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Notiz 036: Der Lauf der Dinge#

(Das Aprilfestival, eine Situation)#

von Martin Krusche

Am 11. November 2019 notierte Bildhauer Winfried Lehmann auf Facebook: „Nachdemich neun Jahre lang das Aprilfestival geleitet habe,möchte ich mich hiemit verabschieden mit dem Wunsch, dass es weiter bestehen wird. Ich sehe es als große Bereicherung an in meiner Pension,über 70 Künstler kennen gelernt zu haben und beim Festival zu präsentieren.Mein Dank geht an alle die mich dabei unterstütz haben.“

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Das paßt auf eigentümliche Art dazu, wie diese Gesellschaft sozial, politisch und kulturell immer mehr Bereiche in ein Simulakrum verschiebt. Aber Simulation, also das Pflegen des Virtuellen gegenüber dem Aktuellen, ist ein wesentlicher Aspekt des kulturellen Geschehens.

Die "neun Jahre" der Leitung des Aprilfestivals begann Lehmann im Jahr 2015, woran sein Mission Statement erinnert: (Text) Das heißt, hier wurde die gesamte Vorleitung anderer einfach subsummiert. Diese aktuelle Legendenbildung unterstreicht auch Gleisdorfs Kulturreferent Alois Reisenhofer.

Er meint dazu: „Lieber Winfried! Ich möchte mich im Namen der Kultur Gleisdorf recht herzlich bei dir für deine jahrelange Kulturarbeit bedanken. Das Aprilfestival war/ist/und wird hoffentlich sein/ immer einer der Höhepunkte im Ablauf eines Kulturjahres der Region! Du hast es getragen und zu dem gemacht, was es ist. Aber irgendwann heißts halt ‚time to say good bye‘ ich wünsche dir für die Zukunft noch viele schaffensfrohe Jahre und sei stolz, auf das, was du bewirkt hast! Herzlichen Dank! LG Luis“

Politik als angewandte Public Relations? Das kommt vor. Regionale Wissens- und Kulturarbeit ist auf Kontinuität angewiesen, um Wirkung zu erzielen. Sie bedarf konsequenter inhaltlicher Arbeit und sollte sich auf eine engagierte Basis stützen können. Ob sich solche Prozesse eher bottom up oder top down entfalten, macht meist darin einen Unterschied, ob dann Tendenzen eher Richtung Konsumation oder Partizipation verlaufen.

Unmittelbare Vorgeschichte#

Das Aprilfestival wurzelt in der langjährigen Arbeit von Kunst Ost. Dabei waren zwei Kunstveranstaltungen (2008 und 2009) wegweisend, die bewußt dezentral angelegt wurden, um den Bezirk zu durchlaufen. Sie basierten auf den Plenartreffen der Basis Kulturschaffender in der Region.

Dieses gleiche Prinzip des Dezentralen wurde damals auch auf lokaler Ebene erprobt. Es ging darum, an die Menschen näher heranzukommen, auch „Die Außenhaut der Innenstadt“ zu bespielen. Ein Ansatz, der in Europas Kunstgeschichte übrigens zu der Zeit gut 100 Jahre alt war und den der ursprüngliche Projekteträger von Kunst Ost, nämlich kultur.at, in den Jahren davor schon geübt hatte. Dieser Projektziel hieß:

Das Aprilfestival#

Inzwischen schien es günstig, dem laufenden Jahr jeweils zwei Halbjahres-Schwerpunkte zu geben.
  • Erstes Halbjahr: Schwerpunkt regionale Kräfte der Kunst, als Aprilfestival, denn dieses Zeitfenster hatte sich bewährt.
  • Zweites Halbjahr: Schwerpunkt internationale Kräfte, das fortlaufende Kunstsymposion von Kultur.at & Kunst Ost, wie es aus der ersten Zusammenarbeit mit dem Festival „steirischer herbst“ hergeleitet wurde.

Das befand sich 2007 in der Startphase und brachte 2008 zu next code: love Künstlerinnen und Künstler aus Österreich, Serbien und der Türkei nach Gleisdorf. Das war schon mit dem Blick auf 2014 angelegt, wo die Wirkung 1914 zu erörtern sein werde.

