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Das Gewicht der Argumente#

(Kulturpolitische Aspekte laufender Arbeit)#

von Martin Krusche

Das Langzeitprojekt „The Long Distance Howl“ befindet sich, wie schon erwähnt, im letzten Fünftel seiner Laufzeit. Vier von zwanzig Jahren liegen noch vor mir. Davon wird etliche Kraft auf die Reflexion verwendet, auf die Auswertung der Erfahrungen aus diesen zwei Jahrzehnten. Da es in all dem auch Dissens gibt, den ich ohnehin für unverzichtbar halte, begleitet uns stets die Frage nach dem Gewicht der Argumente.

Der Begriff Kunst wird längst ganz beliebig okkupiert. Wenn wir aber keine Begriffe haben, wissen wir nicht, wovon wir reden. (Foto: Martin Krusche)
Der Begriff Kunst wird längst ganz beliebig okkupiert. Wenn wir aber keine Begriffe haben, wissen wir nicht, wovon wir reden. (Foto: Martin Krusche)

Der regionale Kulturbetrieb würde ohne unbezahltes Engagement untergehen. Das Ehrenamt sorgt hauptsächlich für ein relevantes Geschehen abseits der Mainstream-Ereignisse, die meist dem City-Marketing und ähnlichen Instanzen zu dienen haben.

Doch um Kontinuität zu schaffen und relevante Themen zu erschließen, braucht es Ressourcen, die in ganz unterschiedlichen Währungen verfügbar sein müssen. Auch in Begleitung des Ehrenamtes. Sichtbarkeit ist eine dieser Währungen. Mediale Aufmerksamkeit ist ein andere. Und selbstverständlich Cash.

Das regionale Publikum wird nicht bloß durch ein vielschichtiges Unterhaltungsangebot verwöhnt. Wo kleine Formen dominieren und privates Engagement regiert, möchten die Menschen zum Beispiel meist ebenso bewirtet werden, wie es Kommunen tun. Es braucht seit Jahren immer mehr Aufwand und Wow-Effekte, um Publikum zu bewegen. Wie wirken dabei private und öffentliche Hand zusammen?

Das waren über etliche Jahre zentrale Themen der Kulturinitiative Kunst Ost, aus deren Arbeit das Aprilfestival hervorgegangen ist. Dieser Bereich verselbständigte sich, als Bildhauer Winfried Lehmann 2015 die Intendanz übernahm und im Hintergrund Fokus Freiberg wesentliche Arbeit einbrachte, damit die Umsetzung gesichert sei.

Auch Erkenntnisgewinn ist eine Währung#

Lehmann programmierte das Aprilfestival von 2015 bis 2019, was auf Facebook zu einer erstaunlichen Nachricht führte: „Nachdemich neun Jahre lang das Aprilfestival geleitet habe,möchte ich mich hiemit verabschieden…“ Siehe dazu die Notiz: Der Lauf der Dinge (Das Aprilfestival, eine Situation).

Die Reaktionen auf Lehmanns Abschied zeigen einige interessante Details, die teilweise auch kulturpolitische Aussagekraft haben. Wie entwickelt sich das geistige Leben unserer Region und worauf ist es gestützt? Was geschieht konkret und welche Deutungen ergibt das? Auch in solchen Bereichen wird gesellschaftliche Realität erzeugt und medial verbreitet.

Kunst Ost ist ein Produkt des Langzeitprojektes „The Long Distance Howl“, in dem solche Themen permanent bearbeitet und anfallende Fragen debattiert werden. Das Aprilfestival begann ursprünglich als ein Beispiel kollektiver Wissens- und Kulturarbeit, die sich dezentral manifestierte, also quer durch die Region - an mehreren Plätzen - umgesetzt wurde. Genau das war ein erklärtes Fundament des Konzeptes. Die eingeführten Kulturkonferenzen quer durchs Jahr fanden freilich ihr Ende. Die Rückkehr zu einem alten Modus ergab sich aus den Interessenslagen regionaler Kreativer.

Lehmann sah zu Recht in einem Plenum zur Programmarbeit keine Grundlage für die weitere Programmierung des Aprilfestivals. Davor waren derlei Plenartreffen der Kunst- und Kulturschaffenden schon beim „Kulturpakt Gleisdorf“ eliminiert worden. Der Rückgriff auf die alten hierarchischen Modi fanden keinerlei Einwände seitens der Kunstschaffenden, müssen daher als passend qualifiziert werden.

