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vom 24.01.2019, aktuelle Version,

Vierschanzentournee 1976/77

25. Vierschanzentournee
Sieger
Tourneesieger Deutschland Demokratische Republik 1949  Jochen Danneberg
Oberstdorf Osterreich  Anton Innauer
Garmisch-Partenkirchen Deutschland Demokratische Republik 1949  Jochen Danneberg
Innsbruck Deutschland Demokratische Republik 1949  Henry Glaß
Bischofshofen Schweiz  Walter Steiner
Teilnehmer
Nationen 14
Sportler 74
1975/76 1977/78

Die 25. Vierschanzentournee 1976/77, ein deutsch-österreichischer Skisprungwettbewerb fand vom 30. Dezember 1976 bis zum 6. Januar 1977 statt. Die Veranstaltungsorte waren Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen in Deutschland sowie Innsbruck und Bischofshofen in Österreich. Die Tournee wurde von Jochen Danneberg aus der DDR gewonnen.

Teilnehmer 1976/77

Rücktritte und Neubeginn

Nach der Olympiasaison 1976/77 und vor den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften 1978 im finnischen Lahti wurde die 25. Ausgabe der Vierschanzentournee von nicht wenigen Trainern eher als Zwischenschritt in der Trainingsbelastung gesehen. Ausdruck dessen war die erstmals seit Jahren wieder sinkende Beteiligung, so dass letztlich nur 74 Springer aus 14 Teams an den Start gingen. Innerhalb der Teams war das Teilnehmerfeld zudem teilweise massiv abgerüstet worden, so schickten die Schweden statt acht Athleten wie im Vorjahr nur noch drei Springer nach Mitteleuropa. Naturgemäß bot eine Zwischensaison wie 1976/77 viel Raum zum Experimentieren und das Heranführen neuer Athleten an das Wettkampfgeschehen. So entsandte der bundesdeutsche DSV nach jahrelanger Stagnation mit insgesamt neun Athleten erstmals wieder eine größere Auswahl zu Tournee. In der DDR-Auswahl gab es nach den Olympischen Spielen einen enormen Umbruch. Olympiasieger und Tourneegewinner Hans-Georg Aschenbach hatte sich nach anhaltenden Knieproblemen zum Rücktritt vom Leistungssport entschieden.[1]Rainer Schmidt, für Olympia 1976 nicht berücksichtigt, nahm daraufhin auch seinen Abschied.[2] Auswahltrainer Dieter Neuendorf wurde vom nicht minder erfolgreichen Gotthard Trommer abgelöst, der bis dahin für die Erfolge der Nordischen Kombinierer um Ulrich Wehling verantwortlich war. In der Folge wurden Heinz Wosipiwo, Dietmar Aschenbach, Dietrich Kampf und Martin Weber in der DDR-Auswahl nicht mehr berücksichtigt, [3]wobei sich Weber wieder ins Aufgebot zurück kämpfen konnte. Um den Vorjahressieger Danneberg und den Bronzemedaillengewinner von Innsbruck Henry Glass wurden nun Talente wie Duschek, Weißpflog, Buse oder Meisinger geschart, wobei Duschek im Vorfeld mit seinen Leistungen für die größten Erwartungshaltungen gesorgt hatte. Ein ähnliche Verjüngung war bei der tschechoslowakischen Mannschaft zu beobachten, wo mit Rudolf Höhnl der letzte Athlet der großen Springergenaeratiuon um Jiri Raska aufgehört hatte.

Favoritenkreis

Zum erweiterten Favoritenkreis war unbedingt der Schweizer Walter Steiner zu zählen, der allerdings auf seinen leistungsstarken Kollegen Hans Schmid verletzungsbedingt verzichten mußte. Bei den Norwegern, die die Talente Ruud und Bergerud mitbrachten, war vor allem Johan Sætre zu beachten; die Polen hatten mit Stanisław Bobak einen Spitzenspringer am Start. Die Gastgeber der WM 1978 brachten mit Pentti Kokkonen nur ein Talent mit nach Mitteuropa, es gab keine Anzeichen dafür, das die Finnen bei ihrer Heim-WM eine große Rolle spielen könnten. Durch die Umwälzungen vor allem bei der DDR-Auswahl blieb letztlich eine Auswahl in der absoluten Favoritenrolle: Die Auswahl des ÖSV. Zwar konnte man in Innsbruck einen Olympiasieg feiern, aber der tragisch zu nennende Verlauf der Vorjahrestournee steckte den Österreichern noch in den Knochen und war nicht vergessen. Ausnahmetalent Toni Innauer verlor trotz dreier Tagessiege durch einen verpatzten Sprung am Bergisel die Gesamtwertung, letztlich reichte es nicht mal für einen Podestplatz. Glücklicher Sieger war Jochen Danneberg, der als einziger DDR-Springer den Austria-Adlern Paroli bieten konnte. Hinzu kamen die Vorgänge an der Olympiaschanze in Innsbruck, als jeden DDR-Springer ein gellendes Pfeifkonzert begleitete. Letzten Endes hatten die Österreicher bei der Tournee noch eine Rechnung und ein Sieg Innauers war eigentlich fest eingeplant. Nicht gänzlich erledigt waren auch die Materialdiskussionen. Immer wieder gab es neue Anzugmodelle und die Genehmigungsmodalitäten der FIS waren nicht immer nachvollziehbar.

