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13.3.1990: Bericht Gesandter Sajdik Dok. 135
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Sorge bereitet den sowjet. polit. Kreisen das Tempo der Vereinigung. In einer in
der „Prawda“ v. 12. d.M. veröffentlichten Diskussion zum Thema „2 Deutschland,
ein Europa?“ zwischen Falin und dem „Prawda“-Journalisten und Deutschland-
Experten, Michailow,6 meinte Letzterer: „…die deutsche Annäherung geht wie
ein Zug ohne Fahrplan, aber reißt möglicherweise die Notbremse?“
3) Sowjet. Vorstellungen über Inhalte einer vertraglichen Lösung
Nach Darstellung der ho. BRD-Botschaft hat eine verträgliche Lösung des
Deutschland-Problems folgende Momente zu enthalten: Anerkennung der Gren-
zen, Festschreibung der Verpflichtung, dass nie wieder Krieg von deutschem
Boden ausgeht, Verzicht auf ABC-Waffen, Aussagen zum politischen und mi-
litärischen Status Deutschlands, Übernahme der völkerrechtl. Verpflichtungen
der DDR.
„Die UdSSR wird keine unziemlichen Forderungen stellen“, ist man sich in der
BRD-Botschaft sicher.
Die Gespräche des Gefertigten im MID bestätigten diesen Eindruck. In der
3. Europäischen Abteilung hob man hervor, dass die UdSSR verstehe, dass Deutsch-
land und dem deutschen Volk nicht wieder einer „Versailles“ vorgeschrieben wer-
den soll. „Wir wollen keine aufgezwungene Lösung, kein Diktat, sondern eine
akzeptierte Regelung.“7
Im Prinzip wünsche man im MID einen Friedensvertrag, da man sich aber
in Bonn dagegen sträubt, werde Moskau nicht darauf bestehen.8 Wesentlich sei
der Inhalt des völkerrechtlich bindenden Dokuments (Deklaration, Vertrag etc.)
nicht dessen Benennung. Derzeit studiere man im MID genau Geist und Buch-
staben des österr. Staatsvertrages und seine Anwendbarkeit auf eine Deutschland-
regelung. Natürlich könne er nicht tel quel übernommen werden, doch sei dies ein
„weises Dokument“, das viele wertvolle Momente enthalte.9
Es scheint evident, dass die UdSSR bestrebt ist, gegenüber einem künftigen ge-
meinsamen Deutschland als Partner aufzutreten und nicht das Verhältnis schon
jetzt durch übertriebene Forderungen zu überschatten. In diesem Zusammen-
hang sei erwähnt, dass lt. Aussage der ho. DDR-Botschaft gewisse SU-Kreise laut
über ein „Rapallo 2“10 nachdenken.
6 Wladimir Michailow, Journalist der Prawda und Deutschlandexperte, siehe Personenregister
mit Funktionsangaben. Die Prawda liegt dem Bericht nicht bei.
7 Der gesamte Absatz wurde von Sucharipa handschriftlich umrahmt.
8 Nebst der Unterstreichung markierte Sucharipa diesen Satz am Seitenrand nachdrücklich.
9 Die letzten beiden Sätze dieses Absatzes wurden durch Sucharipa sowohl links als auch rechts
am Seitenrand mit Rufzeichen versehen.
10 Beim „Vertrag von Rapallo“ vom 16. April 1922 handelte es sich um den deutsch-russischen
Vertrag betreffend die Wiederherstellung von Freundschafts- und Handelsbeziehungen, der
die Wiederaufnahme der mit der russischen Revolution abgebrochenen diplomatischen Be-
ziehungen zwischen den beiden Staaten vereinbarte und wirtschaftliche und militärische Ab-
machungen beinhaltete.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99