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Notiz 009: Design und Epochen#

(Ein kleiner Überblick für unser Projekt)#

von Martin Krusche

Dieser Beitrag wird schrittweise ausgebaut. Sie sehen hier den ersten Teil,
welchen ich in den kommenden Wochen ergänzen werde.

Gottfried Lagler hat mich über etliche Jahre mehrmals bei der Umsetzung von Stationen zum „Mythos Puch“ unterstützt. Nun arbeite ich seinem aktuellen Projekt zu, das auf drei Jahre angelegt ist: „Fahrzeug oder Stehzeug“ (Ein bewegtes Jahrhundert). Dazu werde ich hier einige bedeutende Grundformen des Autobaus erläutern, weil die nicht nur praktisches Industriedesign darstellen, sondern auch zu kulturellen Codes wurden, soziokulturelle Phänomene begleitet haben. Das sind (bezüglich unseres Vorhabens): Box, Torpedo, Tropfen, Ponton und Keil.

Gottfried Lagler im Puch-Schammerl. (Foto: Martin Krusche)
Gottfried Lagler im Puch-Schammerl. (Foto: Martin Krusche)

Zeitschema und Sonderformen#

Es hatte sich, über den Daumen gepeilt, bis zum Beginn des Großen Krieges (1914-1918) die Zweite Industrielle Revolution etabliert. Das heißt, dank neuer Produktionsmethoden wurden große Serien möglich. Wenn ich hier die Vorkriegszeit erwähne, meine ich damit die gesamte Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945), wovon ein Teil die Zwischenkriegszeit ist, also jene Ära nach 1918 und vor 1939.

In unserer Darstellung bedeutet das auch: die meisten Automobile hatten bis zum Zweiten Weltkrieg Leiterrahmen. In der Nachkriegszeit setzten sich selbsttragende Karosserien durch. Leiterrahmen blieben vor allem bei den Nutzfahrzeugen ein breiter Standard.

Sonderformen wie den Zentralrohrrahmen diverse Plattformen werde ich anlaßbezogen schildern. Vor allem im Rennsport, wo ein Fahrzeug im Einsatz permanent sehr unterschiedliche Kräfte aufnehmen muß, verbreiteten sich Gitterrahmen und Monocoque. Darauf werde ich bei Bedarf zu sprechen kommen.

Martin Krusche im Weingartmann-Rennhaflinger (Foto: Manfred Haslinger)
Martin Krusche im Weingartmann-Rennhaflinger (Foto: Manfred Haslinger)

Zur praktischen Projektarbeit#

Wir haben zu drei Jahren drei Themenschwerpunkte definiert:
  • Arbeitsjahr 2020: Von den 1920er Jahren zum Zweiten Weltkrieg
  • Arbeitsjahr 2021: Vom Steyr Baby zu Ponton & selbsttragenden Karosserien
  • Arbeitsjahr 2022: Die gelungene Volksmotorisierung und die Keilform

Meine Skizze setzt freilich früher an, damit die Entwicklung der Formensprache besser nachvollziehbar ist. Am Ende werde ich auch noch die frühen Formen der pferdelosen Wagen kurz vorstellen, damit klar ist, wie sich das moderne Automobil technisch und formal aus drei Welten hergeleitet hat, Karren, Kutschen und Fahrräder.

Außerdem ergab sich eine interessante Erweiterung des Themas, als den Fahrradproduzenten Orville und Wilbur Wright am 17. Dezember 1903 ein entscheidender Flugversuch gelang. Das geschah am Strand von Kittyhawk (Chickahawk). Was die Brüder „The Whopper Flying Machine“ nannten, ist ein Doppeldecker, der die Geschichte der Motorisierung in die Lüfte verzweigte.

In den frühen Jahren waren Automobilismus und Aviatik in vielen Aspekten besonders eng verbunden. Auch die Steiermark hat dabei ihre Momente, die Erwähnung finden sollen. Außerdem werde ich in einer parallel geführten Projektlinie Europas Kulturgeschichte durchsehen, um deutlich zu machen, wie eine ganze Reihe von populären Motiven längst da waren, als es noch keine Dampfmaschinen und Verbrennungsmotoren gab: „Prometheus in Ketten“ (Himmelsstürmerei und die Folgen).

Vorstufe: Voiturette#

Johann Puch ging im Jahr 1900 mit einem zarten Wägelchen in unsere Geschichtsschreibung ein. Die kaum dokumentierte Voiturette wurde am Grazer Schloßberg erprobt. Ein derart steiler Weg zu jenen legendären Resten einer Festung, die während der Napoleonischen Kriege mangels geeigneter Kanonen der Franzosen von ihnen nicht eingenommen werden konnte, galt als vorzügliche Teststrecke.