Der Fall Tuchscherer

Zu allem Überfluss kam auch noch die Politik ins Spiel. Der DDR-Kombinierer Claus Tuchscherer hatte der Liebe wegen bei den Olympischen Spielen die DDR-Delegation verlassen und war in Österreich verblieben. Nach anfänglichen Ideen, um ihn herum eine Kombinierer-Auswahl für Österreich aufzubauen, wechselte Tuchscherer zu Trainer Baldur Preiml und den Spezialspringern. Anders als bei sogenannten Republikfluchten in die Bundesrepublik gab sich die DDR gegenüber dem neutralen Österreich wesentlich konzilllianter, zumal die Sportbeziehungen beider Länder als sehr gut zu bezeichnen waren. Trotzdem war ein Tourneestart Tuchscherers bis kurz vor Beginn des Auftaktspringens noch nicht klar, da die neue, junge DSL-Führung insistierte und monierte, das ein Athlet nicht innerhalb einer Saison für zwei Nationalverbände springen durfte, da Tuchscherer und der ÖSV nicht fristgemäß ordentlich abgemeldet hatten. Formaljuristisch, das wurde sogar von österreichischer Seite bestätigt, war der Einwand des DLSV rechtens.[4]

Nation Athleten
Deutschland BR  BR Deutschland Alfred Grosche, Manfred Runge, Rudi Tusch, Dirk Kramer, Frank Rombach, Christoph Schwarz, Hans Schmid, Peter Leitner, Sepp Schwinghammer
Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR Henry Glass, Jochen Danneberg, Martin Weber, Harald Duschek, Thomas Meisinger, Falko Weißpflog, Mathias Buse, Jürgen Thomas
Osterreich  Österreich Reinhold Bachler, Willi Pürstl, Hans Millonig, Karl Schnabl, Toni Innauer, Rudi Wanner, Walter Schwabl, Walter Habersatter jr., Hans Wallner, Rupert Gürtler, Alois Lipburger, Claus Tuchscherer, Edi Federer
Finnland  Finnland Jouko Törmänen, Tapio Räisänen, Pekka Hyvärinen, Pentti Kokkonen
Italien  Italien Leos de Crignis, Ivano Wegher, Lido Tomasi
Japan  Japan Manabu Ono, Yūji Kawamura, Takao Itō
Jugoslawien Sozialistische Föderative Republik  Jugoslawien Branko Dolhar, Janez Lostrek, Jose Demsar, Bogdan Norčič
Norwegen  Norwegen Johan Sætre, Per Bergerud, Bjarne Naes, Roger Ruud
Polen 1944  Polen Henryk Tajner, Stanisław Bobak, Janusz Waluś
Schweden  Schweden Lennart Elimä, Odd Brandsegg, Seppo Reijonen
Schweiz  Schweiz Ernst von Grünigen, Robert Mösching, Walter Steiner, Jean Luc Ungricht, Hansjörg Sumi
Sowjetunion  Sowjetunion Alexei Borowitin, Alexander Karapusow, Juri Iwanow, Sergei Saitschik, Leonid Komarow
Tschechoslowakei  Tschechoslowakei Leoš Škoda, Jaroslav Balcar, František Novák , Josef Samek, Ján Tánczos
Vereinigte Staaten  Vereinigte Staaten Chris McNeill, Ron Steele, Jim Maki, Jim Denney

Oberstdorf

Nachdem am 29. Dezember das offizielle Training bei Kältegraden und wechselnden Winden absolviert war, herrschte gewisse Ernüchterung im ÖSV-Lager. Während die DDR-Springer regelmäßig Weiten über 100 m sprangen, schafften es bei den Österreichern nur wenige Springer, mitzuhalten. Zwar wurden Toni Innauer weiterhin Siegchancen eingeräumt, aber die Euphorie erhielt einen ziemlichen Dämpfer. Außerdem hatten der Schweizer Steiner (107 m) sowie der Pole Bobak nachhaltig unter Beweis gestellt, das mit ihnen zu rechnen war.
Doch beim Auftaktspringen sah die Welt ganz anders aus. Zunächste bestätigten aber die DDR-Vertreter ihre starken Trainingsleistungen. Jochen Danneberg stellt mit 110 m den Schanzenrekord ein, Neuling Harald Duschek folgte danach mit 109 m. Erst dahinter reihte sich Innauer ein. Doch im zweiten Durchgang flatterten vor allem Duschek etwas die Nerven, während Innauer mit 109,5 sich um 5 m verbesserte und letztlich sogar noch an Danneberg vorbeizog. Obwohl im Vorfeld als Topfavorit genannt, war Innauer angesichts der Trainingsleistungen fassungslos über den für ihn überraschenden Tagessieg. Durch einen 109 m-Satz schob sich Walter Steiner noch Rang Drei und verdrängte so den Tourneeneuling Harald Duschek noch vom Podest. Mit Platz Fünf rundete Henry Glaß den starken Auftritt der DR-Mannschaft ab. Die Österreicher strahlten hingegen nicht mehr die ganz große Dominanz aus, zweitbester Springer war der bis dahin eher unaufällige Lipburger. Olympiasieger Karl Schnabl experimentierte mit den Sprunganzügen und kam nur auf dem 43. Platz ein. Der erst 18jährige Tschechoslowake Novak war neben Duschek die zweite Überraschung in den Top Ten.[5]

