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vom 31.05.2017, aktuelle Version,

Sternwarte Kremsmünster

Stift Kremsmünster, Blick von Nordost, links der „Mathematische Turm“ mit den Sternwartekuppeln

Die Sternwarte Kremsmünster in Oberösterreich (Specula cremifanensis) gehört zu den bedeutendsten historischen Observatorien der Welt. Sie wurde 1749 als 50 m hoher „Mathematischer Turm“ vom Benediktinerstift Kremsmünster auf der Südostseite des Stiftsgeländes errichtet, wo das Gelände steil zum Kremstal und dem Ort Kremsmünster abfällt. Neben astronomischen und meteorologische Forschungen – die Messreihe der täglichen Temperatur- und Wetterdaten ist die längste der Welt – erfolgten hier auch wichtige Arbeiten zur Landesvermessung und zur Geophysik.

Während Beobachtungen zur Astronomie gegen Mitte des 20. Jahrhunderts ausliefen (zuletzt noch Sterndurchgangsmessungen im Meridianhaus), ist der Messkeller nach wie vor ein Fundamentalpunkt für die Gravimetrie und das Erdmagnetfeld.

Die Sternwarte liegt auf einer Seehöhe von 380 bis 430 Meter über Adria. Sie ist unter dem IAU code 539 registriert. Bis heute ist sie die naturwissenschaftliche Arbeitsstätte der Benediktiner von Kremsmünster. Die unteren 6 Stockwerke des Gebäudes dienen als naturkundlich-technisches Universalmuseum über einen Zeitraum von 250 Jahren. Führungen werden nur zwischen 1. Mai und 31. Oktober angeboten, denn das Gebäude ist nicht beheizbar.

Baugeschichte und Astronomie

Der „Mathematische Turm“

Das im Jahr 777 gegründete Stift war neben den religiösen Ordenszielen auch wichtigster Kulturträger des Traunviertels, weshalb viele Patres auch als Wissenschafter tätig waren. Forschung in Mathematik, Geometrie und Astronomie wurde im Konvent schon um 1550 betrieben. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts waren es sogar sieben Mönche, die sich in den Mußestunden häufig mit Mathematik befassten. Erster Beobachtungsplatz war der Spindlerturm, der heutige Brückenturm. 1748 wurde der Bau einer großen Sternwarte begonnen, der mit 49 m Höhe eines der ersten Hochhäuser Europas darstellt.[1] (Die oftmalige Angabe von 54 m dürfte den Keller mitmessen.) Nach dem teilweisen Einsturz eines Zwischengeschosses – im Gegensatz zu oft viel höheren Kirchtürmen war der Bau wegen der sechs tragfähigen Zwischengeschosse viel schwieriger zu errichten – wurde er um 1750 mit verbesserter Statik fortgeführt und 1758 vollendet. Der große Beobachtungssaal befand sich im 6. Stock (heute astronomisches Museum), umgeben von zwei großen Terrassen und überragt von drei kleinen Beobachtungskuppeln.

Mit ihrer auf gute Beobachtungsbedingungen (auch hinsichtlich Seeing) ausgelegten Bauweise stellt sie einen bedeutenden Wandel im Sternwartebau dar. Manche Beobachtungen wurden auch auf der Terrasse des sechsten Stockwerks vorgenommen. Um etwa 1930 wurde die Beobachtungen von der Sternwartekuppel (7. Stock) aus verschiedenen Gründen in den Stiftsgarten verlegt, wo ein großes Meridianhaus errichtet wurde. Im Tiefkeller befindet sich eine von der Universität Wien betriebene Fundamentalstation für die Gravimetrie.

Eine gut ausgestattete – bis heute aktive – Wetterstation wurde 1762 aufgebaut und hat mit fast 250 Jahren weltweit die längste ununterbrochene Messreihe.

Die Sternwarte brachte eine Reihe bekannter Astronomen hervor. Der bedeutendste war P. Placidus Fixlmillner, der 1762–1791 Direktor der Sternwarte und der angeschlossenen Laboratorien war. Er konstruierte neuartige Messinstrumente, war ein hervorragender Beobachter (unter anderem präzise Ortsbestimmungen, Sternörter, Merkur, neuentdeckter Planet Uranus) und berechnete den bis dahin genauesten Radius der Erdbahn (Astronomische Einheit). Er war auch als Musikwissenschaftler tätig und entwickelte eine leichter lesbare Notenschrift, die sich allerdings nicht durchsetzte.

Unter den Kremsmünsterer Astronomen waren auch Mitglieder der Akademie der Wissenschaften wie die Patres Anselm Desing und Augustin Reslhuber.

Erdwissenschaften

Im 19. Jahrhundert wurde auch die Geophysik und die Messung des Erdmagnetfeldes ein Schwerpunkt. Weiters wurde ein Punkt des Schweregrundnetzes eingerichtet und 1895 eine seismische Beobachtungsstelle. An der um 1860 aufkommenden Astrophysik beteiligte sich die Sternwarte weniger, baute aber für die Astrometrie ein großes metallenes Meridianhaus im Garten nördlich der Sternwarte, das bis in die 1970er Jahre bestand.

Im 19. Jahrhundert wurde das österreich-ungarische Vermessungsnetz modernisiert und der nahegelegene Gusterberg zum Fundamentalpunkt für Oberösterreich und Böhmen gewählt. Die damals noch schwierige astronomische Koordinatenbestimmung wurde von Kremsmünster aus durchgeführt. Im Zuge eines großen Geoidprojekts war die Sternwarte auch namensgebend für den langen Meridianbogen Kremsmünster, der von Böhmen bis zur Adria reichte.

Die Sternwarte pflegte auch Kooperationen mit bekannten Wissenschaftlern an den Universitäten, unter anderem mit Simon Stampfer und Richard Schumann, und hinsichtlich der botanisch-zoologischen Sammlungen zu verschiedenen biologischen Instituten.

Vor dem 1200-Jahr-Jubiläum 1977 wurden Stift und Sternwarte ab etwa 1970 restauriert und für die große Oberösterreichische Landesausstellung 1977 adaptiert. Damals wurden auch die naturwissenschaftlichen Sammlungen im 1. bis 6. Stock neu geordnet und als Universalmuseum gestaltet.

Literatur

  • Karl Mayrhofer: Die Sternwarte Kremsmünster. Sternenbote 1960/8, Wien 1960
  • Otto Wutzel: 1200 Jahre Kremsmünster. Stiftsführer zu Geschichte, Kunstsammlungen und Sternwarte. Oberösterr. Landesmuseum, 1.–5. Aufl., 326 S., Linz 1977
  • Johann-Christian Klamt: Sternwarte und Museum im Zeitalter der Aufklärung. Der Mathematische Turm im Zeitalter der Aufklärung (1749–1758). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1999, ISBN 3-8053-2403-0.
  Commons: Sternwarte Kremsmünster  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Die größten Irrtümer über die Sternwarte Kremsmünster - Eine Bereinigung anlässlich des 250-Jahr-Jubiläums. P. Amand Kraml. 22. März 2008. Abgerufen am 3. März 2011.