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15.6.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 156
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3. NATO-Sondersitzung Juli 199024 könnte Gorbatschow Schlüsselsignale zu
NATO-Veränderung geben: NATO sei von Anfang an auch politisches Bündnis
und militärisch ein Spiegelbild der Verhältnisse im Osten gewesen. Daher
müssten nun Bedrohungs- bzw. Risikoanalysen neu definiert, Strategie und
Vorneverteidigung – damit auch Militärstrukturen – geändert werden. Durch
Fortgang innerer Reformen und KSE-Ergebnis könne Gorbatschow diesen NATO-
Prozess beeinflussen.
NATO als politisches Bündnis zur SU-Einbindung und europäische Anbin-
dung an US-Kernwaffenschirm weiterhin benötigt, solange SU Kernwaffenmacht
bleibt. Bisherige Militärstrukturen könnten jedoch durch multinationale Ver-
bände, auf Grundlage der Gegenseitigkeit ersetzt werden, wodurch nationale Ag-
gressionsmöglichkeiten ausgeschlossen blieben (DDR-Verteidigungsminister Ep-
pelmann bot kürzlich Schweden Errichtung gemischter Brigade an!?).25 Da noch
nicht alle europäische Staaten dazu bereit und Deutschland nicht singularisiert
werden wolle, dürfte Umwandlung allerdings noch auf sich warten lassen.
Teltschik bedauert übrigens, dass Moskau – welches von Europa und damit
von solchen Verbänden ausgeschlossen bliebe – in solchen Überlegungen gegen
SU gerichtete Tendenzen sehe.
4. Westliche Bereitschaft zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit SU und
Perspektive bilateraler deutsch-sowjetischer Beziehungen.
Einigung über diese Punkte würde AA-Vertreter zufolge durch ausgezeichnetes
Einvernehmen zwischen Washington, Moskau und Bonn bzw. deren Außenmi-
nistern und gutes Verhältnis SU / Europa erleichtert, aber auch durch gegenseitige
Zusammenhänge und Rückwirkungen kompliziert. Angesichts des Bemühens
beider Großmächte um Deutschland (und Europa) wächst Bonn damit aus Sicht
der Botschaft automatisch gewichtige weltpolitische Scharnierfunktion zu.
AA-Vertreter ist sich deshalb bewusst, dass Deutschland „nicht zu groß“ auf-
treten dürfe. Auf meine Frage, ob dies künftige Generation in 30 bis 40 Jahren
(die Teilung nicht mehr persönlich kennen wird)
bewusst bleiben würde, verwies
Gesprächspartner auf weitgehenden Souveränitätsverzicht Deutschlands gegen-
über Europa: z. B. habe Bonn schon bisher mehr als andere (und gegen deren
nachweisbaren Widerstand) zur Politischen Union beigetragen, auch in Zukunft
werde es daher keine Probleme geben. Die Nationalstaaten würden in Europa an
Bedeutung verlieren.
Loibl
1a-Folgeverhandlungen, die bereits am 29. November 1990 begannen und zu Personalober-
grenzen für die Streitkräfte aller KSE-Staaten führten. Zum sowjetischen Truppenabzug aus
Osteuropa siehe bereits Dok. 57, Anm. 18. Zur Suffizienz-Regel siehe bereits Dok. 156, Anm. 8.
Zum Thema „Nulllösung“ siehe bereits Dok. 52, Anm. 26 und Dok. 154, Anm. 10.
24 Der NATO-Gipfel fand am 5./6. Juli 1990 in London statt. Siehe Dok. 159.
25 Dazu konnte nichts Näheres in Erfahrung gebracht werden. Siehe dazu aber auch Dok. 151,
Anm. 11.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99