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Notiz 013: Tracht und Niedertracht, Teil 2#

(Von Bauern, Förstern und Schilehrern. Oder: Herr Alexander stammt ab.)#

von Martin Krusche#

„Gilt schon für die ‚uralten‘ Bräuche, dass sie irgendwann doch einmal angefangen
und sich in ihrer ersten Phase meistens ‚modisch‘ ausgebreitet haben, so steht die
jüngere Entwicklung vollends im Zeichen von Innovation und rascher Diffusion.“

(Hermann Bansinger: „Zu den Funktionen der Mode“)

(Teil 1) Ich betreue in den Social Media mehrere Kommunikationskanäle. Darum staune ich längst nicht mehr, wenn mancher Kommentar sich an einer Titelzeile entzündet, aber merklich danebengeht, weil die Person offenkundig den Link nicht angeklickt hat, um den Text aufzumachen, der eigentlich markiert wurde.

Tracht als PR-Artikel ohne Rücksicht auf tradierte Codes. (Foto: Martin Krusche)
Tracht als PR-Artikel ohne Rücksicht auf tradierte Codes. (Foto: Martin Krusche)

Herr Alexander, der Musiker, von dem im ersten Textteil schon die Rede war, hat in diesem kleinen Episödchen zuerst einmal auf den Titel der verlinkten Glosse reagiert. Dieses „Kein Dirndl für mich“ (Quelle) quittierte er mit „Titel allein ist schon mega“.

Nun muß man sich weder mit der Trachtlerei, noch mit dem Oktoberfest-Gepränge unbedingt eingehender befassen, wenn man das Thema bloß aus den Augenwinkeln wahrnimmt. Ein leben kann auch ohne diese Themen gelingen. Die Unterhaltungsindustrie haut freilich ständig derlei Motive raus.

Was man von München aus als größtes Volksfest der Welt promotet, darf eventuell als sanfte Variante der großen Spiele von einst gedeutet werden. Seinerzeit wurde in der Arena diverses Personal den Raubtieren hingeworfen oder mußten sich Gladiatoren gegenseitig zerfitzeln. Heute haut sich das werte Publikum selbst weg, Maß für Maß, und es wird nicht mehr annähernd so viel geblutet.

Aber das ganze Ereignis zeigt doch eine interessante Seite unserer kulturellen Codes, wobei das Thema Tracht seit wenigstens 200 Jahren merkwürdige Kontraste liefert, wenn es um Distinktion und Lagerabgrenzung geht. In der Steiermark wird eine Massenveranstaltung wie das „Aufsteiern“ ja auch bedenkenlos mit dem Begriff Volkskultur assoziiert und falls sich die Gelegenheit bietet, mit Herrn Gabalier garniert. Dieser umsatzträchtige Berufskollege von Herrn Alexander hält sich bekanntermaßen für ein bodenständiges Exemplar des Steirers. Mega!

Die Heimat und die Tracht#

Wir hatten auf Facebook eine kurze Diskussion. Herr Alexander machte geltend, „dass die Tracht von Niederträchtigen vereinnahmt wurde, genau so wie der Begriff ‚Heimat‘, dafür kann weder die Tracht noch die Heimat etwas“. Das ist eine interessante Position, weil er damit eine Art Unschuld der Begriffe betont, die sich belegen ließe, falls man ihre ursprüngliche Bedeutung kennen würde.

Gut, Sprache ändert sich stets und Bedeutungszuweisungen folgen den Lebenserfahrungen der Menschen. Daher bleiben wir in kulturellen Fragen unbedingt darauf angewiesen, Zeit und Zusammenhang im Auge zu behalten, wenn wir einen Begriff verstehen wollen. Die Heimat war ursprünglich nicht das Vaterland, schon gar keine Nation, kein Staat, sondern bloß das Haus, der Hof, bestenfalls der Ortsteil, woher man stammte. Und Tracht war ursprünglich nur ein Wort für Bekleidung. Daß es bei so neutralen Inhalten nicht blieb, ist evident.