Das Schloß Freiberg hat eine Tradition der Kulturveranstaltungen, welche in die 1970er Jahre zurückreicht. (Foto: Martin Krusche)
Das Schloß Freiberg hat eine Tradition der Kulturveranstaltungen, welche in die 1970er Jahre zurückreicht. (Foto: Martin Krusche)

Inzwischen ist klar, was das bedeutet, wie dann übrigens auch Lehmanns Erfahrungen belegten. Kunstschaffende neigen hier nicht dazu, selbst Verantwortung für den Kulturbetrieb zu übernehmen, relevante inhaltliche Arbeit einzubringen und/oder sich für die Veranstaltungen zu engagieren. Sie möchten einfach von übergeordneter Stelle gebucht werden, möchten ausstellen, auftreten. Damit war auch das erprobte Bottom up-Prinzip weitgehend hinfällig.

Lehmann beklagte gelegentlich, daß er mit künstlerischen Angeboten überschwemmt werde, aber auf der nötigen Arbeit zu einem guten Teil sitzenbleibe. Das ist für sich ja ein deutliches Argument Richtung Eventmanagement, bei gleichzeitiger Vernachlässigung kulturpolitischer Agenda.

Kriterien?#

Wären die meisten Kreativen, von denen Werke zur Präsentation angeboten werden, a) marktfähig, b) publikumswirksam und überdies c) von künstlerischer Relevanz getragen, könnte man freilich für ein entsprechendes Kulturmanagement eintreten, das ausreichend vielseitigen Nutzen generiert. Damit ließe sich die nötigen öffentlichen und privaten Gelder rechtfertigen. Selbstverständlich hängt dieses ganze Geschehen von einer Balance im Leistungsaustausch ab.

Doch so funktioniert so ein Bereich des regionalen Kulturbetriebes nicht; unter anderem, weil der überwiegende Teil jener Kreativen, die hier ans Licht der Öffentlichkeit drängen, ohne diese drei Qualitäten oder mit eher wenig davon ankommen: a) Marktfähigkeit, b) Publikumswirksamkeit und c) künstlerischere Relevanz.

Daher bedürfte es anderer Begründungen und Verfahrensweisen, um nun etwa das Aprilfestival weiterzuführen und die dafür nötigen Budgets aufzutreiben. Lehmann hat ja selbst unmißverständlich klargemacht, daß ihm Arbeitsaufwand und Budgetdruck mittlerweile zu viel geworden seien. Unter diesem Druck konnte auch kein Qualitätssprung gelingen. Die Profis der Kunstwelt müssen ja, im Gegensatz zur Hobbyliga, ganz anders wirtschaften, können erstklassige Arbeiten nur ausstellen, wenn die Bedingungen dafür passen.

Praxis#

Wie reagiert nun Lehmanns Umfeld? Etwa mit kulturpolitisch stichhaltigen Überlegungen und dem Angebot, sich an der nötigen Arbeit zu beteiligen? (Budget-Akquise, Öffentlichkeitsarbeit, Tramsport, Organisation etc.) Keineswegs! Es regnet Lob für Lehmann, das freilich nicht viel kostet. Und statt der überfälligen gesellschaftspolitischen Reaktionen kommen sozialromantische Verklärungen, von denen ich eine exemplarisch hervorheben und analysieren möchte. Es ist eine dieser Grußbotschaften, die sich bei näherem Hinsehen als kulturpolitisches Karaoke erweisen.

„Lieber Winfried, Du hast das jedes mal grossartig gemacht und ich bin mir sicher, dass Du zusammen mit Deinem Team einen soliden Grundstein für die Zukunft gebaut und geschaffen hast. Ich bin nicht der Meinung, dass die Zukunft vom Konsum geprägt sein wird, wie es gegenwärtig scheint und sehe eine ganz starke Entwicklung in Richtung Wahrhaftigkeit, in Richtung ‚Berühren statt Beeindrucken‘, in Richtung realer Werte und Inhalte im Kontrast zum virtuellen Nichts. und da sind Kunst und Kultur extrem wichtige und wesentliche Säulen um das spürbar zu machen und zu veranschaulichen. Danke Dir and watch: History will tell - alles Liebste.“

Auf die Art simuliert heute ein Kleinbürgertum die Zuversicht, anstatt sich den offenen Fragen und Details zu widmen, um zu klären, a) welche Arbeit ansteht und b) wer sie zu welchen Bedingungen erledigen soll.

„…ich bin mir sicher, dass Du zusammen mit Deinem Team einen soliden Grundstein für die Zukunft gebaut und geschaffen hast.“

So funktioniert das nicht und so ist es auch nicht der Fall. Die wichtigste Stütze des Aprilfestivals in der Ära Lehmann war die Kulturinitiative Fokus Freiberg. Deren Exponent Ewald Ulrich, ein kunstaffiner Unternehmer, hat über die Jahre ganz erhebliche Mittel eigesetzt, um den Lauf dieser Dinge zu sichern. Das wird bloß on stage nicht wahrgenommen und Kreative, die Einladungen erhielten, setzen das meist als selbstverständlich voraus.

