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Sonnenuhren#

Von

Kurt Hengl


Der Mythos unserer Sonne als göttliche lebenspendende und -erhaltende Kraft ist schon im Alten Testament, der Thora, belegt: das Buch Genesis/Bereshit lässt Gott am vierten Schöpfungstag zur Erhellung der Erde die Sonne, das große Licht als Kraft des Tages, erschaffen. Schon seit Jahrtausenden beschäftigten sich Mathematiker und Astronomen mit der zentralen Frage der Rolle unserer Erde im Bezug auf die Sonne und die übrigen Himmelskörper. Anaximander von Milet prägte im 6. Jahrhundert vor Christus den Begriff des Kosmos und des Himmelsglobus, Kleostratos von Tenedos erkannte die Ekliptik mit den Tierkreiszeichen, Eudoxus von Knidos berechnete die Planetenbewegungen und konstruierte die erste waagrechte Sonnenuhr, die Spinne (Arachne) Aristarch von Samos (†230 vor Christus) vertrat als einer der Ersten die Theorie der zentralen Sonne und berechnete die Entfernung zu Sonne und Mond, der große Ptolemäus aus Alexandrien (100-180 nach Christus) beeinflusste mit seinem geozentrischen Weltbild die wissenschaftlichen wie auch philosophischen und religiösen Überlegungen Europas bis zur Renaissance. Noch Georg Peuerbach (†1461), Hofastronom Kaiser Friedrichs III., verfasste eine Darstellung des geozentrischen Weltalls nach ptolemäischer Art, die weite Verbreitung fand.

Erst Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei (†1642) wagten sich daran, die Sonne in das (heliozentrische) Weltsystem zu stellen und gestanden unserer Erde nur mehr eine Trabantenrolle zu. ("Eppur si muove" - dennoch bewegt sich (die Erde um die Sonne), soll trotzig Galileo beim Verlassen des Inquisitionsgerichts gemurmelt haben, nachdem er dem kopernikanischen Weltbild öffentlich abschwören musste.

Die Praxis, die scheinbare Bewegung der Sonne zur Messung und Einteilung des Tages zu nutzen, stammt ebenfalls aus dem Altertum. Griechen und Römer kannten einfache Instrumente, die zuerst als genaue Mittagsweiser verwendet wurden. Der oktogonale Turm der Winde in Athen aus dem 1. Jahrhundert vor Christus trägt auf jeder Seite ein Ziffernblatt mit Polstab. Mit dem Ende des Römischen Reiches geriet das Wissen um die Zeitmessung in Europa in Vergessenheit und wurde erst durch die Araber tradiert; auch Benediktinermönche nutzten einfache kanonische Sonnenuhren für ihre Gebetszeiten und verbreiteten im Zuge ihrer Missionstätigkeit erneuerte Kenntnisse.

Mit der wachsenden gesellschaftlichen Notwendigkeit von Voraussicht und Planung der Zeit, des Tages wie des Jahres, boten sich als direkte Funktion der Sonnenbewegung Sonnenuhren als technisch einfache und billige Instrumente an: Einzig benötigt werden eine horizontale oder südseitig vertikale ebene Standfläche für das Ziffernblatt und ein darauf schattenwerfender Stab, der Gnomon oder Polstab, der der geografischen Breite des Standorts entsprechend in der Rotationsachse der Erde Nord-Süd ausgerichtet ist. Jedes Kloster, jeder Palast, jede Gemeinde hatte eine öffentliche Sonnenuhr; Peuerbach erfand um 1450 sogar tragbare Ring- und Klappsonnenuhren. Allmählich wurden jedoch sonnenunabhängige mechanische Uhren, gekoppelt mit Läutwerk und Glocken, entwickelt, die der Bevölkerung die Zeit besser kundtaten, dies bei Tag und Nacht. Sonnenuhren als präzise Mittagweiser waren noch bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch, um die noch ungenauen mechanischen Uhren, primär in Bahnhöfen, regelmäßig zu adjustieren.