Das meiste, was uns heute an einschlägigen Textilien vorkommt, ist Konfektionsware unterschiedlicher Preis- und Qualitätsstufen, wobei in einigen Segmenten noch Material, Handwerkskunst und Zeichensprachen angewandt werden, die der Unterhaltungsindustrie viel zu kostspielig und komplex sind. Daher lautete meine Replik auf Facebook: „bedaure, aber was wir als ‚tracht‘ kennen ist eine kühne mischung aus arbeitsgewand, standestracht und mode. ma könnt auch so sagen, diese fetzen wissen nicht, was sie sein möchten. ist sowas wie das fähnchen, das in jeden wind gehängt werden kann.“

Nationalkitsch läßt die Kasse klingeln. Seine Wurzeln in einem menschnverachtenden Nationalsimus werden ignoriert. (Foto: Martin Krusche)
Nationalkitsch läßt die Kasse klingeln. Seine Wurzeln in einem menschnverachtenden Nationalsimus werden ignoriert. (Foto: Martin Krusche)

Zugegeben, das war etwas polemisch formuliert, läßt sich aber in seinen Details gut belegen. Ich hatte bei „Kunst Ost“ Gelegenheit, mich mit einer Meisterin des Fachs zu verständigen, die Jahrzehnte ihres Lebens dem traditionellen Handwerk und den komplexen Codes der Tracht gewidmet hatte. Dabei ist ihr eigener Abschied von diesem Genre so bemerkenswert wie berührend. Sie wollte nämlich derlei Mühen nicht mehr auf sich nehmen, dieses aufwendige Arbeiten, um eine kulturelles Zeichensystem weiterzutragen, das von der Kundschaft kaum noch gekannt und geschätzt wird.

Komplexitätsreduktion#

Freilich lassen sich Versatzstücke dieser Kultur gut vermarkten und diverse Booms im Hochspielen solcher Elemente haben die Wirtschaft der letzten Jahre unterschiedlich belebt. Ich kenne hier, in der Kleinstadt Gleisdorf, wenigstens zwei Läden, die einen Schwerpunkt zum Thema anbieten. Preiswerte Massenware. Das meiste davon Fetzen und Fähnchen, Surrogate, hergestellt in erheblicher Komplexitätsreduktion der ursprünglichen kulturellen Produkte.

Es ist längst nicht mehr „Die Heimat“, die konkrete Herkunft, wovon wir die stärksten Identitätsangebote erhalten. Das leistet heute die Wirtschaft, das bewirtschaftet die Werbebranche, das feiert die Unterhaltungsindustrie. Da wird dann gelegentlich auch eine Schmonzette wie das Lied „I Am From Austria“, mit der Rainhard Fendrich ein großes Gefühl simuliert, quasi zur zweiten Landeshymne.

Folglich muß ich daran festhalten, der Großteil an Tracht, wie er uns meist nur anlaßbezogen vorgeführt wird, „ist sowas wie das fähnchen, das in jeden wind gehängt werden kann.“ Diese Auftritte sind überwiegend als zeitbezogenes kulturelles und/oder politisches Statement dechiffrierbar.

Herr Alexander antwortete mir folgendermaßen: „So siehst Du das. Mein Wind ist das nicht der da durch deine Gedanken weht - als geborener Gebirgsmensch aus einem Stamm von Bauern zum einen und Förstern zum anderen sieht man das etwas differenzierter, aber wie Du meinst. viel Freude mit Deiner Einstellung“.

Das ist ein außergewöhnliches Stück Prosa, welches seinerseits als ein Versatzstück aus der trivialen Welt von Heimatfilmen und Groschenromanen gelten darf. Pathos und Aussage kommen aus der Trivialkultur. Das Lustige daran, diese Mitteilung illustriert, was in der kurzen Debatte auf Facebook betont wurde. Wenn ein (Klein-) Städter sich romantische Fantasien vom bäuerlichen Leben macht, kommt es etwa so daher. Mit der sozialen Realität der früheren agrarischen Welt hat das ungefähr nichts zu tun.

Ausschnitt der Debatte. (Quelle: Facebook)
Ausschnitt der Debatte. (Quelle: Facebook)

Das Differenzierte, von dem man „als geborener Gebirgsmensch aus einem Stamm von Bauern zum einen und Förstern“ zu wissen glaubt, ist genau… was? Herr Alexander entstammt einer gut situierten Kleinbürgerfamilie in einer steirischen Kleinstadt. Aus welchem Erbe schöpft er seine tiefere Einsicht? Das war nicht zu erfahren, weil er seine Sachkenntnis für sich behielt und im Debattenverlauf schnell zu Spott überging.

