Flocke: Kontroversen#
(Konferenz in Permanenz: Wo ist die Höhe der Zeit?)#
von Martin KruscheKennen Sie dieses Bonmot? „Es ist einfacher, für seine Prinzipien zu kämpfen, als nach ihnen zu leben.“ Dazu folgende Überlegungen. Das altgriechische Wort Nomos bedeutet Gesetz. Autonomie meint, ich gebe mir selbst die Regeln. (Es wäre demnach wohl töricht, selbstgewählte Regeln zu übergehen.) Frei zu sein heißt gewiß nicht, daß ich tun kann, was mir gerade einfällt, womöglich auch auf Kosten anderer. Das wäre Tyrannei.
Frei zu sein bedeutet bei sozialer Praxis vor allem, in hohem Maß selbstbestimmt zu sein. Das ist keine statische, sondern eine sehr dynamische Kategorie; und zwar im Verhältnis zu den Interessen jeweils anderer Personen. Was genau wäre nun in diesem Zusammenhang eine autonome, wahlweise freie Kulturinitiative?
Ich erlebe in Gleisdorf aktuell, daß derlei Begriffe vor allem als eine Art von „Duftmarken“ verstreut werden. Da kommen dann Zentrumsleute in die Provinz und reißen die Klappe auf, ohne allzu viel Ahnung von den Bedingungen der Wissens- und Kulturarbeit abseits des Landeszentrums nachzuweisen.
Da reißen Provinzleute die Klappe auf, um zu demonstrieren, daß sie sehr provinziell sind. Aber all das ist weder auf ein kohärentes Strategiepapier gestützt, auf nachvollziehbare Arbeitsunterlagen, noch gibt es bis heute ein Ergebnisprotokoll, welches sachkundige Arbeit an den aktuellen Problemen belegt.
Sie sind viele?#
In einem Zeitungsbericht las ich: „Anstatt im Nachhinein Schäden zu reparieren, hätte die Stadt Gleisdorf frühzeitig die ‚Intelligenz der Vielen‘ einbinden können, um die aktuelle Situation zu vermeiden…“ (Quelle: Kleine Zeitung) So das Fazit bezüglich einer Gleisdorfer Aktion im Rahmen der Kampagne „Kulturland retten“.Falls da draußen viel kulturpolitische Intelligenz wirkt, hätte sie freilich während der letzten Jahre längst auch von sich aus aktiv werden können. Wie und warum? Erstens gehören einige der protestierenden Personen zum Establishment des „Kulturpakt Gleisdorf“, welcher zweitens seit über einem Jahrzehnt die fixe Schnittstelle zwischen Kommune und Kulturbasis ist, wo man sich angeblich regelmäßig getroffen hat.
Wer in meiner Branche nicht gerade ein Agent der Blödheit ist, mußte spätestens nach dem zweiten Corona-Lockdown wissen, daß eine Struktur- und Budgetkrise kommen wird. (Wie schon 2010 im Kielwasser der Weltwirtschaftskrise.) Die Frage war für Professionals ja nicht ob sie kommt, sondern wann sie kommt. Jetzt also. (Dabei ist der FPÖ-Landeshauptmann bloß ein weiteres Detail, nicht die primäre Quelle des Problems.)
Fehlerkultur?#
Freilich wurde im Rathaus kulturpolitisch eine ganze Reihe von gravierenden Fehlern begangen. Doch jedem davon kann ich einen ebenso gravierenden Fehler der Basis Kunst- und Kulturschaffender gegenüberstellen. Da sind sich beide Lager nichts schuldig geblieben. Okay. Am Beheben von Fehlern kann man arbeiten.Was wäre nun naheliegend? Na, zum Beispiel, daß sich diese Lager verständigen, um zur aktuellen Problemlage einen validen Befund zu erarbeiten. Damit ließe sich a) klären, was getan werden kann, um aus der Krise rauszukommen, um b) ebenso zu klären, wer nun was davon tun wird. Es geht um das konkrete Übernehmen von Verantwortung auf beiden Seiten.
Mehr noch, ich befürworte eine konkrete Zusammenarbeit der drei Sektoren Staat, Markt und Zivilgesellschaft, auch in der Verständigung zwischen Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft. Das fällt nicht vom Himmel. Dazu brauchen wir keine schnellen Wow-Effekte. Das läßt sich über konzentrierte Arbeit erreichen.
Was sich angebahnt hatte#
Ich meine, die Krise war vorhersehbar, ihre genaue Beschaffenheit nicht. Sowas verlangt nach kompetenter Arbeit. Das Manifest der „Rettungs-Kampagne“ kann ich nicht als ein Beispiel kompetenter Arbeit deuten; siehe: „Manifest #kulturlandretten“, den Link am Seitenende. In dieser Befindlichkeitsprosa, die sich formal der Lyrik annähert, finde ich keinerlei Hinweis auf nötige Schritte der primären Kräfte.„Und du so?“ werde ich dann gelegentlich gefragt. Ich bin Teil einer Crew deren kontinuierliche kulturpolitische Debatten über Jahre dokumentiert sind. Aber weit wichtiger, ich bin der kulturpolitische Stratege des Gleisdorfer „Archipel: Forum für Kunst, Kultur und Bildung“.
Diese autonome Kulturformation ist eine praktische Antwort auf die deutlichen Zeichen der letzten Jahre und auf die aktuelle Krise. Unsere konzeptionelle Arbeit daran hat Mitte 2023 begonnen. Seit 2024 fahren wir kontinuierlich Programm. Vollkommen autonom und ohne daß uns die aktuelle Krise der Gleisdorfer Kulturpolitik auch nur beunruhigt oder gar erschüttert hätte. Einem Prinzip folgend, das ich aus den Jahren der Befassung mit eigenständiger Regionalentwicklung mitgebracht hab: Aktion und Reflexion beieinander halten!
- Übersicht: Konferenz in Permanenz
- Übersicht: Flocke (Eine Kolumne)
Ergänzend#
- Kleine Zeitung: Debatte im Gleisdorfer Rathaus
- Manifest #kulturlandretten
- Ein temporärer Kulturpakt (Wie es mit dem Kulturpakt Gleisdorf im Jahr 2011 begann)
- Kulturpakt Gleisdorf heute
- Gleisdorf: Kulturpolitik
Der Archipel#
- Archipel: Forum für Kunst, Kultur und Bildung
- Die Tangente: Zur Zeitenwende (Ein kulturpolitisches Positionspapier)
- Kulturpolitik (Eine Debatte: Überblick)
- History (Aktuelle Termine & Ein Stück regionale Kulturgeschichte)

