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10.4.1990: Bericht Gesandter Hoyos
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Dok. 143
Mitte April soll in Berlin die nächste Tagung der 2+4-Verhandlungen auf Be-
amtenebene stattfinden.6 In der Folge sollen die Verhandlungen jeweils abwech-
selnd in Berlin und Bonn abgehalten werden. Schon Ende April soll es zu einer
2+4-Verhandlungsrunde auf Ministerebene7 kommen, wenn möglich innerhalb
Deutschlands. Sollte dies nicht akzeptabel sein, dann in Brüssel. Man möchte es
vermeiden, in einer der Hauptstädte der vier alliierten Großmächte zu tagen, um
jeden Anschein der Fremdbestimmung Deutschlands zu verhindern und um in
der Folge nicht in Moskau tagen zu müssen.
Einig seien sich Genscher und seine US-Gesprächspartner darüber gewesen,
dass Deutschland Mitglied der NATO bleiben müsse. Die diesbezügliche sowjet.
Haltung sei einem Wandel unterworfen.8 Genscher vor Journalisten: ein neu-
trales Deutschland würde die „Instabilität“ vergrößern und eine „Unvorherseh-
barkeit“ bezüglich Deutschlands hervorrufen. Dabei verwendete der deutsche
AM Ausdrücke, die Präs. Bush bereits in diesem Zusammenhang gebraucht hat.
Einigkeit habe auch darüber bestanden, dass über die künftige Stärke der Bun-
deswehr nicht bei den 2+4-Verhandlungen, dass dort sehr wohl aber über den
künftigen Status der Sowjettruppen in der DDR gesprochen werden sollte.
Genscher zu den Rüstungsfragen vor Journalisten: Im Wiedervereinigungs-
prozess spiele die Frage der Rüstungsbeschränkung eine wichtige Rolle. Deutsch-
land werde eine bindende Erklärung abgeben, dass es auf nukleare, biologische
und chemische Waffen verzichtet. Das „erste Wiener Treffen“ über konventionelle
Streitkräfte müsse so rasch wie möglich beendet werden. Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte und Rüstungskontrolle müssten aber fortgesetzt wer-
den. Daraus scheint implizit hervorzugehen, dass Genscher eine zweite Etappe der
CFE-Verhandlungen9 in Wien anstrebt, wobei offen blieb, ob diese Verhand-
lungen künftig im Rahmen der 35 geführt werden können.10
6 Das zweite 2+4-Treffen auf Beamtenebene fand am 30. April 1990 in Ost-Berlin statt. Man kam
bei den Verhandlungen über prozedurale Fragen jedoch kaum hinaus. Den westlichen Ver-
handlungsteilnehmern gelang es, lediglich der sowjetischen Delegation den Themenbereich
„Friedensvertrag“ als gesonderten Tagesordnungspunkt auszureden. Vgl. Zweite Gesprächs-
runde Zwei plus Vier auf Beamtenebene, Berlin-Niederschönhausen, 30. April 1990 (=
Doku-
ment 264), in: Deutsche Einheit, S. 1074–1076.
7 Das erste 2+4-Außenministertreffen fand erst am 5. Mai 1990 in Bonn statt. Siehe
Dok. 149–150.
8 Siehe dazu auch Dok. 139.
9 CFE = Conventional Forces in Europe (dt. KSE = Konventionelle Streitkräfte in Europa) Seit
6. März 1989 wurde in Wien im KSZE-Rahmen zwischen Vertretern des Warschauer Pakts
und der NATO über eine Reduzierung konventioneller Streitkräfte in Europa (KSE) verhan-
delt. Der KSE-Vertrag wurde am 19. November 1990 am Pariser KSZE-Gipfel unterzeichnet.
Siehe dazu bereits Dok. 20, Anm. 10. Die KSE II-Verhandlungen fanden nicht mehr statt. Es
kam stattdessen zu KSE 1a-Folgeverhandlungen die bereits am 29. November 1990 begannen
und zur Festlegung von Personalobergrenzen für die Streitkräfte aller KSE-Staaten führten.
10 Der letzte Satz dieses Absatzes wurde durch Prohaska am Seitenrand handschriftlich markiert.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99