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18.5.1990: Bericht Botschafter Binder Dok. 151
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zusammengeschlossen bleiben, wenn auch als Privateigentümer. Ein Phänomen,
das auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zurückzuführen ist, ist, dass die
Bauern
– wie übrigens auch Angehörige anderer Berufe
– weiterhin Entscheidun-
gen von oben erwarten, weil sie einfach nicht gewohnt sind, diese selbst zu treffen.
Die Ergebnisse der Bodenreform seien ein Ergebnis der Geschichte und nur
– hier
wurde Herr De Maiziere sehr emotionell4 – weil die „Klientel von Politikern in
der BRD mit den Herrn so und so es wollen, könne man nicht die 800.000 Men-
schen in der Landwirtschaft verunsichern und zu Knechten bzw. Landarbeitern
machen“.
Bezüglich des Prozesses der deutschen Einigung sagte der Ministerpräsident,
dass die DDR in den letzten Tagen von Bonn unter Druck gesetzt wurde. Doch
erzeuge Druck Gegendruck. Jedenfalls ist die Vereinigung
– auf Seiten der DDR
–
eine Entscheidung, die das Volk oder dessen Vertretung aber nicht der Minister-
präsident zu treffen habe. Die Regierung der DDR habe durch die Wahlen vom
18. März5 ihren Auftrag erhalten und fühle sich nur den Menschen in der DDR
verantwortlich. Gesamtdeutsche Wahlen am 2. Dezember, wie von vielen Seiten
in der BRD gefordert, seien aus verschiedenen Gründen unmöglich.6
Viele Menschen in der BRD hätten Identitätsprobleme. Die Überwindung der
Spaltung beider deutscher Staaten werde nach Meinung des Ministerpräsidenten
mindestens zehn Jahre dauern. Er frage sich, ob in etwa einem Jahr von der hie-
sigen Bevölkerung wirklich eine rasche Vereinigung gewünscht wird. Deren äu-
ßere Aspekte müssten mit Zustimmung aller Partner ebenso geklärt sein, wie die
inneren Aspekte.
Die Zugehörigkeit eines vereinten Deutschlands zur NATO würde von den
östlichen Nachbarn inklusive der Sowjetunion nur dann hingenommen werden,
wenn sich die Strategie und der Charakter der NATO ändern. Die deutsche und
die europäische Einheit müssten verzahnt, die Kontrollmechanismen der KSZE-
Prozesse entwickelt werden. Teile der Souveränität müssten, wie Herr De Maiziere
meinte, an eine KSZE-Organisation abgetreten werden, ähnlich wie dies seitens
der EG-Mitglieder an die Kommission bzw. den Rat erfolgt ist. Aber nicht nur die
NATO, sondern auch die EG müsse neue Dimensionen, mehr osteuropäische, er-
halten. Das Ziel sei schon 1975 in Helsinki beschrieben worden.
Wenn von Seiten der westlichen Staaten gesagt wird, dass der Warschauer Pakt
zerfällt, dann liegt der Handlungsbedarf bei der NATO. Der Abschreckungsge-
danke müsse überhaupt abgebaut werden. Was die Streitkräfte der DDR betrifft,
haben diese heute keine Gefechtsbereitschaft mehr, das Feindbild fehle und auch
die Disziplin habe erheblich nachgelassen. Ein weiteres Problem, das nicht so ohne
weiteres gelöst werden kann, ist die verschiedene Gesetzeslage auf dem Gebiet der
Schwangerschaftsunterbrechung. In der DDR gilt die Fristenlösung und die DDR-
4 So im Original.
5 Siehe dazu Dok. 137.
6 Die gesamtdeutschen Bundestagswahlen fanden allerdings am 2. Dezember 1990 statt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99