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29.11.1989: Bericht Botschafter Grubmayr
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Dok. 81
Wiederaufbau und die sozialen Einrichtungen betrifft, jahrzehntelang vernach-
lässigt und daher sei von dort aus der Druck besonders stark. Er, König, habe auch
schon immer dafür plädiert, die Ausreisebestimmungen zu lockern. Man hätte da
nach anfänglichen „Auswanderungsverlusten“ die Lage wahrscheinlich stabilisie-
ren können. Außerdem hätte man schon nach Helsinki (1975) mit der personellen
Erneuerung der Führung beginnen sollen. Alle diese Versäumnisse hätten den
Druck verschärft und die jetzigen überstürzten Prozesse ausgelöst.
4) Als ich ihn auf den Wiedervereinigungsplan Bundeskanzler Kohls6 an-
sprach, meinte er zu meiner Verblüffung, einen solchen Stufenplan allmählich
verstärkter Zusammenarbeit hätte man schon vorher in der DDR ausarbeiten sol-
len. Im Übrigen hält er die Eventualität einer vollkommenen staatlichen Wieder-
vereinigung für nicht sehr realistisch, da ja der Westen eher gegen einen solchen
Zusammenschluss sei und, so fügte er lachend hinzu, „sie in Österreich wollen
das ja wohl auch nicht?“
5) Als ich ihn auf das Verhältnis zur EG ansprach, sagte er, hier habe seine Re-
gierung einmal rechtzeitig einen guten Schritt gesetzt. (die Implikation, dass er
viele andere Schritte seiner Regierung für nicht gut ansieht, lag auf der Hand).
Indem sie vor dem kürzlichen EG-Gipfel in Paris7 an Präsident Mitterrand ein
Schreiben richtete,8 in dem um Beschleunigung der schon in Gang befind lichen
Verhandlungen DDR-EG gebeten wurde. Der französische Staatspräsident hätte
diesen Gedanken auch aufgegriffen und man hoffe hier möglichst bald zu einem
Abschluss mit Brüssel zu kommen. Weitere Pläne etwa in Richtung auf eine As-
soziation oder einen Betritt wurden laut meinem Mitredner in Berlin derzeit
nicht erwogen. Die Aussage eines sowjetischen Pressesprechers, die DDR könne
der EG beitreten, wenn sie nur im WP verbleibe, tat er als unfundiertes Gerede
ab. „Überhaupt gibt es jetzt hier zu viele verschiedene Meinungen, man hat den
Eindruck, dass eigentlich keine einheitliche Position zu verschiedenen wichtigen
Fragen existiert.“
Herr König ist schon seit mehreren Jahren hier im Amt. Er hat früher keine
besonderen Anzeichen von fortschrittlicher Gesinnung gezeigt, aber in der letz-
ten Zeit wurde hier allgemein kolportiert, dass er den Anschluss an die neuen
Entwicklungen gefunden habe und vor allem auch mit den neuen Führungsper-
sönlichkeiten der DDR guten persönlichen Kontakt pflege. Seine obigen Ausfüh-
rungen können ja auch als Ausdruck beträchtlicher geistiger Elastizität gewertet
werden.
Grubmayr
6 Siehe Dok. 80.
7 Das Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs sowie der Außenminister der EG-Staaten
und des Präsidenten der EG-Kommission fand auf Einladung des amtierenden Vorsitzenden
des Europäischen Rats, dem französischen Staatspräsidenten, François Mitterrand, statt. Siehe
dazu bereits Dok. 73, Anm. 2.
8 Siehe dazu bereits Dok. 80, Anm. 4.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99