Sonnenuhren, die mit einer höheren Genauigkeit funktionieren sollen, zeigen ein Analemma, der grafischen Darstellung einer Ziffer 8 ähnlich - mit der scheinbaren Abweichung des Sonnenlaufes und seiner Ortszeit im Jahreskreis an; denn Mitte Februar scheint die Sonne 13,5 Minuten zu spät zu kulminieren, anfangs November um 16,5 Minuten zu früh! Die Erklärung findet sich bei Kepler: Die Erde - wie alle Planeten - bewegt sich um die Sonne nicht in einem Kreis, sondern in einer elliptischen Bahn (Erstes Keplersches Gesetz), in Sonnennähe schneller als in Sonnenferne (zweites Gesetz). Auch die Neigung der Erdachse um 23,4 Grad zur Rotationsachse beeinflusst die Erdbewegung. Zur Ermittlung der mittleren Ortszeit muss die aus dem Analemma ersichtliche Abweichung (Zeitgleichung) zu- oder abgezogen werden.

Die Erdkugel ist in 24 Zeitzonen (á 15 Grad, einer Stunde entsprechend) eingeteilt; um die Ortszeit in die allgemein benützte Zonenzeit umzurechnen, ist zu berücksichtigen, dass pro Grad östlich des jeweiligen Zonenmeridians die Sonne um 4 Minuten später kulminiert und daher die lokale Ortszeit 4 Minuten nach der Zonenzeit eintritt. Ybbs an der Donau liegt am 15. Grad (östlich von Greenwich, UTC +1) Meridian, der den MEZ-Zonenmittag_ definiert; in Wien an der Donau (16 Grad) zeigt die Sonnenuhr erst 11:56, in Ulm an der Donau (!0 Grad) schon 12:20! Ein sehr präzise Heliochronometer berücksichtigt maschinell die diversen scheinbaren Sonnenvariationen.

Heute bewundern wir die künstlerisch gestalteten alten Sonnenuhren an ehrwürdigen Fassaden, während zeitgenössische Sonnenuhren als beliebte architektonische Dekorationsobjekte und Blickfang, aber auch als Kulturzeugen und erzieherische Schauobjekte dienen: Sonnenuhren mit ebenem horizontalem Ziffernblatt auf einem Podest, oft in Parks und Gärten, mit ebenem vertikalem Ziffernblatt an südseitigen Hausfassaden, äquatoriale Uhren mit einem ringförmigen Ziffernblatt mit meist weitergehenden astronomischen Informationen.

Doch weit mehr als bloßen Schmuck zeigt die Sonnenuhr das Weiterwirken des Sonnenmythos, erinnert sie doch an das Weggleiten des Tages, den allmählichen Wandel der Jahreszeiten und die unaufhörliche Abfolge der Jahre als Symbol des menschlichen Lebens: Als wandernder Schatten läuft uns die Zeit davon, zerrinnt zwischen unseren Fingern!. Doch sagen uns die Dichter: "Die Zeit vergeht, Madame - leider nicht die Zeit, wir vergehen" (Ronsard) ; "Die Zeit steht still, wir sind es, die enteilen" (Mascha Kaleko). Daher zieren vor allem großflächige vertikale Sonnenuhren oft Sinnsprüche wie: "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur" oder "tempus fugit".

Weiterführendes#

Fotos: K. Hengl

Horizontale Sonnenuhr des Eudoxus
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Gotischer Südpfeiler der Stephanskirche mit Sonnenuhr
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Vertikale Sonnenuhr Georg Peuerbachs 1451 zeigt 10:25 an
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Hofburg mit Statue Kaiser Franz I. und Glockenturm
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Sonnenuhr zeigt wahre Zeit 10:11, die mechanische Uhr die Zonen-Sommerzeit 11:06
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Äquatoriale Sonnenuhr im Schlosspark Schönbrunn mit Analemma-Koordinaten zeigt 16:50
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Mühlstein mit horizontaler Sonnenuhr in Pressbaum zeigt 14 Uhr
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