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Notiz 059: Der 8. Juni, vor 100 Jahren#

(Wie nun einiges zusammenkam)#

von Martin Krusche

Bevor die Pandemie ausbracht und wir in diesen Lockdown gingen, hatte ich mit Gottfried Lagler beschlossen, über drei Jahre hinweg drei Zeitfenster zu bearbeiten. Das hatte im Kern seine Bezugspunkte in der Welt klassischer Fahrzeuge, betrifft unsere Mobilitätsgeschichte.

Im Zentrum Gleisdorfs: der Solarbaum von Hartmut Skerbisch. (Foto: Martin Krusche)
Im Zentrum Gleisdorfs: der Solarbaum von Hartmut Skerbisch. (Foto: Martin Krusche)

Am ursprünglichen Konzept konnten wir freilich nicht festhalten. Doch es ist reizvoll, auch auf benachbarte Gebiete zu schauen, denn jenes 20. Jahrhundert war von beunruhigender Dynamik. Unser Plan sah folgende Themen-Struktur vor:

  • Arbeitsjahr 2020: Von den 1920er Jahren zum Zweiten Weltkrieg
  • Arbeitsjahr 2021: Vom Steyr Baby zu Ponton & selbsttragenden Karosserien
  • Arbeitsjahr 2022: Die gelungene Volksmotorisierung und die Keilform
Siehe dazu: Design und Epochen (Ein kleiner Überblick für unser Projekt)!

Stadterhebung Gleisdorfs#

Dazu werden wir uns nun bezüglich neuer Aufgabenstellungen umsehen. Es steht aber fest: am 8. Juni 1920 wurde Gleisdorf zur Stadt erhoben. Also genau hundert Jahre vor jenem Abend, an dem ich diesen Text verfasse.

Tags zuvor gab es 1920 in Graz eine Hungerrevolte. Wütende Frauen hatten den Markt am Kaiser-Josef-Platz verwüstet, weil sie von den steigenden Preisen für Obst und Gemüse überfordert und darüber erzürnt waren.

Unmittelbarer Auslöser wurden damals laut mancher Chronik die hohen Kirschpreise. Robert Engele notierte, es sei in der Folge quer durch den Tag zu Ausschreitungen und einem bürgerkriegsartigen Tumult gekommen. Einschreitende Polizisten waren mit Steinen beworfen worden, setzten Säbel und Bajonette ein.

Es kam zu Zusammenrottungen. Am Südtirolerplatz wurden dagegen Maschinengewehre in Stellung gebracht. Die Exekutive eröffnete das Feuer. Jene Eskalation führte laut Engele zu zwölf Toten und 18 Schwerverletzten. (Siehe dazu auch den Eintrag in 365 Schicksalstage - Der Gedächtniskalender Österreichs von Johannes Sachslehner.)

Kurz darauf, am 16. Juli 1920, trat der Vertrag von Saint-Germain formell in Kraft. Dadurch wurde die Auflösung Österreich-Ungarns völkerrechtlich bestätigt. Im darauffolgenden Herbst gab es die erste Nationalratswahl in der Geschichte Österreichs (am 17. Oktober).

8. Juni 2020: Glasfaserkabel in der Hütte. (Foto: Martin Krusche)
8. Juni 2020: Glasfaserkabel in der Hütte. (Foto: Martin Krusche)

Generationenabfolge#

Ich erwähne diese Details, denn 100 Jahre, das sind bloß drei Generationen. Meine Großeltern waren schon Teil dieses Geschehens, mein Vater wurde wenige Jahre danach geboren. Der Große Krieg hatte das Land schwer beschädigt und Massen von Menschen traumatisiert. Damit war der Weg in den Zweiten Weltkrieg geebnet.

Wir durften in der Zweite Republik - trotz der Bedrohungsszenarien durch den Kalten Krieg - in einem Ausmaß an Frieden, Freiheit und zunehmendem Wohlstand aufwachsen, wie das keiner vorangegangenen Generation in der Menschheitsgeschichte je erlaubt war. Genau das steht derzeit unübersehbar auf dem Spiel. Ich nehme diese Zusammenhänge in die aktuelle Arbeit mit. Siehe dazu auch: Das extreme Jahrhundert (Ein kleiner Rückblick auf die 1920er Jahre)!

Zwischenstand#

Nun liegen zwölf Wochen Lockdown hinter uns. Viele unserer Vorhaben sind entfallen. Wir brauchen neue Pläne und neue Vereinbarungen. Ich habe den Eindruck, seit wenigstens zehn Tagen nimmt unser Handlungsspielraum merklich zu. Wir hatten inzwischen Gelegenheit, den Umgang mit dieser unsichtbaren Bedrohung (Covid-19) zu lernen. Hier war am 31. Januar 2020 der Ausgangspunkt markiert: Hundert Jahre sind um (Drei Jahre, drei Themenschwerpunkte). Nun also ein neuer Auftakt.

Post Scriptum#

Launiges Detail, an diesem Montag, dem 8. Juni 2020, genau 100 Jahre nach der Stadterhebung Gleisdorfs, rückte die Vierte Industrielle Revolution in meine Gleisdorfer Wohnung herein. Ein Monteur hatte erst mit seiner Zugspirale die alte Telefonleitung erkundet, ob da ein Durchkommen sei. Dann verlegte er das Glasfaserkabel…