Pos. Springer Land Punkte
01 Anton Innauer Osterreich  Österreich 255,6
02 Jochen Danneberg Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 253,7
03 Walter Steiner Schweiz  Schweiz 252,3
04 Harald Duschek Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 248,2
05 Henry Glaß Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 239,4
06 Alois Lipburger Osterreich  Österreich 236,6
07 Jouko Törmänen Finnland  Finnland 235,3
08 František Novák Tschechoslowakei  Tschechoslowakei 232,5
09 Reinhold Bachler Osterreich  Österreich 230,9
10 Johan Sætre Norwegen  Norwegen 229,8

Garmisch-Partenkirchen

Pos. Springer Land Punkte
01 Jochen Danneberg Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 235,2
02 Anton Innauer Osterreich  Österreich 222,3
03 Harald Duschek Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 235,2
04 Henry Glaß Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 219,3
05 Johan Sætre Norwegen  Norwegen 213,5
06 Walter Steiner Schweiz  Schweiz 212,7
07 Alois Lipburger Osterreich  Österreich 211,9
08 Alfred Pungg Osterreich  Österreich 209,4
09 Jürgen Thomas Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 208,6
10 Martin Weber Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 208,3

Innsbruck

Henry Glaß
Pos. Springer Land Punkte
01 Henry Glaß Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 233,6
02 Walter Steiner Schweiz  Schweiz 226,3
03 Anton Innauer Osterreich  Österreich 217,3
04 Klaus Tuchscherer Osterreich  Österreich 216,4
05 Reinhold Bachler Osterreich  Österreich 216,1
06 Jochen Danneberg Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 213,9
07 Juri Iwanow Sowjetunion 1955  Sowjetunion 213,5
08 Alfred Pungg Osterreich  Österreich 210,4
09 Ján Tánczos Tschechoslowakei  Tschechoslowakei 207,9
10 Thomas Meisinger Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 203,5

Es gab diverse Probleme mit dem Computersystem, der Weitenmessung und auch der Notenvergabe.[6]

Bischofshofen

Pos. Springer Land Punkte
01 Walter Steiner Schweiz  Schweiz 220,4
02 Karl Schnabl Osterreich  Österreich 217,0
03 Jochen Danneberg Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 215,7
04 Thomas Meisinger Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 211,6
05 Klaus Tuchscherer Osterreich  Österreich 207,5
06 Harald Duschek Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 204,4
07 Per Bergerud Norwegen  Norwegen 200,2
08 Henry Glaß Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 200,1
09 Martin Weber Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 198,1
10 Hans Millonig Osterreich  Österreich 196,1

Endstand

Pos. Springer Land Punkte
01 Jochen Danneberg Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 918,5
02 Walter Steiner Schweiz  Schweiz 911,7
03 Henry Glaß Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 892,4
04 Anton Innauer Osterreich  Österreich 876,0
05 Harald Duschek Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 875,8
06 Thomas Meisinger Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 845,7
07 Karl Schnabl Osterreich  Österreich 844,7
08 Reinhold Bachler Osterreich  Österreich 828,8
09 Alfred Pungg Osterreich  Österreich 827,1
10 Martin Weber Deutschland Demokratische Republik 1949  DDR 818,7

Literatur

  • Willi Knecht: Die geteilte Arena. Presseverlag Bahr, Nürnberg 1968

Einzelnachweise

  1. Neue Zeit vom 23. November 1976 S. 6
  2. Berliner Zeitung vom 5. April 1976 S. 6
  3. Berliner Zeitung vom 20. November 1976 S. 4
  4. Aufs Korn genommen. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 30. Dezember 1976, S. 13 (arbeiter-zeitung.at – das offene Online-Archiv Digitalisat).
  5. Innauer fassungslos über Sieg. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 31. Dezember 1976, S. 12 (arbeiter-zeitung.at – das offene Online-Archiv Digitalisat).
  6. «Erster Platz dank Preisrichterirrtum». In: Arbeiter-Zeitung. Wien 3. Jänner 1977, S. 11 (arbeiter-zeitung.at – das offene Online-Archiv Digitalisat).