[er]-Treffen der AM4
(über das Botschaft auch weiterhin nur aus Zeitungsmeldungen weiß).5
In all dieser Ungewissheit und angesichts erhitzter Öffentlichkeit ist es für
Bundesregierung nicht leicht, Besonnenheit zu behalten und zu predigen, ohne
von eigener Bevölkerung überrollt zu werden. Lt. engem Mitarbeiter des CDU-
Generalsekretärs6 müsse Bundesregierung aber zunächst abwarten, welche poli-
tischen Rahmenbedingungen die DDR abstecke. Krenz habe Flucht nach vorne
angetreten, doch müsse sich erst zeigen, ob er sich durch kühne neue Schritte
(Welche? Abriss der Mauer?) halten könne oder abgewählt (und z. B. durch
Modrow ersetzt) würde. Jedenfalls könne GS nicht mehr zurück, SED-Basis wolle
grundlegende Veränderungen, mittlere Funktionäre fürchteten andererseits um
ihre eigene Position.
Botschaft hält erzwungene Grenzöffnung für gewagten Schritt, dessen Aus-
wirkungen auf Auswanderungssog und Demokratisierungsdruck der Bevölke-
rung sich erst über längeren Zeitraum erweisen muss. Jedenfalls wurde damit
DDR-Problem verstärkt auch zu Problem der BRD, die schon mit bisherigen DDR-
Übersiedlern beträchtliche Schwierigkeiten hat und innenpolitische Rückwir-
kung bei nächsten Parlamentswahlen einberechnen muss: nicht umsonst verstär-
ken sich seit Grenzöffnung die Appelle von BRD-Politikern, DDR-Bürger mögen
in ihrem Land für Veränderungen eintreten.
Eine 4-Mächte-Konferenz werde lt. Gesprächspartner die Entwicklung nur
verzögern und zudem durch rasante Entwicklung ständig überholt. Sicherlich
will Bundesregierung diesen Gedanken aus SPD-Kreisen7 auch deswegen nicht
aufgreifen, weil sie nicht internationale, angesichts objektiver Situation zumindest
verfrühte, Wiedervereinigungsdebatte lostreten bzw. verstärken will. Sicher aber
auch weil es sich um SPD-Idee handelt.
3 Gianni De Michelis, Minister für Auswärtige Angelegenheiten Italiens (1989–1992), siehe Per-
sonenregister mit Funktionsangaben. Für die deutsche Übersetzung des Artikels siehe: Gianni
De Michelis, Ein Ansatz für Mitteleuropa, Das Vierer-Treffen will den habsburgischen Geist
der „Welt hinter den Nationen“ wiederbeleben, in: Die Zeit, 10. November 1989.
4 Gemeint ist das Treffen der Außenminister Italiens, Jugoslawiens, Österreichs und Ungarns
am 11. und 12. November 1989 in Budapest. Siehe dazu Dok. 70, Anm. 5.
5 Dieser Satz wurde durch Calligaris am Seitenrand handschriftlich markiert.
6 Volker Rühe, Generalsekretär der CDU (1989–1992), siehe Personenregister mit Funktions-
angaben.
7 Insbesondere Egon Bahr, Günter Gaus und Walter Momper betonten die Verantwortung der
Vier Mächte. Siehe dazu z. B.: Daniel Friedrich Sturm, Uneinig in die Einheit. Die Sozialde-
mokratie und die Vereinigung Deutschlands 1989/90, Berlin 2006, S. 199, 204, 212.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99