Page - 631 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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6.6.1990: Bericht Botschafter Hoess Dok. 154
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Wenn man das Treffen an der Fähigkeit der Partner misst, miteinander über
die zukünftige Ordnung in Europa und der Welt offen zu diskutieren, unter-
schiedliche Meinungen zu respektieren und zu versuchen, zu Lösungen zu gelan-
gen, ist hier sicherlich Neuland beschritten worden. Es hat den Anschein, als ob
Bush daran gelegen war, den Gast als Gleichen zu behandeln und nicht zu demü-
tigen, ja sogar ihn zu stützen.
Es gehe Bush um eine Neuordnung der Beziehungen in strategischer Hinsicht,
wozu auch die Einsicht gehöre, dass der Westen Europa nicht alleine neu bauen
könne. Bush wolle mit Gorbatschow arbeiten.
(Natürlich hat der Präsident auch die Meinungsforscher im Auge =
seine Popu-
larität dürfte weiter gestiegen sein.)
Gorbatschow habe einerseits zu Hause ein sichtbares Zeichen amerikanischen
Vertrauens benötigt und andererseits eine tragende Rolle für die SU im neuen
Europa sicherstellen wollen. Dies sei ihm gelungen. Er habe meisterhaft bewiesen,
dass Schwäche auch in Stärke verwandelt werden könne, habe einen Partner für
sein Anliegen gefunden und einen PR-Erfolg verzeichnet.
Es sei daher, so meinen Beobachter, nicht verwunderlich, dass Gorbatschow
erst nach Sicherstellung dieser Voraussetzungen über die noch offenen Fragen
diskutieren wolle. Bei den offenen Fragen sei zwischen START einerseits und
den anderen Punkten zu unterscheiden. START sei eine Frage weiterer Detail-
verhandlungen. Hingegen stellten sich 2+4, CFE, NATO-neu, KSZE-Gipfel und
KSZE-Institutionalisierung eher als Paket dar. Dabei sei der Eindruck entstanden,
Gorbatschow wolle einen möglichst hohen (wirtschaftlichen) Preis für die deut-
sche Vereinigung herausholen. Was den KSZE-Gipfel betreffe, sei man über die Zu-
stimmung Gorbatschows zur CFE-Unterzeichnung als Voraussetzung überrascht
gewesen. Bush sei es nicht gelungen, den Gast von den Vorteilen einer NATO-Mit-
gliedschaft Deutschlands auch für die SU zu überzeugen. Man sei aber sicher, dass
nach dem NATO-Gipfel9 und dem Vorliegen eines Konzepts NATO-neu bzw.
allfälligen vertraglichen Vereinbarungen über neue Prinzipien der Beziehungen
NATO-WP (ebenfalls neugeordnet) ein Umdenken Gorbatschows zu erreichen
sein werde. Die Umgebung des hier weilenden deutschen Kanzlers sieht allerdings
noch längere Verhandlungen voraus (Bush empfängt Kohl am 8.6.)10
durch von der Emigrationspolitik des Handelspartners abhängig gemacht. Der US-Kongress
drängte Bush zudem dazu, die Nichtanerkennung der Zugehörigkeit des nach Unabhängigkeit
strebenden Litauens zur Sowjetunion nicht aufzugeben (siehe auch Dok. 124, Anm. 13).
9 Zum NATO-Gipfel in London am 5./6. Juli 1990 siehe Dok. 159.
10 Kohl besuchte vom 5. bis 8. Juni 1990 erneut Washington und traf am 8. Juni mit Bush zu-
sammen. Nachdem auch DDR-Ministerpräsident de Maizière Washington besucht hatte, be-
richtete die österreichische Botschaft nach Wien: „[…] Wie von US-Gesprächspartnern zu
erfahren war, seien mögliche Sicherheitsgarantien an die SU im Mittelpunkt des Gespräches
gestanden, da man sowohl in Bonn als auch in Washington mit einem sowjetischen Einlenken
in der Frage dt. NATO-Mitgliedschaft rechne, falls vom Westen ein Arrangement angeboten
werde, das Moskau ermögliche, nach innen, aber auch nach außen das Gesicht zu wahren.
[…] Besondere Bedeutung werde jedenfalls dem NATO-Gipfel im Juli zukommen, bei dem –
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99