Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Notiz 072: Konkreter Ort#

(Zeit.Raum: der Netzkultur-Zusammenhang)#

von Martin Krusche

Mit dem Projektabschnitt „Zeit.Raum“ ist ein konkreter Ort in der Innenstadt von Gleisdorf bestimmt, den Unternehmern Barbara Lukas zur Verfügung stellt. Dieser Raum hat zur Straße hin zwei große Fenster, die sich quasi als Bildschirme nutzen lassen. Zwei Monitore, in denen – zeitversetzt – alle vier Wochen neue Episoden auftauchen.

Der Zeit.Raum in der Gleisdorfer Bürgergasse. (Foto: Martin Krusche)
Der Zeit.Raum in der Gleisdorfer Bürgergasse. (Foto: Martin Krusche)

Diese zwei Slots teile ich derzeit mit Malerin Monika Lafer, welche eine prozeßhafte Arbeit erdacht hat. Das heißt, in Summe tut sich hier eine dialogische Situation auf, ein Kommunikationsprozeß zwischen drei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten: Lafer, Lukas und mir. Ein Prozeß, der ganz verschiedene Ebenen und Agenda hat.

Dieser aktuelle Abschnitt meiner Gesamtvorhaben ist Teil eines Komplexes von Wissens- und Kulturarbeit, die ich als „Arbeit am ganzen Leben“ verstehe, wovon nur ein Teil künstlerischer Natur ist. Ich führe zwar ein Leben in der Kunst, aber Kunstpraxis macht darin bloß einen von mehreren Aspekten aus.

Kontraste#

Im „Zeit.Fenster“ spielt meine künstlerische Arbeit derzeit keine vorrangige Rolle. Das Setting: wir könnten kaum verschiedener sein. Monika Lafer gehört einer ganz anderen Generation an. Sie ist Jahrgang 1981, ich bin Jahrgang 1956. Das war definitiv ein Aufwachsen in unterschiedlichen Welten, die von verschiedenen Klängen durchzogen wurden.

Lafer ist Malerin, außerdem Kunsthistorikerin, verknüpft also Theorie und Praxis ihres Tuns auf ganz andere Art als ich, der ich in Texten zu Hause bin und zu Momenten der Konzeptkunst neige. Lafer ist also nicht nur in der Malerei verhaftet, sie arbeitet als Wissenschafterin an einem komplexen Projekt mit hohem Rechercheaufwand. Lafer ist die Mutter eines Kindes im Vorschulalter, ich hab zwei Kinder aufwachsen gesehen, die schon ihre eigenen Laben führen. Sie ist also mit familiärer Versorgungsarbeit befaßt, ich muß mich bloß selbst durchbringen.

Warum sind diese Punkte in unserer Kooperation von Belang? Wo wir Schnittpunkte haben, müssen zwei völlig unterschiedliche Leben und Alltagsabläufe koordiniert werden, in Resonanz kommen. Das betrifft nun keine großen Zeitpensa, aber es definiert die Projektsituation. Das meine ich mit „Arbeit am ganzen Leben“. Was wir jeweils zu tun haben, ist nicht aus allen anderen Zusammenhängen herausgelöst.

Das Gemälde zur zweiten Episode. (Foto: Monika Lafer)
Das Gemälde zur zweiten Episode. (Foto: Monika Lafer)

Netzkultur#

Das Internet bietet uns eine leistungsfähigen Kommunikationsraum, aber es ist auch der Ort des Nichts. Was digitalisiert wurde, ist ins Nichts befördert worden. Das wird einem womöglich erst klar, wenn einem die extrem unsichere Haltbarkeit digitaler Daten auffällt und wenn man sich klar macht, daß wir für unzählige Datenträger keine Geräte mehr haben, um sie zu lesen.

Beispiel: ich besitze noch Disketten im Drei-Zoll-Format, die sind mangels Hardware unlesbar. Ich hab nicht einmal mehr ein Laufwerk für 5,25 Zoll-Discs. Mit 3,5 Zoll-Disketten geht noch was und für 100 MB ZIP-Discs mußte ich mich auf dem Second Hand-Markt umsehen.

Das ist nur ein Aspekt, um den es geht, wenn ich über Netzkultur nachdenke. Andere Zusammenhänge machen zum Beispiel klar, daß die reale soziale Begegnung durch Telepräsenz nicht abgelöst werden kann. Das wäre ein Aufgeben wesentlicher Momente der Conditio humana.

Solche Umstände belegt übrigens auch der Alltag. Sprechen Sie mit Leuten, die in der Corona-Krise vor allem über Telekonferenzen im Team an Aufgaben gearbeitet haben. Ich habe von niemandem gehört, das sei ein Qualitätsgewinn gewesen; im Gegenteil! Manche Angelegenheiten lassen sich wirklich gut nur in realer sozialer Begegnung erledigen.

Das macht mir den „Zeit.Raum“ so wertvoll für das Gesamtvorhaben „Hart am Wind“. Er ist ein konkreter Ort in einer analogen Welt, wo Begegnungen und Handgriffe angesiedelt sein können. Dazwischen nutzen wir ohnehin Telekommunikation und Teleworking für verschiedene Schritte des Prozesses.