Die Einladung zum kulturellen Engagement seitens der Zivilgesellschaft wurde weitgehend ignoriert. (Archiv Martin Krusche)
Die Einladung zum kulturellen Engagement seitens der Zivilgesellschaft wurde weitgehend ignoriert. (Archiv Martin Krusche)

Ulrich lud im Juli 2019 zu einem Arbeitstreffen, um die weitere Entwicklung zu erörtern. Ich erinnere mich ferner an eine E-Mail, in der er ausdrücklich mitteilte, hier stünden nun Türen offen, um neuen Kräften Platz zu machen und ihnen Rückhalt zu bieten.

Das führte zu genau einer einzigen Novität. Das leitende Duo vom Hackerspace machquadrat brachte sich ein, war dann auch bei Fokus Freiberg: Nächste Spuren (Drei Tage im November) mit von der Partie. Andere blieben dieser Gelegenheit zur Neuorientierung fern, auch Lehmann selbst.

Wer arbeitete noch mit? Kerstin Feirer mit dem Team von Wosnei x. Auch der Verbund Kunst Ost & Kultur.at sowie der Ludersdorfer Bürgermeister Peter Moser und ein Team vom Leader Regionalmanagement, welches quasi die Energieregion repräsentierte. Also packte jene mit an, die sich schon vorher aktiv gezeigt hatten, plus ein junges Duo. Das war alles. Es gab keinen zusätzlichen „soliden Grundstein für die Zukunft“.

Kaffesudleserei#

Der Satz „Ich bin nicht der Meinung, dass die Zukunft vom Konsum geprägt sein wird, wie es gegenwärtig scheint und sehe eine ganz starke Entwicklung in Richtung Wahrhaftigkeit,…“ läßt sich also in der Praxis derzeit nicht belegen. Im Gegenteil, wir sehen, daß die regionale Gesellschaft in den letzten Jahren einen deutlichen Ruck von der Option Partizipation zum Bereich Konsumation vollzogen hat. Das geschah mit energischer Unterstützung durch diverse professionelle Managements. Die geäußerte Behauptung ist also kein Befund, sondern eher Kaffesudleserei.

Was uns derzeitige Prognosen an Vermutungen erlauben, widerspricht zweckoptimistischen Wohlfühlsätzen wie: „…und sehe eine ganz starke Entwicklung in Richtung Wahrhaftigkeit, in Richtung ‚Berühren statt Beeindrucken‘, in Richtung realer Werte und Inhalte im Kontrast zum virtuellen Nichts.“ Das ist bloß eine Art gedankliches Parfum-Zerstäuben.

Dazu kommt der Umstand, daß die Annahme von „realen Werten“ und Inhalten im Kontrast zum „virtuellen Nichts“ a) schlampige Polemik und b) strikt voriges Jahrhundert ist. In der ab den 1990er Jahren österreichweit gut verknüpften Netzkulturszene war schon absolut klar, daß Inhalte zählen und daß reale soziale Begegnung nicht durch Telepräsenz ersetzt werden können.

Aber die virtuellen Welten ergaben eine Erweiterung des Realraumes, welche keinesfalls zu einem „Nichts“ wurde, sondern zu gesellschaftlicher Realität. So ist der Stand der Dinge, von dem sich auffallend viele gerne ins vorige Jahrhundert zurückträumen, das sie sich als kuschelig zurechtdenken.

Inzwischen haben wir erlebt, daß computergestützte Modi eng und umfassend mit allen anderen Sektoren unseres Lebens verzahnt sind und daß selbstlernende Systeme unterwegs sind, weite Bereiche von Tätigkeiten zu besetzen, die vorher nur von Menschen bearbeitet werden konnten.

Wer sein Metier kennt und den eigenen Beruf ernst nimmt, weiß als Kulturschaffender überdies, daß wir seit Aristoteles mit solchen Kontrasten und eben diesen Begriffen „Virtualität/Aktualität“ arbeiten, um zu brauchbaren Beschreibungen der Welt zu kommen. Die bipolare Deutung einer verläßlichen „Realität“ gegenüber einem „virtuellen Nichts“ ist nicht einmal mehr voriges Jahrhundert, sondern Maschinenstürmer-Romantik des 19. Jahrhunderts.

Das alles zu klären und praktikable Schlüsse daraus zu ziehen, macht folglich Arbeit. Dagegen ist blumige Polemik billiger zu haben. Die Glückwünscherei ersetzt uns freilich aktuelle Anstrengungen nicht. Das zählt übrigens zu den zentralen Aufgaben kollektiver Wissens- und Kulturarbeit: sich um brauchbare Beschreibungen der Welt zu bemühen. Sonst taugen unsere Befunde nichts und wir können auf Probleme kaum angemessen reagieren.