Quellen und Diskurse#

Mein Einwand lautete: „naja, ich erzähle hier bloß, was der kulturgeschichtliche diskurs zum thema derzeit sagt. demnach hat tracht mit der ursprünglichen agrarischen welt eher wenig zu tun…“ war schnell vom Tisch gewischt. Herr Alexander: „hahahaha, das ‚kulturgeschichtliche Diskurs‘ Versteck erfreut sich grösster Beliebtheit“.

Aber nein! Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Was einschlägige Forschung heute darlegt, bietet ja überhaupt erst jene etwas differenzierte Betrachtung des Themas, während ein schnoddriges Reproduzieren von Heimatfilm-Klischees mit stammesgeschichtlicher Referenz an die inzwischen historische Verklärung des Themas anknüpft, die den Blick darauf verstellt.

Außerdem ist der hier angewandte Untergriff seit der Antike bekannt und dokumentiert. Wenn du in einer Debatte auf jeden Fall obsiegen möchtest, verwirf die Argumente zur Sache und hau deinem Opponenten Argumente zur Person um die Ohren.

Wo respektvoller Umgang gewünscht ist, kann man auch ganz entspannt im Dissens verbleiben. Antwortvielfalt ist ein wertvolles Gut. Wer sich meiner Meinung nicht anschließen kann oder will, bleibt eben bei seiner. Das sollte kein Problem sein.

Aber es ist ein klares Statement, wenn jemand Andersdenkende nicht ernst nehmen möchte, was übrigens gerade in diesem Jahr 2019 auf Bundesebene erhebliche politische Brisanz erlangt hat. So gesehen erwies sich der „geborener Gebirgsmensch“ als absolut zeitgemäß. Die stammesgeschichtliche Anmutung („aus einem Stamm von Bauern“) hatte in den letzten Jahren eine festliche Renaissance, ist ein pures Ideologieprodukt, daß sich dem Rassismus verdankt.

Herr Alexander riet mir: „get over your fucking self Martin, es ist nicht alles so furchtbar kompliziert noch tragisch, definier mal bitte ‚solide Quelle‘ für ein Gebirgsmenschenkind das völlig ungeachtet und unvoreingenommen irgendwelcher ideologischer Fäden und Winde gegenüber in einem natürlichen Habitat mit Bauern, Förstern, Schilehrern und Bergsteigern aufgewachsen ist.“

Da war er also wieder, dieser Tonfall aus den Groschenheften, der unsere Wälder, die allesamt bloß noch Plantagen sind, als ein „natürliches Habitat“ versteht, das in Anlehnung an die Expertise des seligen Schmonzetten-Regisseurs Franz Antel von „Bauern, Förstern, Schilehrern und Bergsteigern“ bevölkert sei.

Das mit der soliden Quelle ist übrigens gar nicht so schwer. Ich finde ein Artefakt, einen Text, eine Aussage. Ich deute und bewerte solche Quellen. Ich stelle diese Deutung zur Debatte. Ich nehme allfällige Einwände und Ergänzungen seitens anderer Leute zur Kenntnis, nutze solche Möglichkeiten, deren Reaktionen in meine Deutung einzuarbeiten. Dann habe ich etwas Solideres an der Hand, als bloßes Raunen und Dahinbehaupten. Das skizziert einen Prozeß, der nie als abgeschlossen gilt.

Kleiner Einschub: Fakten#

Der Historiker Jacques Le Goff hat in seinem Buch „Geschichte und Gedächtnis“ ganz unmißverständlich notiert, daß „historische Fakten nicht gegeben sind, sondern gemacht werden, zum anderen, weil Objektivität in der Geschichte nicht die bloße Unterwerfung unter Fakten ist“.

Das halte ich für einen Teil jener kulturgeschichtlichen Diskurse, dank derer sich solche Anmaßungen verhindern lassen, die wir schon kennen. Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer hat sich mit dem Thema Tracht eingehend befaßt und ein Beispiel solcher Anmaßungen beschrieben, das sie als „Moderne rückwärts gedacht“ markiert. Das meint die Nationalsozialisten und Institutionen wir die Abteilung „SS-Ahnenerbe“, denen wir eine „Neuerfindung der Tracht“ verdanken.

