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24.11.1989: Gespräch Vranitzky – Modrow
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Dok. 78
Dok. 78: Gespräch Vranitzky – Modrow, 24.11.1989
Aktenvermerk, Eva Nowotny, Wien, 24. November 1989, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1989, GZ. 518.01.12/891
Gespräche des Herrn Bundeskanzler mit Ministerpräsident Modrow, 24.11.1989
Ministerpräsident Modrow dankt eingangs für den Besuch, der gerade in der der-
zeitigen Situation der DDR besonders wichtig sei und hoch eingeschätzt werde.
Zur inneren Lage der DDR sei zunächst folgendes zu sagen:
Der Rücktritt der alten Regierung2 und der Beginn von Reformmaßnahmen
haben sich über jedes verständliche Maß hinaus verzögert. Dadurch sei die Be-
völkerung, vor allem aber die „Fraktion der Jugend“3 aktiv geworden, und der
Rücktritt der alten sowie die Bildung der neuen Regierung haben sich vor dem
Hintergrund massiver Demonstrationen und Kundgebungen vollzogen. Es sei
ihm wenig Zeit für die Regierungsbildung, wie auch für die Erstellung eines Ar-
beitsprogrammes geblieben.
Als erster Schritt habe er sich dazu entschlossen, die Regierung zu verkleinern
(Koalitionsverteilung 28:11). Das sei eine gute Entscheidung gewesen, die auch
öffentliche Zustimmung gefunden hätte. Die Diskussion um die Wahl des neuen
Präsidiums sowie die Befragung der alten Regierung in der Volkskammer seien
ebenfalls gut gewesen, weil durch sie viel Dampf abgelassen worden sei. Er sei
sich bewusst, daß er mit einem Vertrauensvorschuss lebe, der jederzeit abgefor-
dert werden könne. Nunmehr gelte es, diesen Vertrauensvorschuss in wirkliches
Vertrauen umzumünzen.
Die politische Situation im Lande sei sehr kompliziert. Der etablierte politische
Einfluss sei nicht mehr bedeutsam. Durch die Kundgebungen und Demonstratio-
nen hätten sich neue politische Bewegungen und Kräfte artikuliert, die nunmehr
einbezogen werden müssten. Er habe das Angebot für einen runden Tisch unter-
breitet, das auch mehr oder weniger akzeptiert worden wäre.4 Er halte das für
einen wichtigen Teil seiner politischen Arbeit. Einerseits müsse man auf die Stim-
1 Der Aktenvermerk wurde von Eva Nowotny am 2. Dezember 1989 abgeschlossen und am
4. Dezember unter dem Betreff „DDR-Besuche [sic!] des Herrn Bundeskanzlers
– Gesprächs-
notiz“ an das Kabinett des Bundesministers übermittelt. Der Leiter des Kabinetts Botschafter
Emil Staffelmayr zeichnete das Schriftstück am 4. Dezember ab und es wurde von der Sektion
II übernommen. Im Gegensatz zum unter GZ. 518.01.12/3-II.3/89 abgelegten Besuchsbericht
der Botschaft vom 24. November, der auf Veranlassung des Leiters der Abteilung II.3 Ernst
Sucharipa bereits am 27. November an die österreichische Botschaft Bonn und die Delegation
Berlin sowie in gekürzter Form an die österreichischen Vertretungsbehörden gemäß Liste
KSZE weitergeleitete wurde, erfolgte offenbar keine Zirkulation des hier wiedergegebenen
Aktenvermerks.
2 Die Regierung trat am 7. November 1989 zurück.
3 Mit dieser Formulierung dürfte die allgemein wachsende Unzufriedenheit jüngerer Men-
schen in der DDR gemeint sein, darunter wohl auch in steigendem Maße die organisierte
Parteijugend.
4 Der Runde Tisch wurde am 7. Dezember 1989 konstituiert. Siehe Dok. 94.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99