Puch Voiturette von 1900. (Foto: Martin Krusche)
Puch Voiturette von 1900. (Foto: Martin Krusche)
Albl Phönix von 1902. (Foto: Martin Krusche)
Albl Phönix von 1902. (Foto: Martin Krusche)
Puch Voiturette von 1906. (Foto: Martin Krusche)
Puch Voiturette von 1906. (Foto: Martin Krusche)

Der Albl Phönix von 1902, das älteste noch fahrbereite Automobil aus Grazer Produktion, ist exemplarisch für jene Zeit. Da können zwar zwei Menschen in der Ebene passabel unterwegs sein, aber auf etlichen Bergstrecken muß man neben dem Wägelchen hergehen. Eine Plattform, ein Kasten mit dem Motor, eine Sitzbank und etwas Stauraum… quasi ein Tablett mit Kisten.

Die Puch Voiturette von 1906 wirkt schon einen Hauch bulliger, bietet unter dem Klappverdeck etwas Wetterschutz und kann mit ihrem kleinen Reihenzweizylinder ganz flott bewegt werden. In die Berge schafft man es damit aber eher nicht. (Ich hab gesehen, welche körperliche Anstrengung ein weit modernerer Steyr IV aus den 2920er Jahren verursacht, wenn es in die Hügel geht.) Diese Voiturette aus der Kleinstserie stand also erst an einer Schwelle zu etwas robusteren Vierzylinder-Fahrzeugen, die bis 1910 häufiger auf den Straßen auftauchten.

  • Pferdelose Wagen (kommt)

Box (Flivver)#

Die Tin Lizzy, der Ford Model T, wurde von 1908 bis 1927 gebaut. Ich hab hier einen Speedster von 1910, der typisch für jene Ära ist, da gerade noch zarte Voiturettes gebaut wurden. Darauf saß man luftig wie auf einem Balkon, dem Wetter ausgesetzt.

Ford Model T Speedster von 1910. (Foto: Martin Krusche)
Ford Model T Speedster von 1910. (Foto: Martin Krusche)
Ford Model T Doppelphaeton von 1915. (Foto: Martin Krusche)
Ford Model T Doppelphaeton von 1915. (Foto: Martin Krusche)
Ford Model T Tourer von 1927. (Foto: Martin Krusche)
Ford Model T Tourer von 1927. (Foto: Martin Krusche)

Der Wunsch nach mehr Tempo, kräftigeren Motoren (vom Vierzylinder aufwärts) und Wetterschutz ließ etliche Autos aussehen, als hätte man mehrere Kisten zusammengeschraubt. Es dauerte freilich nicht lange, da legten Kunden Wert auf elegante Karosserien. An den Flivvers, wie „alten Karren“ von Ford bald genannt wurden, kann man exemplarisch sehen, daß die Bordwände zügig hochgeführt wurden, daß die Konstrukteure Stufen zwischen Fahrgast- und Motorraum einebneten, die Gürtellinien der Fahrzeuge begradigten, was die Torpedo-Karosserie hervorbrachte.

  • Phaeton (An der frischen Luft)
  • Vorkriegs-Kisten (kommt)
  • Dienst ist Dienst: militärische Kisten (kommt)

Torpedo#

Der Torpedo, egal ob offen (Phaeton) oder geschlossen (Sedan) hat eine durchgehende Gürtellinie ohne Schnörkel und Stufen. Damit machen viele der Autos einen wesentliche aufgeräumteren Eindruck. Die Torpedos drücken Tempo und Dynamik aus, was etwa in den 1920er Jahren gewöhnlich noch unter der 100 Km/h-Marke blieb. (Rennfahrzeuge sind da ein anderes Kapitel.)

Der Puch Alpenwagen zeigt eine durchgehende Gürtellinie. (Foto: Martin Krusche)
Der Puch Alpenwagen zeigt eine durchgehende Gürtellinie. (Foto: Martin Krusche)
Doppelphaeton als Torpedo: Steyr XX. (Foto: Martin Krusche)
Doppelphaeton als Torpedo: Steyr XX. (Foto: Martin Krusche)
Der Steyr XII von 1927, Österreichs erstes Großserien-Automobil. (Foto: Martin Krusche)
Der Steyr XII von 1927, Österreichs erstes Großserien-Automobil. (Foto: Martin Krusche)