Wo konkrete Arbeit gefragt wäre, muß Pose genügen. (Archiv Martin Krusche)
Wo konkrete Arbeit gefragt wäre, muß Pose genügen. (Archiv Martin Krusche)

Aber auch das ist ein typisches Detail jener aktuellen Entwicklung des regionalen Kulturbetriebes während der letzten zehn, fünfzehn Jahre. Diese brausende Geschwätzigkeit, von der reale Prozesse begleitet werden, mit der sich allerhand Leute ein konkretes Engagement ersparen.

Große und kleine Intentionen#

Ich hab eingangs schon erwähnt, daß es diesen Kulturbetrieb ohne unbezahltes Engagement so nicht gäbe. Da bliebe bloß übrig, was gemacht wird, weil etablierte Agenturen für ihre Auftraggeber via Public Relations etwas an symbolischem Profit generieren wollen. Plus einige kleine Initiativen von ganz unterschiedlicher Wirkmächtigkeit

Deshalb wird ein Gleisdorfer „Forum Kloster“ mit großem Aufwand bespielt und der „Kulturpakt Gleisdorf“ wurde schon vor Jahren dem Büro für Kultur und Marketing unterstellt. Deshalb gibt es die teure „Kunst am Weizberg“, wie es sie ohne die Mittel der Diözese nicht gäbe; im launigen Kontrast zur roten Kulturpolitik der Elin-Stadt. Relevante Kulturereignisse, ohne Frage, aber das ist alles Top down und nicht Bottom up.

Angesichts dieser Zusammenhänge ist das mit der „Wahrhaftigkeit“ bloß ein nettes Andachtsbildchen, ein hohler Kalenderspruch. Dieses: „…und da sind Kunst und Kultur extrem wichtige und wesentliche Säulen um das spürbar zu machen und zu veranschaulichen“ bleibt fadenscheinig.

Wäre dem so, gäbe es über diese Wichtigkeit einen gut erkennbaren gesellschaftlichen Konsens, stünden folglich ganz andere Ressourcen zur Verfügung, wären öffentliches Augenmerk und privates Engagement nicht von momentaner Art. (Was in einer Gesellschaft wirklich gewollt ist, kann man oft sehr gut an Gesetzestexten und Budgetzahlen ablesen.)

Ein Beispiel für solide inhaltliche Arbeit und relevante Umsetzung: die Performance des Trios Kerstin Feirer, Sonja Herbitschek und Petra Gangl (von links) auf Schloß Freiberg. (Foto: Martin Krusche)
Ein Beispiel für solide inhaltliche Arbeit und relevante Umsetzung: die Performance des Trios Kerstin Feirer, Sonja Herbitschek und Petra Gangl (von links) auf Schloß Freiberg. (Foto: Martin Krusche)

„History will tell.“ Naja, das tut sie eh schon die längste Zeit. Da mangelt es an keinen Klarheiten. In der Sache muß niemand herumwarten. Weshalb? Weil sich Zukunft nicht ereignet, irgendwie und irgendwann daherkommt, sondern weil sie gemacht wird. Von wem? Gute Frage!

Aber so lange das regionale Kulturvölkchen sich lieber überschwenglich bei einem scheidenden Impresario bedankt, statt erkennbar die nächste Runde einer interessanten Kulturentwicklung abseits des Landeszentrums einzuläuten, befindet sich dieses gesellschaftliche Feld auf Retrokurs, wo sich Leute vor der Zukunft fürchten und die Vergangenheit romantisieren.

Die „Drei Tage im November“ des Jahres 2019 waren unmißverständlich. Ein paar wenige gute Leute haben bemerkenswerte Arbeit gemacht. Der Rest jener, die garantier demnächst noch öfter beklagen werden, was dem regionalen Kulturbetrieb widerfährt, blieben fern, meldeten sich erst jetzt wieder, als via Facebook gegrüßt werden konnte. Wie erwähnt, die billige Variante.

All das nimmt nichts von der Verdiensten, die Lehmann mit seiner Kulturarbeit erworben hat. Es gab einerseits spannende Veranstaltungen, von denen sich beachtliche Kreise an Publikum erreichen ließen. Andrerseits drückt der Status quo einen kulturpolitischen Zustand der Region aus. Darüber können wir hinweggehen. Oder wir könnten erörtern, was uns dieser Zustand sagt.

Doch ich halte für gewiß: es entstehen stets andere, manchmal neue Dinge. Bleibt bloß die Frage, wer dann jeweils Inhalte und Gangart bestimmt, wer die Budgets für welche Zwecke abholt. Bon Voyage! (Vorangegangen: Der Lauf der Dinge. Das Aprilfestival, eine Situation)