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21.12.1989: Aktenvermerk Gesandter Sucharipa
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Dok. 100
Dok. 100: Aktenvermerk. Haltung der Warschauer-Pakt-Staaten und Jugoslawiens
zur Wiedervereinigung, 21.12.1989
Aktenvermerk, Gesandter Ernst Sucharipa, Wien, 21. Dezember 1989, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1989, GZ. 22.17.01/
56-II.3/891
Frage der (Wieder-)Vereinigung Deutschlands? Haltung der WP-Staaten und Jugos-
lawiens
Die Reaktionen der WP-Staaten spiegeln die unterschiedlichen Entwicklungen
der letzten Zeit deutlich wider. Parallelen bestehen kaum. Die größte Gemeinsam-
keit bildet (noch?) die bekannte Betrachtung der Schlussakte von Helsinki und des
gesamten KSZE-Prozesses als Festschreibung der „historischen Realitäten“, wie
sie als Ergebnis des 2. Weltkrieges entstanden sind.
Wichtige Elemente:
– Selbstbestimmungsrecht: wird von allen Staaten außer Sowjetunion und Ru-
mänien grundsätzlich zugestanden.
– Regelung im Rahmen eines gesamteuropäischen Einigungsprozesses: So-
wjetunion, Polen, ČSSR auch Jugoslawien; hingegen AM Horn / Ungarn, Bulgarien
(historische Beziehungen!) in dieser Frage viel liberaler; Rumänien deutlich für
weitere Existenz zweier deutscher Staaten.
– Starke Prägung der Haltungen durch historische Erfahrungen und aktuelle
Interessen: Polen, in geringerem Ausmaß auch ČSSR und auch Jugoslawien hegen
offenbar größere Besorgnis vor allfälliger (Wieder-)Vereinigung, während Un-
garn und Bulgarien eher gelassen reagieren.
Sicherlich kommt der Haltung der Sowjetunion (Existenz zweier deutscher
Staaten als Produkt der Geschichte)
politisch wesentliche Bedeutung zu. Moskau
muss sich aber bewusst sein, dass eine Positionsänderung der DDR nach den für
6.5.1990 geplanten Wahlen2 alle diesbezüglichen Überlegungen obsolet machen
könnte. Entgegen der sowjetischen Ansicht, dass die Frage nicht auf der Tages-
ordnung steht, sieht sich die SU-Führung daher gezwungen, sich eine allfällige
spätere Aufgabe ihres Widerstandes möglichst teuer „abkaufen“ zu lassen (z. B.
1 Bei der Information handelt es sich um eine in der Abteilung II.3 erstellte Synthese der in Ent-
sprechung der Aufforderung seitens der Abteilung II.3 des BMAA vom 29. November 1989
(siehe Dok. 80, Anm. 1) in Wien eingelangten Berichte der österreichischen Auslandsver-
tretungen. Als Sachbearbeiter fungierte Legationssekretär Hans Peter Manz. Die Information
erging auf Veranlassung von Abteilungsleiter Gesandten Ernst Sucharipa an das Kabinett des
Bundesministers, das Generalsekretariat, die Sektionsleiter, die Abteilungen II.1, II.2, II.4,
II.5, II.6, II.7, II.8, II.9, II.10 und an die österreichischen Vertretungsbehörden im Ausland
gemäß Liste „KSZE“.
2 Der zunächst beabsichtigte Wahltermin für die Volkskammerwahlen am 6. Mai 1990 wurde
schließlich infolge eines Volkskammerbeschlusses auf den 18. März 1990 vorverlegt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99