Im konstituierenden Jahr hieß es bezüglich April-Festival: „Heuer findet in der Oststeiermark erstmals das künstlerische ‚April-Festival‘ statt. Es steht vom 22. April bis zum 7. Mai 2010 unter dem Titel ‚Weltmacht:Energie‘ und verbindet fünf Gemeinden der ‚Energie-Region‘, Wünschendorf, Gleisdorf, Albersdorf, St. Ruprecht und Weiz, plus Markt Hartmannsdorf." (Quelle)

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Lehmann übernimmt#

Bildhauer Winfried Lehmann hat die Verantwortung für das Aprilfestival übernommen. Damit ging ein Projektteil, den Kunst Ost in den vergangenen Jahren erprobt hat, in die Selbständigkeit. Lehmanns Mission Statement: (Text)

In diesem Jahr habe ich auf Einladung von Lehmann „Die Quest“ konzipiert und als einen laufenden Prozeß für die kommenden Jahre angelegt: (Link) In diesem Bereich sollte auch weiterhin das prozeßhafte Vorgehen nützen, um größere Themenstellungen zu bewältigen, indem die Arbeit mehrere Jahre beansprucht.

Das 2019er Jahr#

In diesem Jahr war für mich eine gründliche Neuorientierung fällig. Daher hab ich das Projekt „Die Quest“ beendet, um mich auf andere Aufgaben zu konzentrieren. Das ist in „Die Projektsituation 2019“ skizziert: (Text)

In diesem Jahr erschein meine komplexe Kulturgeschichte des Steyr-Puch Haflinger, begleitet vom Online-Projekt Wege und Abwege. Gegen Jahresende war ich mit Fokus Freiberg-Exponent Ewald Ulrich einig, einen Beitrag für Schloß Freiberg zu erarbeiten.

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Ab hier ist im Augenblick (November 2019) völlig offen, was sich in diesem Milieu nun abzeichnet; als ein kulturelles Engagement auf zivilgesellschaftlicher Ebene, also durch Bürgerinnen und Bürger der Region initiiert und umgesetzt. Im Projektrahmen Dorf 4.0 sind derzeit einige Optionen angelegt, wovon die "Wegmarken" und "Mythos Puch VII" schon sehr konkret sind.

Auf jeden Fall scheint so nun eine Dekade des regionalen Kulturgeschehens ihr Ende erreicht zu haben. Es dominiert das alte Top down-Prinzip statt dem Bottom up-Prinzip, was bedeutet, Politik und Verwaltung sind die dominanten und lenkende Kräfte des regionalen Kulturbetriebs.

Die Verlaufsgeschichte wird stellenweise einfach umgeschrieben. Eine Praxis der Komplexitätsreduktion. Fakten erweisen sich als nachrangig, auch das paßt zur Zeit. Die letzten zehn Jahre haben ein paar bemerkenswerte Aspekte.

Zur Erinnerung: was 2008 mit dem dezentralen Festival „pomale“ begann, fiel in jene Zeit, wo der Lehman Brothers-Crash eine Welle der Krisen rund um die Welt schickte, die sich bis 2010 mit den jeweils hausgemachten Problemen vor Ort gut vermischt haben. Die steirische Regierung reagierte darauf mit einer energischen Verwaltungsreform und den Doppelbudgets.

Das ging erheblich zu Lasten des Kulturbetriebes, wo Budgets einbrachen, was Verdrängungswettrennen nach sich zog. Kulturpolitisch führte das mehrheitlich ins vorige Jahrhundert zurück. Dazu paßt die Pose der Einzelpersönlichkeit, die sich über kollektive Arbeit stellt. So dürfen wir gespannt sein, wovon die kommenden zehn Jahre geprägt sein werden. (Fortsetzung: Das Gewicht der Argumente. Kulturpolitische Aspekte laufender Arbeit)

Das Lehmann-Statement (Quelle: Facebook)
Das Lehmann-Statement (Quelle: Facebook)