Tropfen#

In den frühen Jahren wurde das Fliegen auch Luftschwimmen genannt. Da denkt man eher an Strömungen, wie auch beim Wasser. Taucht ein Körper in solche Medien, erzeugt die Bewegung bestimmte Strömungsverläufe. Davon werden Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung beeinflußt.
Ein Vorbote der Stromlinien-Ära: Rumpler Tropfenwagen, Bj. 1923. (Foto: Robotriot, Creative Commons)
Ein Vorbote der Stromlinien-Ära: Rumpler Tropfenwagen, Bj. 1923. (Foto: Robotriot, Creative Commons)
Der erste formvollendete Streamliner Österreichs, Karl Jenschkes Steyr „Baby“. (Foto: Martin Krusche)
Der erste formvollendete Streamliner Österreichs, Karl Jenschkes Steyr „Baby“. (Foto: Martin Krusche)
Ein Auto wie ein Luftschiff: 1950er Tatraplan 600. (Foto: Martin Krusche)
Ein Auto wie ein Luftschiff: 1950er Tatraplan 600. (Foto: Martin Krusche)
Techniker-Namen wie Jaray, Kamm oder Kommenda erinnern an das Einsickern von Flugzeugbau-Know how in die Automobilentwicklung. Tempo, Bodenhaftung, Wirtschaftlichkeit haben einige Stellschrauben in der Aerodynamik. Vielfach darf aber die optische Eindruck von Stromlinienförmigkeit genügen.

Ponton#

Auf einem Leiterrahmen kann man fast unbegrenzt mit Karosserievarianten spielen oder auch ganz auf ein nennenswertes Häusel verzichten. Dagegen hat die selbsttragende Karosserie, wie der Begriff offenlegt, auch tragende Funktionen. Das heißt, Form und Funktion gehen eine andere Art der Beziehung ein. Die Stufenhecklimousine ist auf diesem Weg nüchterner geworden.

Ausgestellte Kotflügel verflachen, Scheinwerfer werden integriert: Opel Olympia Rekord. (Foto: Martin Krusche)
Ausgestellte Kotflügel verflachen, Scheinwerfer werden integriert: Opel Olympia Rekord. (Foto: Martin Krusche)
Aus der selbsttragenden Karosserie treten Kotflügel nur noch moderat hervor: Mercedes-Benz 190. (Foto: Martin Krusche)
Aus der selbsttragenden Karosserie treten Kotflügel nur noch moderat hervor: Mercedes-Benz 190. (Foto: Martin Krusche)
Wunderbar gerundeter, kompakter Ponton: Renault Dauphine. (Foto: Martin Krusche)
Wunderbar gerundeter, kompakter Ponton: Renault Dauphine. (Foto: Martin Krusche)

Keil#

In einer Zeit, da sich an Autos saubere Bügelfalten verbreitet haben und manche Karosserien fast wie mit dem Lineal gezeichnet wirkten, ist es nicht überraschend, daß es jemandem einfiel, diesen Kubismus auf eine Keil hinzuschärfen und die Frontpartie zu einem Gefälle umzukupfern. Ich vermute, es würden bis heute Pfeile gebaut werden, wenn sie sich nicht durch gesetzliche Bestimmungen zum Schutz des Fußvölkchens auf den Straßen in rundgelutschte Bachkiesel verwandelt hätten.

Dieser Keil war schon vor dem Ro 80 da: der Renault 16. (Foto: Martin Krusche)
Dieser Keil war schon vor dem Ro 80 da: der Renault 16. (Foto: Martin Krusche)
Der NSU Ro 80 wird gerne als Begründung der Keilform bezeichnet. (Foto: Martin Krusche)
Der NSU Ro 80 wird gerne als Begründung der Keilform bezeichnet. (Foto: Martin Krusche)
Fiat X1/9, der Volkswagen unter den Sport-Keilen. (Foto: Martin Krusche)
Fiat X1/9, der Volkswagen unter den Sport-Keilen. (Foto: Martin Krusche)
  • Linierte Eleganz (kommt)
  • Hüftschwung: Muscle Cars

Was noch kommt#

Ich werde die einzelnen Sektionen hier noch näher erläutern. Aurtomobildesign ist grundätzlich komplexe Teamarbeit. Aber oftmals kann eine exponierte Person genannt werden, welche für die Projektleitung oder für das Desingnbüro steht. Ich werde, wo immer möglich, Beispiele aus der Automobilgeschichte Österreichs wählen, speziell jene der historischen Steyr-Daimler-Puch AG, um den technologie- und sozialgeschihtlichen Hintergrund auszuleuchten. Das wirft ein besonderes Licht auf die Steiermark, an der bemerkenswert ist, daß sie in zweihundert Jahren von einer völlig verarmten, rückständigen Region zu einem blühenden Bundesland wurde.

Steirische Mobilitätsgeschichte#

Es ist übrigens bemerkenswert, daß es in der Kutschenwelt ein sogenanntes Steierwagerl gab, das kein regionales Phänomen blieb, sondern einen international geläufigen Wagentyp darstellt. Darum gehe ich ein einem Text, der einen kleinen Überblick bietet, von diesem Motiv aus:
Das Steirerwagerl im Buch „Das Luxus-Fuhrwerk“ von Carl Gustav Wrangel (1898)
Das Steirerwagerl im Buch „Das Luxus-Fuhrwerk“ von Carl Gustav Wrangel (1898)

Die Projektsituation#

Weiterführende Texte#