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8.5.1990: Gespräch Vranitzky – Thatcher Dok. 148
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Dok. 148: Gespräch Vranitzky – Thatcher, London, 8.5.1990
Aktennotiz, Eva Nowotny, London, 8. Mai 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1989, GZ.518.01.05/28-II.1/901
Gespräch des Herrn Bundeskanzlers mit Premierminister Margaret Thatcher, Lon-
don, 8. Mai 1990
PM Thatcher eröffnete das Gespräch mit einer kurzen Darstellung der wirtschaft-
lichen und finanziellen Situation Großbritanniens, und kam dann auf die eng-
lischen Probleme mit dem Konzept einer europäischen Währungsunion, so-
wie auf die finanziellen Auswirkungen der deutschen Vereinigung auf dieses
Projekt zu sprechen. Sie selbst erwartet zwar von der deutschen Vereinigung
einen großen Modernisierungseffekt und Impulse für das Wirtschaftswachs-
tum und die technologische Entwicklung Deutschlands, die aber erst mit-
tel- bis langfristig zum Tragen kommen würden. In der Einschätzung dieser
Konsequenzen gäbe es auch bei verschiedenen deutschen Politikern verschie-
dene Meinungen. Während Bundeskanzler Kohl die weitere Entwicklung sehr
optimistisch und zuversichtlich beurteile, habe sie von Ministerpräsident
Späth2 zurückhaltendere Reaktionen bekommen.3 Der Herr Bundeskanzler
meinte dazu, dass sich seine eigene Einschätzung eher an der vorsichtigen Linie
von Ministerpräsident Späth orientiere. Er sei zwar keineswegs pessimistisch,
aber die bevorstehenden Aufgaben würden gelegentlich nicht über-, sondern
unterschätzt.
Premierminister Thatcher meinte, dass auf jeden Fall mit einem Ansteigen
der Zinssätze und einem inflationären Schub gerechnet werden müsste, der nicht
ohne Auswirkungen auf die Währungen der anderen europäischen Staaten blei-
ben könnte. Das beeinflusse auch die englische Position gegenüber der euro-
päischen Währungsunion. Zwar trete sie mit Nachdruck dafür ein, Kontrollen
und Restriktionen soweit als möglich abzubauen, doch hätte sie Bedenken gegen
eine absolute Freiheit des Kapitalverkehrs. Auch wäre das englische Parlament si-
cherlich nicht bereit, die Kontrolle über das Budget und die Finanzhoheit an eine
Gruppe europäischer Bankiers abzutreten, die keinen demokratischen Kontrollen
und keiner demokratischen Wahl unterworfen wären. Auch die anderen Pro-
1 Die Aktennotiz wurde von der Verfasserin Eva Nowotny am 14. Mai 1990 abgezeichnet und
am 22. Mai 1990 ad acta gelegt, Kreisky-Archiv, Depositum Franz Vranitzky, AP, Box „BK
Bayern 1991; BK USA 1990; BK Liechtenstein; BK Bulgarien; BK Bordeaux, London, Dublin;
BK Düsseldorf; BK Schweden; BK Rumänien“. Die Botschaft London übersandte die Akten-
notiz erst am 30. Mai 1990 woraufhin sie am Ballhausplatz in der Sektion II mit der Notiz
„Bekannt und bereits versandt“ ad acta gelegt wurde.
2 Lothar Späth, Ministerpräsident von Baden-Württemberg (1978–1991), siehe Personenregister
mit Funktionsangaben.
3 Diese sind bisher nicht bekannt. Vgl. dazu aber grundsätzlich Hans-Peter Mengele, Wer zu
Späth kommt … Baden-Württembergs außenpolitische Rolle in den Umbruch-Jahren, Tübin-
gen / Stuttgart 1995, S. 319–320, zu einem früheren Zusammentreffen siehe S. 306–307.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99