Wallnöfer nannte die Nazi-Praktiken einleitend den „vermutlich größten Raub der zivilisatorischen Geschichte“. Der „steht gleichzeitig auch für den unbedingten Willen zur Schaffung einer Zivilreligion“.

Le Goff betont: „Ein Faktum herauszuarbeiten heißt zu konstruieren.“ Wir bleiben also auf laufende Debatten angewiesen, wenn wir über historische Zusammenhänge mehr Klarheit erhoffen. Ich halte Dissens in diesen Debatten für einen Gewinn, für anregend. Wer aber meint, es könne „Wahrheit“ produziert werden, indem man Widersprüche eliminiert, ist vermutlich kein Freund der offenen Gesellschaft.

Und die Tracht?#

Arbeitsgewand. Standestracht. Mode. Das sind die wesentlichen Quellen dessen, was wir heute als Tracht kennen. Dazu einige Hinweise. Es könnte Ihnen heute noch ein Zimmermanns-Geselle auf der Walz über den Weg laufen. Dessen Tracht ist markant, unverwechselbar, und selbstverständlich von den Arbeitsbedingungen dieses Handwerks geprägt.
Bergmannstracht im Koralmtunnel? Keine Spur! Arbeits- und Alltagskleidung haben sich längst vermischt. (Foto: Martin Krusche)
Bergmannstracht im Koralmtunnel? Keine Spur! Arbeits- und Alltagskleidung haben sich längst vermischt. (Foto: Martin Krusche)

Derlei kann Ihnen auch bei Bergleuten auffallen, wenn sie zu festlichen Anlässen ihre traditionelle Tracht anziehen. Doch wer derzeit im Tunnelbau hackelt oder im Tagbau arbeitet, wird da meist in Jeans und T-Shirt zu sehen sein, bestenfalls im Blauzeug.

An meinem Sohn, einem Fabrikarbeiter, stelle ich erstaunt fest, daß es inzwischen Arbeitsgewand gibt, welches eindeutig zum Modebereich tendiert. Darunter viele Kleidungsstücke für Fabrik oder Baustelle, mit denen ich in der Freizeit anstandslos ausgehen würde. Dazu kann man sich einen dicken Versandkatalog beschaffen, dank dessen sich die ganze Familie stilgerecht einkleiden läßt.

Standestracht. In einer ständischen Gesellschaft konnte man am Dresscode erkennen, mit wem man es zu tun hat. Der Kinderreim erzählt noch von dieser ständischen Ordnung: „Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann…“

Der Stand einer Person war am Gewand ablesbar. Vielleicht kennen Sie Geschichten, wo bestimmte Farben nur von Königen getragen werden durften, wahlweise von exponierten Persönlichkeiten. Purpur, Königsblau oder Preußischblau sind Beispiele für derlei Zuschreibungen. Gold erst recht.

Die Standestracht war freilich auch ganz banal eine Art Gebiets- und Marktschutz für die Textilindustrie, wo zum Beispiel bestimmte Stoffe vorgeschrieben wurden, die es nur aus landeseigener Produktion gab. Oder denken Sie an Uniformen! Da haben Sie eine Mischung aus all diesen Genres. Sie sind Arbeitsgewand, zeigen Stand/Rang an, unterliegen aber auch modischen Einflüssen und werden in ihren Galaausführungen hochrangiger Kräfte mitunter zu Prunkgewändern.

Was die Mode angeht, lassen sich zu diesem Thema Bibliotheken füllen. An dem Genre ist nichts „Volkstümliches“. Die ganze Moderne scheint davon geprägt, daß sich diverse Milieus kulturell an denen orientieren, deren Sozialprestige ans höherrangig gilt. Umgekehrt plündern gutsituierte Leute bedenkenlos die Kulturen subalterner Schichten, wenn ihnen etwas davon gefällt. Die Wirtschaft mischt all das auf. Die Politik bewirtschaftet solche Zusammenhänge. Ich vermute, wir werden zu diesen Dingen weiter im Gespräch bleiben müssen… Dieser Kommentar ist Teil der Textsammlung Volkskultur (Beiträge zu einer notwendigen Debatte. Eine kleine Übersicht) des „Kuratorium für triviale Mythen“.